Mikulov (Nikolsburg) - italienische Perle Südmährens

Mikulov (Foto: Barbora Kmentová)

In der nachfolgenden Touristensprechstunde werden wir Sie in eine "italienische" Stadt entführen. Doch sie liegt nicht an der Seeküste, sondern in Südmähren. Sie verdiente sich das Attribut "italienisch" dank ihres Aussehens, ihrer wertvollen Architektur und der umliegenden weißen Felsen. Gemeinsam mit Lothar Martin und Markéta Maurová besuchen Sie nun die Stadt Mikulov (Nikolsburg).

Mikulov (Foto: Barbora Kmentová)
Mikulov (Nikolsburg) ist eine malerische Stadt im Süden Mährens, am Fuße des Höhenzugs Pavlovske vrchy und mitten in einer Weinberglandschaft gelegen. Der Weinanbau spielt hier seit Jahrhunderten eine bedeutende Rolle. Die Reben wurden wohl schon seinerzeit von den Römern hier eingeführt, deren Legionen unweit der Stadt bei Muschov ihre Lager aufgeschlagen hatten.

Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Stadt war die dortige Herrschaft der Dietrichsteiner. Zur Zeit Franz von Dietrichsteins entfaltete sich Mikulov zu einem wahren Zentrum Mährens, besonders nach der Schlacht am Weißen Berg, als der Kardinal das grenzlose Vertrauen Ferdinands II. genoss und daher dessen Statthalter in Mähren wurde. Mikulov war zwar nicht vom Titel her, aber de facto die Hauptstadt Mährens geworden. Die Dietrichsteiner machten sich auch um das Aussehen der Stadt und des dortigen Schlosses sehr verdient. Franz begann den großzügigen Umbau der Burg zu einer repräsentativen Adelsresidenz. Die um ein Geschoss aufgestockten Bastionen wurden in Säle verwandelt und mit neu angebauten Flügeln durch einen über den Hof führenden Gang verbunden. An der Nordseite wurde in der größten Bastion ein sog. Ahnen-Saal mit Medaillonfresken von den einzelnen Familienmitgliedern und mit stuckverzierten Nischen im südlichen Teil eingerichtet. Im 17. Jahrhundert entstand im Schloss auch ein Schlosstheater und ein Bibliothekssaal.

Nach einem Brand im Jahre 1719, der von der Judenstadt aus auch auf das Schloss übergriff, errichtete Walter Xaver Dietrichstein in der unglaublich kurzen Zeit von fünf Jahren eine Residenz im Stile des Spätbarock. Dabei kam es zu Veränderungen der inneren Dispositionen des Schlosses. Ein Gang zwischen den Schlossflügeln teilte den Raum des Innenhofes. An der Ausgestaltung der Innenräume und des Exterieurs arbeiteten bedeutende einheimische und fremde Künstler. Zu erwähnen ist der Maler Anton Josef Prenner, der Autor der Dekoration in der Eingangshalle des Schlosses sowie der Fresken, die Geschichten aus dem Leben von Kardinal Dietrichstein darstellen.

Schloss in Mikulov (Foto: Barbora Kmentová)
Da das Schloss nach französischem Vorbild einen Ehrenhof besitzen sollte, musste ein geeigneter Raum für seine Anlage gefunden werden. So wurde am Fuß des Hügels vor der Toreinfahrt ein dreieckiger Raum mit einer Zufahrt vom Stadtring geschaffen. Der Bildhauer Ignaz Lengelacher brachte hier im Jahre 1723 eine Reihe dekorativer Vasen, liegender Pferde und Kartuschen mit Rokokowappen an.

Das Schloss von Mikulov war Zeuge einer ganzen Reihe bedeutender historischer Ereignisse. Während des 30jährigen Krieges wurde im Jahre 1622 in dessen Räumen der Frieden zwischen Ferdinand II., den Kardinal Dietrichstein vertrat, und Behlen Gabor geschlossen. 1753 nahm Maria Theresia im Thronsaal die Huldigung der mährischen Stände entgegen. Im Dezember 1805 fanden dort die Friedensverhandlungen zwischen Napoleon Bonaparte und Österreich statt. Und schließlich versammelten sich am 23. Juli 1866 dort Vertreter des österreichischen Staates, um mit dem preußischen König und dessen Kanzler Otto von Bismark die Bedingungen für einen Waffenstillstand zu vereinbaren, den später der Prager Frieden krönte.

Mikulov (Foto: Jan Richter)
Vom Schloss ist es nicht weit zu der darunter gelegenen Stadt. Der Stadtring schließt sich eigentlich direkt an den Park an. Im Gebäude des Rathauses, in dem bis heute das Stadtamt sitzt, befand sich ursprünglich eine herrschaftliche Brauerei, die eine bedeutende Einnahmequelle für die Obrigkeit darstellte. 1606 verkaufte Kardinal Dietrichstein das Gebäude an die Stadt. Unter den Renaissance-Häusern zeichnet sich vor allem ein Eckhaus, das in den 60er Jahren des 16. Jahrhunderts errichtet wurde, mit einer besonderen Pracht aus. Seine Außerordentlichkeit wird durch den viereckigen turmartigen Eck-Risalit unterstrichen. Der Besitzer dieses Hauses "Zu den Rittern" widmete der Fassadenverzierung besondere Aufmerksamkeit. Er ließ das Erdgeschoss mit geometrischen Motiven und das Obergeschoss mit figuralen Szenen schmücken. Am Ende des 16. Jahrhunderts wurde am Eingang zum Ehrenhof vom Hauptplatz aus ein eingeschossiges Haus mit einem Laubengang gebaut. In dieser Zeit entstand offenbar der Gedanke, den gesamten Platz mit solchen Laubengängen zu umgeben. Diese Idee wurde aber nur an der Front der Häuser ausgeführt, die dem Schlosskomplex angegliedert sind.

