Raumschiff Enterprise – Prager Ausstellung über das Gebäude der tschechischen Botschaft in Berlin

Tschechische Botschaft

Das Gebäude der tschechischen Botschaft in Berlin gilt als Ikone des Brutalismus. Das beachtenswerte Haus steht nun im Fokus einer Ausstellung, die in der Prager Galerie Prostora zu sehen ist. Martina Schneibergová nahm an der Vernissage teil und hat mit der Kuratorin der Ausstellung, Simona Binko, gesprochen. 

Frau Binko, wir sind jetzt in der Ausstellung, die sich mit dem Gebäude der tschechischen Botschaft in Berlin befasst. Wie entstand die Bezeichnung „Raumschiff Enterprise“?

Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Sie entstand schon kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes 1978 oder sogar währenddessen. Es liegt daran, dass das Gebäude einfach mitten im Nirgendwo wie ein Raumschiff gelandet ist. Der damalige Botschafter prägte den Begriff.
Das Gebäude lag nicht weit von der Berliner Mauer im Osten Berlins und in der Umgebung war nichts. Es gab den Plan, das Grundstück zu bebauen, also wurde entschieden, dass dort die tschechoslowakische Botschaft entstehen soll. Das Gebäude hat zudem auch architektonisch viele Menschen an ein Raumschiff erinnert.“

Wer waren die Architekten?

Hotel Thermal | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Das Gebäude wurde von Věra und Vladimír Machonin entworfen. Sie hatten zuvor das bekannte Hotel Thermal in Karlsbad oder das Kaufhaus DBK in Prag gebaut. Es ist interessant, dass sie diese prominenten Bauten realisieren durften, wobei schon während der Arbeit am Projekt der Botschaft die Zeit der Normalisierung begann. Die Machonins sind dem neu gegründeten Architektenverband nicht beigetreten und haben somit auch ein Verbot bekommen. Das Gebäude wurde damals bis auf eine kleine Ausnahme nicht in der Presse erwähnt, und ich denke, dass die beiden Architekten nicht einmal bei der Eröffnung persönlich anwesend waren. Sie standen sozusagen auf einer Blacklist.“

Durften sie in ihrem Fach weiter arbeiten? Denn die bekanntesten Bauten der beiden Architekten stammen aus der Zeit davor…

„Sie durften nicht mehr an Wettbewerben teilnehmen, da sie eben nicht Mitglieder des politisch gewollten Architektenverbands waren. Sie durften  sozusagen fertigstellen, was sie angefangen hatten, aber danach nichts mehr.“

Das Botschaftsgebäude in Berlin ist hierzulande nicht gerade sehr bekannt. Hängt das auch damit zusammen, dass die Machonins sozusagen auf der Blacklist standen?

„Teilweise schon. Gleichzeitig hängt das auf jeden Fall damit zusammen, dass es im Ausland steht. Ich denke, dass in dieser Zeit viele tschechoslowakische Botschaften erbaut worden sind, die architektonisch sehr gut sind, aber hierzulande nur wenig bekannt. In Berlin kennen wiederum viele Leute das Gebäude von außen, aber viele wissen gar nicht, was sich darin verbirgt – dadurch, dass es ein diplomatischer Ort ist, der auch nicht für jedermann zugänglich ist. Und das wollten wir eben mit der Ausstellung verändern, damit man auch weiß, was für Schätze sich im Inneren des Gebäudes befinden.“

Das Gebäude ist sehr groß. Wurde es damals vollständig genutzt?

Foto: Prostora

„Ja. Es wurde für ungefähr 350 Personen geplant. Heutzutage arbeiten dort ungefähr 50 Personen, derzeit steht der Bau allerdings leer, da dort die Rekonstruktion vorbereitet wird. Das Gebäude ist natürlich in der Zeit der Tschechoslowakei entstanden, als der Apparat größer war. Mit der Zeit ging die Zahl der Diplomaten aber zurück. Einige Stockwerke standen auch einige Jahre lang leer.“

Das Gebäude gilt als Ikone des Brutalismus. Wie finden die Berliner das Haus?

