70 Jahre „Das Maifest der Brünnlein“ von Bohuslav Martinů

In den tiefen Wäldern der Böhmisch-Mährischen Höhe, in der Nähe des Dorfes Tři Studně, liegen zwei kleine Brunnen: Barborka und Vitulka. Diese Waldquellen inspirierten Bohuslav Martinů zu einem seiner berühmtesten Werke, die Kantate „Otvírání studánek“ („Das Maifest der Brünnlein“). Die Premiere des Werkes fand vor 70 Jahren statt, am 7. Januar 1956 in Martinůs Geburtsort Polička. Der im Exil lebende Komponist durfte nicht dabei sein.

Václav Kaprál,  Vítězslava Kaprálová und Bohuslav Martinů | Foto: Abteilung für Musikgeschichte des Mährischen Landesmuseums

Bohuslav Martinů besuchte Tři Studně 1938 auf Einladung der Familie seiner Schülerin und Muse, Vítězslava Kaprálová. Die persönlichen Erinnerungen an den Aufenthalt und an die Landschaft seiner Heimat bildeten siebzehn Jahre später die Grundlage für die Komposition seiner Kantate.

Öffnung der Brunnen als Frühlingsritual

Miloslav Bureš  (links) und Bohuslav Martinů | Foto: Zentrum Bohuslav Martinů in Polička

Der Text des Gesangwerks basiert auf einem Gedicht von Martinůs Freund Miloslav Bureš, in dem der alte Frühlingsbrauch der Reinigung von Brunnen beschrieben wird – ein einfacher, aber tief symbolträchtiger Erneuerungsritus. Martinů komponierte die Musik im Sommer 1955 in Nizza. Er schuf ein Werk für Solisten, einen Frauenchor, einen Rezitator und ein Kammerorchester.

Vítězslava Kaprálová | Foto: Profimedia

Die musikalische Sprache der Kantate ist von außergewöhnlicher Reinheit geprägt. Lyrische Melodien beschwören fließendes Wasser herauf, sanfte Chorpassagen erinnern an die Volkslieder der Böhmisch-Mährischen Höhe, und nostalgische Motive verweisen auf Kaprálová, die sehr jung verstarb. Das Werk vereint Folklore, Natursymbolik und persönliche Erinnerungen in einer der eindrucksvollsten Kompositionen Martinůs aus seiner Spätphase.

Die Tradition lebt weiter

Im Wald in der Nähe der beiden Brunnen, deren Namen an die Heilige Barbara sowie an Vítězslava Kaprálová, genannt Vitulka, erinnern, befindet sich heute ein Amphitheater. Jeden Frühling findet dort „Das Maifest der Brünnlein“ statt. Kinder und Mitglieder von Folkloreensembles reinigen symbolisch die Quellen, und Martinůs Werk wird an jenem Ort, der ihn inspirierte, wiederbelebt.

Was ist eine Kantate?

Eine Kantate (vom lateinischen cantare – singen) ist eine Komposition für Solisten, Chor und Orchester. Das Genre entstand im 17. Jahrhundert und wurde unter anderem von Johann Sebastian Bach sowie in der tschechischen Musik in Einzelwerken von Antonín Dvořák und Bedřich Smetana geprägt. Martinů kehrte immer wieder zu diesem Genre zurück, „Das Maifest der Brünnlein“ zählt zu seinen poetischsten Werken.

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