Die Gruft der Dietrichsteiner (Foto: aveln4, CC BY-SA 3.0 Unported)
Seit 1680 beleben ein Brunnen mit einer Pomona-Statue und seit 1732 eine Dreifaltigkeits-Säule aus der Werkstatt Lengelachers den Stadtplatz. Seine wichtigste Dominante aber ist ein merkwürdiges und großes Gebäude mit zwei platten Türmen: die Gruft der Dietrichsteiner. Sie blieb Jahrzehnte lang geschlossen und wurde erst im Frühling dieses Jahres nach einer Renovierung wieder zugänglich gemacht. Ich sprach bei diesem Anlass mit dem Bürgermeister von Mikulov, Stanislav Mach:

"Wir haben uns auf die Öffnung der Gruft in Mikulov seit 30 Jahren gefreut. Der Grund lag nicht darin, dass man dort so viel Arbeit gehabt hätte, sondern darin, dass Finanzmittel nur spärlich flossen. Das vergangene Regime ließ dieses Denkmal nur soweit renovieren, damit es nicht einstürzt. In der Gegenwart haben wir das Glück gehabt, eine Subvention in der Höhe von 20 Millionen Kronen erhalten zu haben, und die Gruft konnte zugänglich gemacht werden."

Mikulov ist eine schöne Stadt mit vielen Denkmälern, doch sie ist ziemlich klein. Der monumentale Bau der Gruft zieht daher auf den ersten Blick die Aufmerksamkeit an sich. Wie geriet dieses Prachtgebäude in das Städtchen?

"Kardinal von Dietrichstein nutzte Mikulov als seinen Sitz. Daher gelangte seine Familiengruft hierher und sie ist meiner Meinung nach ein sehr schöner Bau."

Schauen wir uns nun die Persönlichkeit des Kardinals Franz von Dietrichstein, der die Geschicke der Stadt und deren Leben so stark beeinflusste, ein bisschen näher an. Dieser ehrgeizige Aristokrat, seit 1599 Bischof in Olomouc (Olmütz) und Kardinal, war eine bedeutende und einflussreiche Persönlichkeit ihrer Zeit. Er prägte wesentlich den Charakter der Stadt und der Burg, und verwandelte sie in einen Spätrenaissance-Sitz. Das Bau- und Wirtschaftsgeschehen in Mikulov wurde seinen Vorstellungen untergeordnet, Mikulov zu einer repräsentativen Residenz zu gestalten. Seine Bemühungen beschränkten sich dabei nicht nur auf die Burg, der er Schlosscharakter verlieh.

Nachdem er die Kapuziner nach Mikulov gerufen und freigebig dotiert hatte, beschloss er im Jahre 1623 den Bau einer Loretto-Kapelle. Er kaufte daher am unteren Teil des Stadtrings ein Grundstück, das neben dem Kloster lag, und ließ dort die Loretto-Hütte errichten. Zwei Jahre später war Gräfin Lobkowitz, die damals über Mikulov reiste, von der bereits vollendeten Kopie der hl. Hütte, der Santa Casa von Sansovini, so begeistert, dass sie beschloss, ihre Nachbildung im Prager Hradschinviertel zu veranlassen. Den Bau hatte der italienische Künstler Giovanni Giacomo Tencalla ausgeführt. Zum Loretto kam später noch die St.-Anna-Kirche hinzu und über die Santa Casa wurde ein Langhaus gebaut. Das Schicksal war dem Bau jedoch nicht gewogen. 1784 vernichtete ein ausgedehnter Brand das Kapuzinerkloster und die Kirche und beschädigte die Anna-Kirche dermaßen, dass das Deckengewölbe einstürzte. Das Gebäude verfiel allmählich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Dann beschlossen die Dietrichsteiner, es zu ihrer Familiengruft umzugestalten. Nach einem Entwurf des Wiener Architekten Heinrich Koch wurde das Gewölbe des Schiffes nicht mehr erneuert und die Türme erhielten anstelle der früheren Hauben flache Dächer. Das ehemalige Schiff verwandelte sich in ein Atrium, das Presbyterium zu einer Begräbniskapelle. In den Seitenräumen wurden Särge aufgestellt, von denen die ältesten aus der Mitte des 17. Jahrhunderts stammen.

Um den Glanz seiner Residenz zu erhöhen, führte Kardinal Dietrichstein 1631 die Piaristen in die Stadt und gab ihnen das bisherige Spitalsgebäude mit der Kirche. So nahm das älteste Piaristengymnasium in Mitteleuropa seine Tätigkeit auf.

Ansicht der Stadt mir dem Porträt des Kardinal Dietrichsteins (2. Hälfte des 17. Jh.)
Kardinal Franz von Dietrichstein bemühte sich sein ganzes Leben lang darum, Mikulov in einen Wallfahrtsort zu verwandeln, zu dem Gläubige aus der weiten Umgebung pilgern würden. Die Aufgabe eines Wallfahrtsortes erfüllte offensichtlich schon im 14. Jahrhundert die Anhöhe gegenüber des Schlosses, der sog. Tanzplan. Als 1622 in Mikulov und seiner Umgebung die Pest wütete, legte der Kardinal auf dieser Anhöhe eine Kapelle mit freistehendem Glockenturm an, die er dem hl. Sebastian, dem Schutzheiligen gegen die Pest, weihte. Noch zu Lebzeiten hat sich die Bezeichnung Heiliger Berg eingebürgert, die bis heute gebräuchlich ist.

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