„Nun müssen Sie nicht mehr zum Rabbi gehen“ – Ausstellung zu 500 Jahren hebräischen Buchdrucks in Böhmen und Mähren

Foto: Archiv des Jüdischen Museums Prag

Im Dezember 1512 erschien es in Prag: das erste hebräische Buch in Mittel- und Osteuropa. Es war ein jüdisches Gebetsbuch. In einer neuen Ausstellung des Jüdischen Museums lässt sich diese Einmaligkeit nun bewundern, aber auch viele weitere, in den böhmischen Ländern entstandene hebräische Bücher.

Foto: Archiv des Jüdischen Museums Prag
In der Robert-Guttmann-Galerie in Prag drängen sich die Menschen um die Schaukästen: Unter den schützenden Glasplatten liegen die ältesten hebräischen Bücher in Mitteleuropa. Organisiert hat die Ausstellung das Jüdische Museum Prag unter dem Titel „A nebudete muset chodit za rabínem“ (Und jetzt müssen sie nicht mehr zum Rabbi gehen). Die Sprecherin des jüdischen Museums, Jana Havlíková:

„Es sind Bücher aus dem 16. bis ins 18. Jahrhundert, und von allen gibt es auf der ganzen Welt höchstens noch zwei Exemplare. Das älteste von ihnen ist der Grund für diese Ausstellung: Es ist ein Siddur. Das Buch wurde in Prag im Dezember 1512 herausgegeben.“

Signet (Vignette) von Gerson ben Salomo Kohen Katz (Foto: Archiv des Jüdischen Museums Prag)
Siddur ist hebräisch und bedeutet soviel wie Ordnung. Hier steht der Begriff für ein Gebetbuch. Bis zum 16. Jahrhundert wurden hebräische Bücher nur an verschiedenen Orten in Italien, auf der iberischen Halbinsel und in Konstantinopel hergestellt. Dann aber gründete sich ein Konsortium aus jüdischen Druckern und Geldgebern in Prag, um diese Bücher auch jenseits der Alpen zu drucken. Später wurden dann auch in Prostějov / Proßnitz, Brno / Brünn und Mikulov / Nikolsburg hebräische Bücher bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts herausgegeben.

Die Kuratorin der Ausstellung, Olga Sixtová, erklärt die Nutzung eines Siddurs:

Hebräisches Liturgiebuch (Foto: Archiv des Jüdischen Museums Prag)
„Es war ein Gebetbuch für den Alltag und den Samstag. Am häufigsten wird es als hebräisches Liturgiebuch genutzt. Der Siddur war eine gute Wahl der Buchdrucker, da alle ihn benutzten und er sich deshalb gut verkaufte.“

Im Gebetbuch finden sich Morgen-, Nachmittag- und Abendgebete. Daneben enthält der Siddur auch Segenssprüche für die unterschiedlichsten Ereignisse sowohl in der Synagoge, als auch zu Hause. Für den Morgen finden sich zum Beispiel folgende Sprüche:

„Gepriesen seiest Du Ewiger unser Gott und König der Welt, der dem Hahne das Ahnungsvermögen gegeben, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden.“

„Gepriesen seiest Du Ewiger unser Gott und König der Welt, der mich nicht zum Sklaven werden ließ.“

„Gepriesen seiest Du Ewiger unser Gott und König der Welt, der unseren Schritten die richtige Richtung gibt.“

Wanderung des Volkes Israel (Foto: Archiv des Jüdischen Museums Prag)
Zu sehen sind in der Ausstellung etwa 50 alte Drucke, unter ihnen internationale Unikate wie zum Beispiel eine Pessach-Haggada aus dem Jahr 1526. Aus diesem Buch wurde von der Familie bei Festessen gelesen und gesungen. Sie stammt aus der Braginsky-Sammlung in Zürich und wird für eines der schönsten hebräischen Bücher überhaupt gehalten. Die wissenschaftliche Bibliothek in Olomouc / Olmütz hat ein Exemplar aus dem polnischen Krakau beigesteuert. Es wurde im Jahr 1534 gedruckt und ist stark von der Prager Typographie beeinflusst. Und aus dem jüdischen Museum Prag stammt neben dem bereits erwähnten ältesten Buch aus dem Jahr 1512 auch noch eine hebräische Bibel, die 1530 gedruckt wurde.

