Litho Lito: Lithografie-Werkstatt in Litoměřice beherbergt 200 Jahre alte Presse aus Leipzig
„Litho Lito“ ist eine lithografische Werkstatt, die sich in einem der ältesten Häuser in der nordböhmischen Stadt Litoměřice befindet. Im Rahmen der Tschechisch-Deutschen Kulturtage hat sie Anfang November ihre Tore für die Öffentlichkeit aufgemacht.
Als Gotické dvojče, also Gotisches Zwillingshaus, wird ein Gebäude bezeichnet, das in einem verborgenen Winkel mit einem herrlichen Blick auf Litoměřice steht. Zwei spätgotische Giebel schmücken den Zwilling, in dessen Erdgeschoss die Steindruckwerkstatt „Litho Lito“ beheimatet ist. Diese wurde 2017 von der in der Stadt lebenden tschechischen Künstlerin Lenka Kahuda Klokočková gegründet:
„Seit meinen Hochschulstudien widme ich mich der Lithographie. Damals habe ich die Technik bei einem Studienaufenthalt im belgischen Antwerpen bei Frau Professor Ingrid Ledent kennengelernt. Nach meinem Abschluss an der Akademie der bildenden Künste in Prag kehrte ich für ein Jahr zu ihr zurück, um weitere Erfahrungen zu sammeln. 2017 bekam ich die Gelegenheit, eine Lithografie-Werkstatt in den Räumlichkeiten des Gotischen Zwillingshauses zu gründen, die zuvor leer standen. Dank der Unterstützung der Stadt Litoměřice, in deren Besitz sich das Haus befindet, kann die Werkstatt hier seitdem ununterbrochen tätig sein.“
Nur wenige Menschen haben eine Vorstellung, wie eine Lithografie-Werkstatt aussieht. Viel Platz würden darin die Druckmaschinen einnehmen, sagt die Grafikerin:
„In meiner lithografischen Werkstatt findet man eine Presse mit einer Transferwalze, die für den indirekten Steindruck verwendet wird. Zudem gibt es hier eine mindestens 200 Jahre alte Handpresse der Firma Karl Krause aus Leipzig. Eine lithografische Werkstatt kommt sicher nicht ohne einen Vorrat an lithografischem Kalkstein aus, vorzugsweise aus dem Steinbruch im bayerischen Solnhofen. Und dann braucht man natürlich noch jede Menge Verdünner, Farben, verschiedene Pinsel, Stifte, Steindruck-Crayons, Tusche, unterschiedliche Messer und vieles mehr.“
Werkstatt im Gotischen Zwillingshaus
Interessierte erhielten Anfang November die Möglichkeit, sich die Werkstatt „Litho Lito“ selbst anzuschauen, vor allem sich aber mit lithografischen Techniken bekannt zu machen. Der Workshop fand im Rahmen der Tschechisch-Deutschen Kulturtage statt. Die praktischen Arbeitsabläufe dieser klassischen druckgrafischen Disziplin wurden von Lenka Kahuda Klokočková und von Maria Katharina Franz präsentiert. Letztgenannte erläutert:
„Ich habe jetzt zusammen mit den Anwesenden auf eine Steinplatte das Bild gezeichnet, mit den klassischen Materialien Lithografie-Kreide und Lithografie-Tusche. Dann haben wir den Stein ein kleines bisschen vorbereitet. Die Anwesenden durften wenigstens einmal die Windfahne halten, um den Stein trocken zu wedeln. Mit dem Stein habe ich dann gedruckt, ein paar Sachen dazu erklärt, damit man nachvollziehen kann, wie dieser Prozess in etwa abläuft. Und jetzt haben wir hier zwei Probedrucke gemacht, die richtig toll geworden sind, die schon als Original mit Nummerierung als kleine Auflage durchgehen könnten.“
Franz hat an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert und ist seither freischaffend:
„Ich bin einerseits mit meiner eigenen künstlerischen Arbeit unterwegs, in der Lithographie aber einfach nur ein Baustein ist. Darüber hinaus mache ich performative Sachen und Fotografie. Was mich in der eigenen künstlerischen Arbeit sehr interessiert, ist die Bewegung, das Körperliche, das Tänzerische, Körper im Raum, Körper als Raum. Und darüber hinaus habe ich an der Technischen Universität im Fachbereich Kunstpädagogik einen Lehrauftrag, eben direkt für Lithografie. Mir ist total wichtig, die Philosophie von Lithografie weiterzutragen, was dieser Prozess ist, was er bedeutet. Aber wichtiger finde ich fast noch, ein bisschen die Metaebene mitzugeben: Wenn wir nämlich da hinschauen, wenn es darum geht, langsam zu sein, zu entschleunigen, genau zu beobachten und auch die Naturwissenschaft – wie Physik und Chemie – ein Stück weit mit drin zu haben.“
Die Lithografie wird auch als Steindruck bezeichnet. Der Unterschied zu anderen Druckverfahren beruht darin, dass sie nicht auf dem Prinzip eines Reliefs beruhe, erläutert die Expertin:
„Es ist jetzt nicht so, wie wir es beim Holzschnitt oder aus der Radierung kennen. Das heißt, dass man, wenn man mit dem Finger über den Stein fährt, einen eklatanten Höhenunterschied zwischen den zu druckenden und nicht zu druckenden Bereichen spürt. Es sind wirklich nur so ganz kleine Höhenprofile. Nicht umsonst bezeichnet man das hier als Flachdruckverfahren.“
Das Beschreiben des Steins
Vielmehr sind es die Gegensätze von Fett und Wasser, die beim Verfahren maßgeblich sind. Der Begriff leitet sich vom altgriechischen Wort für den Stein (Lithos) sowie dem Schreiben (Graphein) ab. Maria Katharina Franz fährt fort:
„Es ist das Beschreiben, Bezeichnen des Steins. Wir haben hier einen Kalkschieferstein, der quadratisch zugeschnitten ist. Und dieser Stein liebt Fett. Darauf beruht das ganze Prinzip: Fett anziehend, Fett abstoßend, Wasser anziehend, Wasser abstoßend. Jeder kann das selbst zu Hause nachmachen: Wenn man einfach Wasser in ein Glas füllt und dann Öl obendrauf träufelt, wird man sehen: Die beiden Komponenten vermischen sich nicht miteinander. Und das machen wir uns in der Lithografie zu eigen. Man muss über einen längeren Prozess dafür sorgen, dass der Stein mit dem bezeichneten Fett quasi dann vorbereitet wird zum Drucken, damit man dann ein Bild, das vorher auf dem Stein war, auf Papier abreiben oder abdrucken kann. Das ist der ganz große Prozess, wahnsinnig kurz zusammengefasst.“
Eine Steinplatte dient als Basis für dieses Druckverfahren. Sie muss zunächst geschliffen werden, danach wird das Motiv draufgezeichnet. Anschließend wird die Platte mit einer ätzenden Flüssigkeit behandelt. Diese dringt dort in den Stein ein, wo keine Tinte oder Kreide aufgetragen wurde, und stößt später die Druckerfarbe ab. Die Farbe bleibt also nur an jenen Stellen haften, die zuvor bezeichnet worden waren.
Diese Technik bringe viele Herausforderungen mit sich, sagt Lenka Kahuda Klokočková. Als Künstlerin sei sie immer wieder gezwungen, darauf zu reagieren:
„Ich muss mich mit vielen Schwierigkeiten auseinandersetzen und versuche diese in das zu transformieren, was ich von dem Werk erwarte. Manchmal bin ich auch nach den vielen Jahren überrascht, dass das Material nicht allzu viel mit mir zusammenarbeitet. Dennoch habe ich inzwischen mein eigenes System der Bearbeitung des Bildes auf Stein entwickelt, sodass wir im Einklang sind, und es läuft ziemlich gut.“
Steinvorbereitung und Druckprozess
Die Herausforderungen beträfen unterschiedliche Punkte, denn der Teufel stecke im Detail, fügt sie hinzu:
„Es liegt etwa an der jeweiligen Witterung, aber auch am menschlichen Faktor. Manchmal mache ich einen Fehler, den ich erst zu spät entdecke. Andererseits haben mich auch eben Fehler auf neue Wege bei der Bearbeitung des Bildes auf Kalkstein gebracht. Schließlich können sich aus einem Fehler Schritte zur Bearbeitung der Grafik ergeben, die man im Voraus nicht geplant oder erwartet hat.“
Und was findet Maria Katharina Franz an dem ganzen Prozess am schwierigsten?
