Volkskultur des nuklearen Zeitalters im Ethnographischen Museum

Musaion

Was passierte mit der Volkskultur nach dem Verschwinden der Volkstrachten, der handgemalter Keramik und der mündlich verbreiteten Volksmärchen? Ist die Folklore verschwunden, nachdem die Leute aus den Bauernhäusern in die Mietshäuser und die Plattenbausiedlungen umgezogen waren? Die Antwort auf diese Fragen bietet die Ausstellung, die vor kurzem in der ethnografischen Abteilung des Prager Nationalmuseums, im Musaion eröffnet wurde.

Petr Janeček  (Foto: Barbora Kmentová)
Die traditionelle Volkskultur begleitete unsere Vorfahren von ihrer Geburt bis zum Tod. Sie hing mit dem Naturmilieu, den religiösen und magischen Vorstellungen sowie der Art des Lebensunterhalts zusammen. Aber auch in der Gegenwart gibt es die Volkskultur, sagt der Ethnologe Petr Janeček. Er leitet die ethnographische Abteilung des Prager Nationalmuseums und stellte die neueste Ausstellung im Ethnographischen Museum zusammen. Das Ziel sei es, so der Ethnologe, Phänomene des 20. und 21. Jahrhunderts vorzustellen, die in der heutigen Gesellschaft eine ähnliche Rolle spielen wie die Volkstrachten in der traditionellen Gesellschaft. Petr Janeček gliederte die Ausstellung in einige Bereiche. Im ersten Bereich wird die gegenwärtige Volksliteratur dokumentiert. Dazu zählten politische und andere Anekdoten, Stadtlegenden und Mythen sowie neuzeitliche Volkslieder, so Janeček.

Kinderspiel
„Ein weiteres Thema der Ausstellung ist die Welt der Kinder. Hier werden Kinderspiele, Spielzeug oder auch Poesiealben und Notizbücher gezeigt. Musikalische Subkulturen stellen einen selbständigen Themenbereich dar. Da interessierten uns vor allem die zu Hause gebastelten Kleidungsstücke der Anhänger der Punk- und Heavy-Metal-Musik. Denn sie gingen sehr kreativ mit ihrer Kleidung um – im Unterschied zur Mehrheit der Bevölkerung. Ein weiteres Phänomen stellt die Volkskultur der Soldaten während des Wehrdienstes dar. Sie bastelten oft eigene Banknoten. Sehr verbreitet unter ihnen war das farbige Meterband, an dem sie gemessen haben, wie lange sie noch beim Militär bleiben müssen. Länger dienende Soldaten hatten verschiedene spezifisch gebundene Schnürsenkel und anderes mehr. Diese Nuancen zeigen wir an konkreten Exponaten sowie an Schaupuppen in unserer Ausstellung.“

Tramp-Bewegung
Ein weiteres Phänomen der Volkskultur des 20. und 21. Jahrhunderts, das einzigartig und für Tschechien beziehungsweise die Tschechoslowakei besonders typisch ist, ist die so genannte „Tramp-Bewegung“. Diese Mischung der Pfadfinderbewegung mit dem Kult des Wilden Westens hat in der Ersten Republik ihre Wurzeln. Jedes Wochenende reisten junge Menschen in die Natur, und vor allem in der Umgebung von Prag sind dadurch ganze Kolonien von einfachen Wochenendhäuschen entstanden, von denen viele bis in die Gegenwart überlebt haben.

Musaion
Die Ausstellung trägt den Titel „Böhmens neue Sagen“ und ist im Musaion, dem Ethnographischen Nationalmuseum, noch bis zum 27. März zu sehen.