Bei der Herstellung der Bücher kam es aber auch zu einer außergewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen Christen und Juden, die in den ersten 50 Jahren bis etwa zur Gegenreformation in den 1560er Jahren andauerte. Olga Sixtová:

Porträt des Buchdruckers (Foto: Archiv des Jüdischen Museums Prag)
„Ich denke, der Buchdruck hat die Menschen so fasziniert, dass sie Erkenntnisse und Erfahrungen mit dieser neuen Technologie sowie sogar Teile der Druckerpressen ausgetauscht haben. Die ältesten hebräischen Bücher wurden sogar in christlichen Druckereien hergestellt, zum Beispiel in der Druckerei des Krämers Severín, der seine Druckerpresse an Kunden vieler Glaubensbekenntnisse vermietete, außer vielleicht an Katholiken.“

Schaut man sich die verschiedenen Bücher an, erkennt man detaillierte und teilweise farbige Grafiken. Diese Zeichnungen nehmen viel Platz in den Gebetsbüchern ein und müssen die Buchdrucker damals vor eine große Herausforderung gestellt haben. In einer Ausgabe von 1514 ist zum Beispiel die Szene einer Hasenjagd abgebildet. Ein Jäger bläst in sein Horn, während seine Hunde die Verfolgung einiger Hasen aufnehmen. Dabei ist der Jäger sehr detailliert dargestellt – das erstaunt die Menschen oft, wie die Kuratorin erklärt:

Olga Sixtová (Foto: Archiv ČRo 7)
„Allgemein herrscht die Vorstellung, dass die Juden nicht das Gesicht eines Menschen abbilden dürfen. Das ist so nicht richtig, es hängt immer mit der Zeit und der Mehrheitsgesellschaft zusammen, in der die Juden gelebt haben. Man muss sich nur zum Beispiel die Handschriften anschauen, die inmitten einer islamischen Mehrheitsgesellschaft entstanden sind. Sie sind nur so ornamental, wie es auch die islamischen Schriften waren. Im Gegensatz dazu sind mittelalterliche hebräische Schriften, die in Italien oder Frankreich entstanden sind, reich mit Figuren illustriert. Es gibt sogar nackte Gestalten. Der Geschmack, oder eher das, was für die Juden tragbar war, war also immer von dem Geschmack der sie umgebenden Gesellschaft beeinflusst.“

Foto: Archiv des Jüdischen Museums Prag
Die Bücher dürfen natürlich nicht angefasst werden. Das Jüdische Museum in Prag hat sich aber die moderne Technik zunutze gemacht. Pressesprecherin Jana Havlíková:

„Wir haben an die Besucher gedacht. Alle Bücher sind natürlich Originale und müssen geschützt werden. Daher sind sie unter Glas und immer auf der ersten Seite geöffnet. Die multimediale Abteilung gibt aber allen, die Interesse haben, die Möglichkeit, die Bücher durchzublättern und auch dort anzusehen, wo sie nicht aufgeschlagen sind. Wir haben einen Teil der Bücher gescannt, ein anderer Teil wurde von weiteren Institutionen für die Ausstellung über das Internet zugänglich gemacht.“

Foto: Jana Šustová
Die gescannten oder online verfügbaren Bücher können an Multimedia-Stationen über Touchscreens eingesehen werden. Natürlich werden aber nicht einfach nur Bücher ausgestellt, auch der historische Zusammenhang kommt nicht zu kurz, wie Havlíková erklärt:

„Im Rahmen der vorbereiteten Ausstellung ist es uns gelungen, eine ganze Reihe interessanter Informationen über die Menschen rund um die hebräischen Buchdrucker herum zusammenzustellen. Die Besucher können also Angaben zu einzelnen Druckern finden, zu den Illustratoren, den Editoren und den Autoren einzelner Gebetstexte. Und eine wirklich wichtige Sache ist uns auch gelungen: Aufgrund der ersten systematischen Erforschung von Bibliotheksbeständen und privaten Sammlungen sowohl im Ausland, als auch in Tschechien konnten wir die erste komplette Bibliographie des hebräischen Buchdrucks erstellen.“

„Hebräischer Buchdruck in Böhmen und Mähren“ (Foto: Verlag Academia)
Für Buchliebhaber und Interessierte an der jüdischen Kultur in Böhmen und Mähren hat das Museum aber noch einen weiteren Leckerbissen vorbereitet:

„Im Zusammenhang mit der Ausstellung hat das Jüdische Museum Prag gemeinsam mit dem Verlag Academia eine Monographie auf Tschechisch und Englisch herausgebracht. Das Buch heißt „Hebrejský knihtisk v Čechách a na Moravě“ (Hebräischer Buchdruck in Böhmen und Mähren, Anm. d. Red.). Ein Team aus tschechischen und ausländischen Autoren widmet sich darin den verschiedensten Aspekten des Themas und ordnet es in den breiteren historischen Kontext ein. Das Buch ist mit mehr als 200 Fotografien illustriert, und die meisten von ihnen werden zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht.“


Foto: Jana Šustová
Falls nun Ihr Interesse geweckt wurde oder Sie Lust gefunden haben, einmal in alten hebräischen Gebetsbüchern oder Bibeln zu blättern: Die Ausstellung des Jüdischen Museums in der Robert-Guttmann-Galerie ist noch bis zum 28. Februar 2013 zu sehen. Die Räume sind täglich, außer samstags und an jüdischen Feiertagen, von 9 Uhr bis 16.30 Uhr geöffnet.