Geschichte der Juden in den böhmischen Ländern: Böhmerwaldseminar in der Bergsynagoge in Hartmanice

Die Bergsynagoge in Hartmanice

Am Wochenende hat in dem Städtchen Hartmanice das sogenannte Böhmerwaldseminar stattgefunden. Es wird seit Jahren vom Münchner Adalbert-Stifter-Verein veranstaltet. Martina Schneibergová hat nach der Tagung mit dem Organisator Wolfgang Schwarz gesprochen.

Herr Schwarz, diesmal fand das Böhmerwaldseminar an einem ganz besonderen Ort statt. Wie entstand die Idee?

Wolfgang Schwarz | Foto: Marco Nagel,  Adalbert Stifter Verein

„Die Bergsynagoge in Hartmanice ist natürlich für das gewählte Thema prädestiniert – für die jüdische Kulturgeschichte in den böhmischen Ländern. Es wurde eine Vielzahl von Vorträgen geboten, die sich mit dem Schicksal jüdischen Schriftguts in den böhmischen Ländern auseinandergesetzt haben oder mit jüdischem Leben im 19. und 20. Jahrhundert sowie mit der aktuellen Dimension. Es gab viele Vorträge, die auf die Vergangenheit schauten, aber auch die Gegenwart und Zukunft wurden nicht vergessen. Unter den rund 50 Teilnehmern waren Menschen, die jedes Jahr zum Seminar kommen. Aber öfters gibt es jetzt auch neue Interessenten, sodass wir einen gesunden Mix haben. Der Ort hat eine besondere Atmosphäre versprüht. Wir haben uns zum Teil an jüdische Rituale erinnert, aber eben auch an die schmerzvollen Seiten der gemeinsamen Geschichte.“

Haben Sie inzwischen Reaktionen gehört? Hat die Bergsynagoge die Leute so angesprochen, dass sie vielleicht wiederkommen wollen?

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Ich denke ja. Denn die Bergsynagoge bietet auch einige Ausstellungen, die sich mit der Geschichte des Böhmerwalds auseinandersetzen – über verschwundene Ortschaften sowie über die Geschichte der Synagoge, die sehr bewegt ist und die mit viel Glück die Wirren des 20. Jahrhunderts überlebt hat. Sie wurde von Michal Klíma, der die entsprechende Bürgerinitiative leitet, wieder aufgebaut und als Gedenkstätte des deutsch-tschechisch-jüdischen Zusammenlebens gestaltet. Ich bin sehr froh und dankbar, dass es möglich war, die Synagoge als Tagungsort zu nutzen.“

Wie suchen Sie die Themen jedes Jahr aus? Denn nächstes Jahr gibt es vermutlich das 25. Jubiläum des Böhmerwaldseminars…

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Nächstes Jahr sind es wirklich 25 Jahre, seitdem die Treffen organisiert werden, und wir wollen wahrscheinlich damit nach Budweis gehen. Das Thema der jüdischen Kulturgeschichte war für mich eigentlich nur mit Hartmanice denkbar. Ich wollte das Treffen nicht in einem Hotel machen, das hätte einfach nicht gepasst. Da die Unterkunftskapazitäten vor Ort gering sind, haben wir die Teilnehmer aufteilen müssen. Aber alles hat gut geklappt, ich bin sehr zufrieden. Und nächstes Jahr in Budweis werden wir uns wahrscheinlich auch der Bilanzziehung der deutsch-tschechischen Beziehungen widmen sowie der Arbeit der Institutionen, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir werden Gäste einladen, Podiumsdiskussionen machen und vieles mehr.“

Jedes Mal ist ein Musikabend Bestandteil des Seminars. Darauf wurde auch diesmal nicht verzichtet. Wen haben Sie eingeladen?

„Wir hatten die Gruppe ,Jidiš ve třech‘ zu Gast, mit Hana Frejková. Sie ist nicht nur Sängerin und

Jidiš ve třech | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Schauspieleirin, sondern auch Schriftstellerin. Sie schrieb ein autobiografisches Buch mit dem Titel ,Divný kořeny‘ (auf Deutsch etwa: Seltsame Wurzel, Anm. d. Red.). Frejková ist aber vor allen Dingen durch ihre glänzenden Auftritte voller Charme, Melancholie, aber auch Lebensfreude bekannt geworden. Dabei präsentiert sie jüdische Lieder zusammen mit dem Akkordeonisten Slávek Brabec und dem Klarinettisten Milan Potoček.“

Mit wem arbeiten Sie sonst als Referent für die böhmischen Länder beim Adalbert-Stifter-Verein auf tschechische Seite zusammen?

„Dadurch, dass ich diese Tätigkeit schon 25 Jahre ausübe, hat sich ein Netzwerk ergeben –in diesem Fall über die Euregio Böhmerwald-Bayerwald, die dieses Seminar fördert, bis hin zur Stadt Hartmanice. Des Weiteren arbeitete ich beispielsweise mit Tomáš Kraus zusammen, der lange Jahre die jüdischen Gemeinden in Tschechien als Generalsekretär geleitet hat. Dieses Netzwerk funktioniert und ermöglicht es auch, die Themen ein wenig vielfältiger aufzustellen und jene Leute einzuladen, die man wirklich gerne haben möchte.“

Die Bergsynagoge in Hartmanice wurde vor fast 20 Jahren wiedereröffnet. Sie kann täglich von Mittwoch bis Sonntag besucht werden. Sie ist von 9 bis 16:30 Uhr und am Wochenende bis 17 Uhr zugänglich.

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International