„Oh, das ist eine gute Frage. Da muss ich mal ein bisschen zurückschwimmen, nämlich in die Zeit, als ich mit Lithografie angefangen habe. Das war so das Jahr 2017 oder 2018, damals war ich noch selbst Studierende. Und ich denke, dass jeder einzelne Schritt natürlich sehr zur Herausforderung werden kann. Das geht los mit der Steinvorbereitung, mit dem Schleifen der Steine, weil man dort stark darauf achten muss, dass die Steine weder konvexe noch konkave Abweichungen haben. Das ist der erste große Zaubertrick. Wenn man aus dem künstlerischen Bereich kommt, so wie ich, dann ist das Bezeichnen eine Aufgabe, die weniger anspruchsvoll ist. Und als nächstes ist es dann der ganze Druckprozess. Man muss sich eben wirklich unglaublich viele Abläufe merken, die aufeinander folgen und auch aufeinander aufbauen. Die Steinvorbereitung und das Drucken an sich sind zwei große Bausteine, die es zu bewältigen gibt. Denn beim Drucken bewegt man sich in einem Bereich, der sehr dynamisch ist. Man kann ganz schnell zu wenig oder zu viel Farbe verwenden, und dann sieht man sofort am Druckbild, dass es da Veränderungen gibt, die man jetzt nicht unbedingt so eingeplant hat und die dann natürlich ärgerlich sein können.“
Mit purer Muskelkraft
Die Werkstatt „Lito Litho“ in Litoměřice ist von einer massiven Presse-Maschine dominiert. Das deutet darauf hin, dass die Lithografie ein altes Druckverfahren ist. Maria Katharina Franz:
„Wir haben hier eine alte Krause-Presse stehen. Sie ist schon sehr betagt, 200 Jahre alt, und ist im Prinzip nicht maschinell betrieben. Die ganze Presse funktioniert über puren Kraftaufwand, über die Muskelkraft, die man da reinsteckt. Sies ist auch die Hauptmaschine, die man in dem ganzen Prozess nutzt. Man hat einen kleinen Drucktisch, und da liegt der Stein drauf. Der Drucktisch ist fahrbar. Wenn gedruckt wird, hat man noch die Möglichkeit, Druck auf den Stein aufzubauen. Es lohnt sich immer, sich so etwas selbst anzugucken. So eine Presse ist auf jeden Fall unglaublich faszinierend.“
Lenka Kahuda Klokočková hat die alte Presse aus Sachsen mitgebracht:
„Ich war seit mindestens zehn Jahren auf der Suche nach einer solchen Maschine. Da wir letztes Jahr Lektorinnen aus Dresden zu Gast hatten, habe ich eine von ihnen gefragt, ob sie jemanden kenne, der eine Maschine loswerden möchte. Und ihr ehemaliger Lehrer in der Lithografie-Werkstatt an der Dresdner Akademie wollte nicht nur die Maschine aus seiner ehemaligen Privatwerkstatt verkaufen, sondern auch die Geräte und Steine. Ich nahm Kontakt zu ihm auf, und wir vereinbarten den Verkauf. Dann musste ich eine Menge Leute organisieren, die mir halfen, die Maschine Stück für Stück nach Litoměřice zu transportieren.“
Art District Litoměřice
Die Werkstatt öffnet regelmäßig für die Öffentlichkeit, und zwar nicht nur für Demonstrationen dieser einzigartigen grafischen Technik. Lenka Kahuda Klokočková lädt ein:
„Es gibt hier auch einen Vorsaal, in dem wir Theatervorstellungen für die ganze Familie machen. Wir arbeiten mit der Nordböhmischen Galerie der bildenden Künste in Litoměřice zusammen und beteiligen uns an der Organisation der Museumsnacht. Die Werkstatt ist zudem das Zentrum des Projekts ‚Art District Litoměřice‘, in dem wir versuchen, das kulturelle Umfeld vor Ort und Kontakte zwischen den hier ansässigen Kultureinrichtungen zu vermitteln. Wir arbeiten des Weiteren mit dem hiesigen Filmfestival zusammen. Und auf Grundlage dieser Kooperationen organisiere ich seit einigen Jahren ein Sommerfestival, früher unter dem Namen ‚Der Sommer in der Stadt‘, heute ‚Die Saison im Zwillingshaus‘, bei dem wir neben der bildenden Kunst auch darstellende Kunst und Konzerte anbieten. Jeden September im Rahmen der European Heritage Days bringe ich zudem andere Künstler aus der Stadt und der Region zusammen und veranstalte den Tag der offenen Ateliers. Und im Rahmen dieser Veranstaltung drucke ich auch Lithografien zusammen mit den Besuchern.“
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