Milena Findeis, eine Frau der ersten Stunde

In der August-Ausgabe der Zeitschrift Pritomnost war zu lesen, dass ihr Vorname eigentlich Renate ist, sie aber die Briefe Kafkas an Milena Jesenska so beeindruckt haben, dass sie sich deren Vornamen ausgesucht hat. Milena Findeis, gebürtige Österreicherin, lebt seit Anfang der 90er Jahre in Prag. Zuerst hat sie hier das Büro der Österreich Werbung aufgebaut, ab 1. September wird sie das Grandhotel Bohemia leiten. Bettina Schlener hat sich mit ihr über das Leben in Prag unterhalten.

Der Zeitschrift Pritomnost hat sie erzählt, "Wien schläft, Prag lebt" und das ist es, was ihr an Prag so gefällt. Doch Milena Findeis gibt zu, dass es einen viel wichtigeren Grund gibt, dieser Stadt nicht den Rücken zu kehren und nicht nach Indien oder Afrika auszuwandern, wie es ihr eigentlicher Wunsch war. Es ist ihr Sohn, der sich zu einem richtigen Prager entwickelt hat, und hier natürlich auch zur Schule geht.

Milena Findeis hat eine Abneigung gegen alles Statische, für sie ist Lebendigkeit das Wichtigste, und lebendig und völlig unstatisch war die Situation Anfang der 90er Jahre in Prag allemal. Einkaufen war ein Abenteuer, man musste um Lebensmittel anstehen, wenn es überhaupt welche gab. Abwechselnd mit anderen Österreichern, die sich schon so früh in Prag niedergelassen hatten, fuhr man ins Ausland um Joghurt, Mineralwasser und vieles mehr einzuführen. Doch die Zeit nach der Revolution war alles andere als hoffnungslos.

Leider sei dann auch in Prag eingetreten, was überall zu finden ist: Die Menschen hatten immer weniger Zeit. Innerhalb weniger Jahre mußte nachgeholt werden, wofür die Nachbarländer Tschechiens über 40 Jahre Zeit gehabt hatten. Klar, dass diese Stimmung zum Ehrgeiz anspornet, den Findeis bis heute bei den jungen Leuten hier in Prag feststellen kann. Den Grund dafür scheint sie zu kennen:

Doch das ist nur die eine Seite, denn andererseits hat sich das typisch Lebendige, das Informelle erhalten.

Ihr Faible für Lebendigkeit will Findeis auch in ihrem neuen Job einbringen. Obwohl natürlich alles durchorganisiert wird und perfekt klappen muß, soll - von der Rezeptionistin bis zum Hotelboy - etwas vom jeweiligen Menschen zu spüren sein, der hinter der professionellen Fassade steckt. Kein leichtes Ziel.

Autor: Bettina Schlener
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