„Innerhalb von Berlin, kennen – wie ich schon erwähnt habe – viele das Gebäude vor allem von außen. Aber das ganz Besondere daran ist, dass es das einzige wirklich repräsentative, hochwertige Gebäude im ehemaligen Ost-Berlin ist, das man dem Brutalismus zuschreiben darf. Die restlichen Gebäude, die wirklich berühmt sind und die mittlerweile auch unter Denkmalschutz stehen, wie das Kongresszentrum, der Mäusebunker oder der Tegeler Flughafen, stehen alle im Westen und wurden als Westbauten entworfen und erbaut. Es ist interessant, dass in Tschechien der Brutalismus oder die Bauten aus dieser Ära ganz oft als kommunistische Bauten abgestempelt werden. Aber man muss sagen, dass die Machonins wegen dem gewonnenen Wettbewerb für das Hotel Thermal auch ausreisen durften, um sich Kinosäle im Ausland anzuschauen. Die Inspiration ist eindeutig auch von dort gekommen. Man kann die Gebäude also nicht rein politisch als kommunistisch bewerten.“

In der Ausstellung werden einige Original-Objekte und Möbel gezeigt. War es nicht schwierig, aus diesem zurzeit geschlossenen Gebäude, einiges nach Prag zu transportieren?

 Ausstellung „Raumschiff Enterprise“ | Foto: Katarína Hudačinová,  2026

„Wir haben die Ausstellung zuerst 2022 für das Tschechische Zentrum in Berlin konzipiert, wo die ganzen Objekte direkt im Gebäude gezeigt wurden. Da das Gebäude auf die Rekonstruktion vorbereitet wird, sind die ganzen Möbel derzeit in Tschechien und es war möglich, sie dank des Außenministeriums auszuleihen, was uns sehr gefreut hat. Denn dies ist ein sehr wichtiger Bestandteil der Ausstellung.“

Wurden die Innenräume auch von den Machonins entworfen?

 Ausstellung „Raumschiff Enterprise“ | Foto: Katarína Hudačinová,  2026

„Ja. Die Inneneinrichtung und auch die Auswahl der Kunstwerke, mit denen für das Gebäude gerechnet wurde, stammen aus der Hand von Machonin. Die Möbel sind sehr interessant, weil es wirklich Entwürfe sind, die nur für das Gebäude entstanden und die eine sehr große Variabilität haben. Zum Beispiel werden hier Lampen gezeigt – von Pavel Hlava aus Glas und von Alena Kroupová aus Keramik. Die Sessel gibt es in unterschiedlichen Formen und Farben und Materialien genauso wie die Stühle.“

Kuratorinnen von links: Helena Huber-Doudová,  Simona Binko und Marcela Steinbachová | Foto: Katarína Hudačinová,  2026

Ergänzt werden die Ausstellungsstücke durch historische Dokumente, Baupläne und Entwürfe…

„Aus dem Archiv ist es uns gelungen, Entwürfe für die Möbel herauszusuchen und hier im Maßstab 1:1 zu zeigen. Zu sehen sind auch Baupläne, jedoch für einen anderen Grundriss, der länglich ist. Damit hatten die Machonins den Wettbewerb gewonnen. Die Botschaft sollte ursprünglich in der Leipziger Straße stehen. Später wurde entschieden, dass sie auf dem Grundstück in der Wilhelmstraße gebaut wird und dass sie einen quadratischen Grundriss bekommt. Das Gebäude wurde neu entworfen und nach diesen Plänen auch gebaut. Gewonnen hat das Ehepaar den Wettbewerb jedoch mit einem anderen Entwurf.“

Von wem stammt das Modell des Gebäudes, an dem man sich hier eine Vorstellung über die Innenräume machen kann?

„Das Modell ist von Studierenden der Architekturfakultät der Technischen Universität in Prag gestaltet worden. Sie haben sich zufälligerweise im letzten Semester mit dem Gebäude auseinandergesetzt. Zudem haben sie überlegt, wie man die Nutzung des Gebäudes ändern könnte. Wir sind sehr froh, dass wir das Modell hier haben, weil man daran genau die Form und den Umfang des Gebäudes aus unterschiedlichen Perspektiven beobachten kann.“

Was für Möglichkeiten der Nutzung haben die Studierenden vorgeschlagen?

