Meister der Verführung, Hochstapler und Bibliothekar: Casanovas letzte Jahre in Böhmen

Bei Casanova denkt man vielleicht an einen Herzensbrecher, Hochstapler oder Poeten, aber eher nicht an einen Bibliothekar. Doch die letzten 13 Jahre seines Lebens war der berühmte Mann aus Venedig genau das – und zwar auf Schloss Dux in Nordböhmen.

Erst mit 60 Jahren kam Casanova ins Königreich Böhmen. Bis dahin hatte er so viel erlebt, dass auch der Literaturwissenschaftler Leo Damrosch meint, nur in einem Buch könne das angemessen wiedergegeben werden. Und ein solches hat der emeritierte Harvard-Professor 2022 unter dem Titel „Adventurer: The life and times of Giacomo Casanova“ (Abenteurer: Das Leben und die Zeiten von Giacomo Casanova) veröffentlicht. Im Interview für Radio Prag International sagt Damrosch:

Leo Damrosch: 'Adventurer' | Quelle: Yale University Press

„Ich habe meine Biographie bewusst ‚Abenteurer‘ genannt. Das war ein anerkannter Typus im 18. Jahrhundert in Europa. Etwa 60 von ihnen sind den Historikern heute bekannt. Sie waren immer in Bewegung, immer auf dem Sprung. In jeder neuen Stadt fanden sie Wege, um zu Reichtum zu gelangen. Dann wurden sie rausgeworfen und zogen zur nächsten weiter. Das war auch das Leben, das Casanova führte.“

Vor genau 300 Jahren, am 2. April 1725, wurde er in Venedig geboren. Er studierte Jura und hatte bereits mit 17 Jahren einen Doktortitel. Casanova versuchte sich in unterschiedlichen Berufen – doch ihm war alles zu eng. Er wollte ein luxuriöses Leben. Mit seiner breiten Bildung und seinen Talenten gelangte er an die Herrscherhöfe in ganz Europa. Zugleich ergaunerte er sich immer wieder hohe Geldsummen. Und in Frankreich betrieb er ein einträgliches Casino. Aber er überspannte den Bogen so häufig, sodass er zur Persona non grata wurde.

„Er wurde buchstäblich aus vielen Ländern Europas verbannt. Unter anderem aus England, wo er ein Jahr verbrachte, aber auch aus Deutschland sowie Russland, wo er lange Zeit war, oder aus Spanien. 1785 kehrte er nach knapp 20 Jahren Verbannung nach Venedig zurück, geriet aber sofort wieder in Schwierigkeiten und musste weg“, so Damrosch.

Leo Damrosch | Foto: YouTube

So kam der Frauenheld nach Wien. Und dort lernte er Joseph Karl von Wallenstein kennen. Dieser bot ihm die Stelle als Leiter der gräflichen Bibliothek auf seinem nordböhmischen Jagdschloss Duchcov / Dux an. Genau dort verbrachte Casanova die letzten 13 Jahre seines Lebens.

„Er mochte es dort nicht. Es war eine Kleinstadt. Nie lernte er auch nur ein Wort Tschechisch oder Deutsch, genauso wenig wie zuvor Russisch oder Englisch. Er sprach nur Französisch und Italienisch, ein bisschen Spanisch konnte er auch. In Dux konnte er sich zwar mit den Adligen auf Französisch unterhalten, aber er fühlte sich komplett entfremdet von dem Städtchen und hatte ewige Streitereien mit dem Schlosspersonal. Es war das entmutigende Ende seines Lebens“, sagt der US-amerikanische Wissenschaftler.

Gerade aber diese graue Zeit machte Casanova zum Schriftsteller. Im geschriebenen Wort tauchte er wieder ein in seine früheren Zeiten. Ab 1790 schrieb er seine Memoiren. Es ist die „Geschichte meines Lebens“, wie er diese betitelte. 116 Geliebte erwähnt er darin, obwohl es sicher mehr waren, und schildert schier unglaubliche Geschichten wie etwa den Ausbruch aus dem Kerker in Venedig.

Schloss Duchcov | Foto: Kateřina Ayzpurvit,  Radio Prague International

Während der Zeit auf Schloss Dux nutzte Casanova jede Gelegenheit, um von dort wegzukommen. Leo Damrosch:

„So häufig wie möglich floh er nach Dresden oder Wien. Jemand hat einmal durchgerechnet, wie viel der insgesamt 13 Jahre auf Schloss Dux er anderswo verbrachte. Und wenn man die Monate zusammenzählt, kommt man auf volle vier Jahre.“

Als er am 4. Juni 1798 starb, hatte die Französische Revolution bereits jene Hofkultur ausgelöscht, die Casanova noch in Frankreich erlebt hatte. Und Venedig war keine eigenständige Republik mehr, sondern von Napoleon erobert und an Österreich weitergereicht worden. Die Welt des früheren Abenteurers war zerstört.

Foto: Kateřina Ayzpurvit,  Radio Prague International

Und auch das Begräbnis von Casanova bezeichnet Literaturwissenschaftler Damrosch als tragisch. Denn der berühmte Venezianer war Freimaurer, aber bei den mittlerweile reaktionären Regierungen in Europa galten diese als gefährlich.

„Seine wenigen Freunde in Dux bestatteten Casanova in einem namenlosen Grab an der kleinen Barbara-Kapelle. Sie befürchteten, dass der Leichnam ausgegraben und aus Rache an den Freimaurern verstümmelt werden könnte. Deswegen weiß niemand, was mit seinem Körper geschehen ist“, sagt Leo Damrosch.

Und auch auf Schloss Dux ist nicht viel von Casanova zurückgeblieben. Das wichtigste Ausstellungsstück zu ihm ist ein Sessel – nämlich jener, in dem er starb.

Foto: Kateřina Ayzpurvit,  Radio Prague International
Autoren: Till Janzer , Danny Bate
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