Nachrichten Mittwoch, 15. April, 1998

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Radio Prag Nachrichten 15.4.1998 14 Uhr:

Havel - Ärzte - Pressekonferenz

Der Gesundheitszustand des tschechischen Präsidenten Václav Havel war nach Angaben der behandelnden Ärzte heute früh ausserordentlich gut, jedoch sei die Lebensgefahr nicht abgewendet. Es sei nicht auszuschliessen, dass in den nächsten Tagen als Folge der eitrigen Infektion postoperative Probleme aufträten, sagte heute Ernst Bodner, der Chef des österreichischen Chirurgenteams, das gestern bei einer dreieinhalbstündigen Notoperation dem tschechischen Präsidenten einen Teil des durchbrochenen Dickdarms entfernt hatte. Bodner stellte auf der heutigen Presskonferenz fest, man müsse wenigstens eine Woche abwarten, um zu bewerten, wie der Genesungsprozess fortgesetzt wird. Er fügte hinzu, es handele sich um eine Infektionserkrankung, die ohne Folgen zu heilen sei. Der tschechische Staatsoberhaupt habe eine ruhige Nacht verbracht und fühle nur gerine Schmerzen, erklärte sein Leibarzt Ilja Kotík gegenüber der Nachrichtenagentur CTK.

Kotík würdigte die Arbeit der österreichischen Ärzte sowie ihre rechtzeitige Diagnose. Auch die Gattin des Präsidenten, Dagmar Havlová, dankte heute auf der Pressekonferenz den österreichischen Ärzten dafür, dass sie ihren Mann gerettet haben. Frau Havlová wurde in dem Universitätskrankenhaus in Innsbruck untergebracht. Das tschechische Präsidentenpaar war auf Urlaub in Tirol, als Havel gestern mit Fieber und heftigen Unterleibsschmerzen ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Über den Zustand von Präsident Václav Havel berichten wir auch im aktuellen Block im Anschluss an die Nachrichten.

Rechtsbefugnisse - Havel

Falls der Staatspräsident sein Amt aus ernsthaften Gründen nicht ausüben kann, wird die Mehrheit seiner wichtigen Rechtsbefugnisse auf den Premierminister und den Vorsitzenden des Abgeordnetenhauses übertragen. Darauf müssten sich jedoch der Nachrichtenagentur CTK zufolge zuerst beide Parlamentskammern einigen.

NATO-Beitritt - Abgeordnetenhaus

Das tschechische Abgeordnetenhaus hat heute vormittag dem NATO-Beitritt des Landes mit grosser Mehrheit zugestimmt. Für den entsprechenden Antrag des Kabinetts stimmten 154 der 192 anwesenden Abgeordneten, dagegen votierten 38 Abgeordnete. Die Mitgliedschaft Tschechiens in der NATO muss noch von der zweiten Parlamentskammer, dem Senat, verabschiedet werden. Die zwei Tage dauernde Debatte über den NATO-Beitritt wurde an beiden Tagen direkt vom tschechischen Fernsehen übertragen. Die positive Entscheidung des Abgeordnetenhauses über den NATO-Beitritt Tschechiens wurde vom tschechischen Aussenminsiterium begrüsst. Es wurde - so die CTK - als ein Ausdruck der verantwortungsbewussten Haltung der Abgeordneten bezeichnet. Verteidigungsminister Michal Lobkowicz, Mitglied der Freiheitsunion, begrüsste auch die Entscheidung des Abgeordnetenhauses und brachte die Überzeugung zum Ausdruck, dass der Ratifizierungsprozess in Tschechien erfolgreich abgeschlossen wird.

Der Minister würdigte die Tatsache, dass der NATO-Beitritt heute neben den rechtsorientierten Abgeordneten auch von allen anwesenden Sozialdemokraten unterstützt wurde. Der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei, Milos Zeman, erklärte, dass er nicht der Meinung sei, dass es den Sozialdemokraten noch vor der Vollendung der Ratifizierung des NATO-Beitritts der Tschechischen Republik gelingen würde, eine Volkbefragung in dieser Angelegenheit durchzusetzen. Mit dem NATO-Beitritt Tschechiens befassen wir uns eingehender im aktuellen Block im Anschluss an die Nachrichten. Nach der jüngsten Meldung der CTK hat sich auch der in Intensivbehandlung befindliche Staatspräsident Václav Havel positiv zur Entscheidung der Abgeordneten geäussert und das Ergebnis begrüsst.

Tosovský - USA

Der tschechische Premierminister Josef Tosovský ist zu einem dreitägigen Arbeitsbesuch in Washington eingetroffen, wo er an der Tagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank teilnimmt. Heute wird Tosovský mit der US- Aussenministerin Madeleine Albright zusammentreffen, die er u.a. über den Gesundheitszustand von Václav Havel informieren wird. Mitglied der Regierungsdelegation in Washington ist auch der amtierende Gouverneuer der Tschechischen Nationalbank, Pavel Kysilka. Finanzminister Ivan Pilip weilt in Washington schon seit Ostermontag. Mehr über den Besuch des tschechischen Premiers in den USA bringen wir im aktuellen Block im Anschluss an die Nachrichten.

Zukunftsfonds - Entschädigung

Der Verwaltungsrat des deutsch-tschechischen Zukunftsfonds hat heute den Informationen der Nachrichtenagentur CTK zufolge mit der Entschädigung von tschechischen Holocaust-Opfern begonnen. Am Morgen habe die Allgemeine Krankenversicherung in Prag vom Verwaltungsrat eine erste Rate in Höhe von etwas 11,65 Millionen Mark bekommen. Vorgesehen war, dass die tschechischen Opfeverbände die Namen der etwa 7.000 Empfänger übergeben. Die Höhe der einzelnen Auszahlungen hängt vor allem von der Haftzeit in den Lagern ab. Sie liegen - so die DPA - zwischen etwa 30.000 und 50.000 Kronen. Das Sozialprojekt war Anfang März vom Verwaltungsrat des Fonds während eines Treffens in Bonn bewilligt worden.

Innenministerium - Visapflicht

Das Innenministerium bereitet in Zusammenarbeit mit dem Aussenministerium die Einführung der Visapflicht für bestimmte postkommunistische Staaten vor. Bislang ist es jedoch den Informationen der CTK zufolge unklar, wann es dazu kommt und welche Länder diese Massnahme betreffen wird.

Abschliessend das Wetter:

Am Mittwoch ist es in Tschechien teils heiter, teils bewölkt und nur vereinzelt treten zunächst Schauern auf. Am Nachmittag bzw. Abend ist jedoch von Westen her mit zunehmender Bewölkung sowie Regen oder Schauern zu rechnen. Die Tagestemperaturen betragen 11 bis 15 Grad, die Nachttemperaturen zum Donnerstag 6 bis 2 Grad.

Das waren die Nachrichten. Im Programm geht es weiter nun mit Jitka Mládková.