„Was sich die Studierenden überlegt haben, kann man hier in einem Video sehen. Natürlich sind das Entwürfe, die theoretisch sind. In nur einem Semester hatten sie nicht die Chance, wirklich realistische Entwürfe zu entwickeln. Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist jedoch wichtig. Grundsätzlich gilt aber, dass das Gebäude auch nach der Sanierung als Botschaft genutzt werden soll.“

 Ausstellung „Raumschiff Enterprise“ | Foto: Katarína Hudačinová,  2026

Wurden die hier ausgestellten Fotos speziell für die Ausstellung gemacht oder für einen anderen Zweck?

„Das sind Fotografien von dem Duo Schnepp-Renou. Wir haben sie damals 2022 extra für die Ausstellung in Berlin anfertigen lassen. Das Besondere daran ist, dass es die erste und einzige Fotoserie über das Gebäude seit der Fertigstellung ist, als es 1978 dokumentiert wurde. Mit diesen Fotografien ist der letzte repräsentative Zustand festgehalten worden, wobei wir mit Schnepp-Renou auch versucht haben, die Möbel und das Mobiliar, die Leuchten, so zu inszenieren, dass man versteht, dass es sich um ein Gesamtkunstwerk handelt, was nicht nur aus der Außenarchitektur besteht, sondern bei dem die Möbel und die Kunstwerke eine sehr entscheidende Rolle spielen.“

Beim Betreten des Ausstellungssaals kann man die große Tapisserie nicht übersehen…

„Die Tapisserie ist ein Werk der Textilkünstlerin Věra Drnková-Zářecká, die für das Gebäude zwei Textilwerke schuf. Hier steht sie vertretend für die Kunst, die sich in der Botschaft befand.“

Die anderen ausgestellten Kunstwerke stellen eher Reaktionen auf das Gebäude dar. Wie sind sie entstanden?

 Ausstellung „Raumschiff Enterprise“ | Foto: Katarína Hudačinová,  2026

„Wir haben für die Ausstellung in Prag versucht, das Konzept um die Perspektiven zeitgenössischer Künstler zu erweitern. Teilweise sind das Kunstwerke, die wir bereits in der Galerie des Tschechischen Zentrums in Berlin gezeigt haben, wie zum Beispiel die Werke von Markus Huemer und Vladimír Houdek, die damals eine Ausstellung vorbereiteten, die von dem Gebäude inspiriert wurde. Bei Huemer sieht man zum Beispiel die Form der Möbel – so ein verschwommenes Gedächtnis, was übrig bleibt. Ich finde, dass es einfach eine schöne Arbeit ist, die reflektiert, was das Gebäude in einem hinterlässt. Vladimír Houdek bezieht sich mehr auf die architektonischen Formen. Weiter zeigen wir Textilwerke von Karla Kislingerová, einer Absolventin der Prager Kunsthochschule UMPRUM, die sich mit dem Thema der nationalen Repräsentation auseinandergesetzt hat. Die Serie heißt ,Kde domov můj‘– nach der tschechischen Hymne. Sie hat sich einerseits auf die Technik bezogen, die in den 1970er Jahren zur Repräsentation oft benutzt wurde. Gleichzeitig hat sie auch einige Themen wie den Buchstaben Ř oder die Pilze als Symbole für Tschechien genommen und diese thematisiert.“

 Ausstellung „Raumschiff Enterprise“ | Foto: Katarína Hudačinová,  2026

Nicht zuletzt gibt es hier einen kurzen Film…

„Das ist ein kurzes filmisches Essay der Regisseurin Greta Stoklassa. Es wurde letztes Jahr im Gebäude gedreht und während der Festivals „Tag für Architektur“ und „Film und Architektur“ präsentiert. Der Film versucht nachzuvollziehen, was das Gebäude einst bedeutet hat und auch vielleicht für die Zukunft bedeuten könnte.“

Die Ausstellung „Raumschiff Enterprise“ ist in der Galerie Prostora bis 26. März zu sehen. Die Galerie befindet sich in der Straße Blanická 9 in Prag 2 unweit vom Platz Náměstí Míru. Die Galerie ist von Mittwoch bis Freitag von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

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