Phänomen Foglar: Eine Literatur-Legende verzaubert die Tschechen bis heute

Jaroslav Foglar, 1968 (Foto: LA PNP Praha)

Vor zehn Jahren – am 23. 1. 1999 – starb Jaroslav Foglar. Der Schriftsteller und leidenschaftliche Pfadfinder Foglar wurde 92 Jahre alt. In seinen Büchern und Gedanken ist er immer jung geblieben. Mit Leidenschaft und Hingabe widmete sich Foglar sein Leben lang der Jugend und beeinflusste durch seine Ideen viele Generationen. 60 Jahre lang leitete er ununterbrochen Pfadfinderkamps, schrieb über 25 Bücher und Comics. Jaroslav Foglar erschuf mit seinen Romanfiguren Idole der tschechischen Jugend und eröffnete ihnen vor allem eines: Die Welt der Abenteuer, der unentdeckten Geheimnisse. Die Liebe zur Natur und der Wunsch, ein guter Mensch zu sein, das ist der Tenor seiner Bücher. Jaroslav Foglar – ein Pänomen der tschechischen Gesellschaft.

Jedes Kind braucht seine Helden. Kaum einer hat das so gut verstanden wie der Schriftsteller Jaroslav Foglar. Die Helden in seinen Büchern sind zu Idolen der tschechischen Jugend geworden. Dazu gehört der ehrenhafte Junge Mirek Dušín genauso wie der Witzbold Rychlonožka aus dem Comic „Rychlé šípy“ – den „Schnellen Pfeilen“. Vor 75 Jahren erscheint der Comic zum ersten Mal. Und es gibt ihn heute noch. Keiner anderen gemalten Serie fiebern seither so viele Jugendliche entgegen. Bis heute gehört der Comic zu den Spitzenreitern bei den Jugendlichen. Selbst das Verbot der Kommunisten konnte der Geschichte von den „tapferen Fünf“ nichts anhaben.

„In einem Labyrinth von Hausdurchgängen, Hinterhöfen und Plätzen lag - von Staub bedeckt – ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das ganze Generationen in Atem hielt. Dann entschied das Schicksal, und die Jungen von den 'Schnellen Pfeilen' machten sich – ohne dass sie es ahnten - daran, das uralte Geheimnis zu lüften.“

Mit diesen Worten beginnt der Film zum Buch „Das Rätsel um das Vexier“ – das Entwirrspiel - „Záhada hlavolamu“. Die Helden in den Geschichten Jaroslav Foglars begegnen auf der Suche nach dem Geheimnis bösen Kräften und erleben wilde Abenteuer. Sie leiden, ängstigen und freuen sich. Und mit ihnen leiden und freuen sich die jungen Leser. Sie erkennen sich in der Gruppe von Stadtkindern wider, die die Freiheit der Natur erleben. - Und wollen den Romanfiguren aus dem Buch „Die Jungs vom Biberfluß“ – „Hoši od bobří řeky“ folgen. Die gemeinsamen Abenteuer sind so hautnah beschrieben, dass man sie selbst erleben will. Kein Zufall, erklärt Milan Lebeda von der „Vereinigung der Freunde Jaroslav Foglars“:

„Das, was das Werk bis heute so lebendig macht, ist seine Authentizität. Vor allem, was die Orte, aber auch was das Geschehen betrifft. Jaroslav Foglar leitete 60 Jahre lang eine Pfadfindergruppe. Und viele Erlebnisse, die er auf diese Weise sammelte, finden sich in seinen Werken wieder. Das, was er mit seiner Gruppe erlebt hat, schreibt er in seinen Büchern auf. Auch im Comic von den ´Schnellen Pfeilen´.“

Immer mehr Jugendliche schließen sich Mitte der 1930er Jahre dank der Bücher von Jaroslav Foglar der Pfadfinderbewegung an. Doch der freie Geist der Jugendbewegung ist sowohl den Nationalsozialisten, als auch später den kommunistischen Machthabern ein Dorn im Auge. Sie bereiten dem öffentlichen Wirken Foglars ein jähes Ende, erzählt Milan Lebeda:

„Als Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre die Pfadfinder verboten wurden, ebenso wie viele andere Organisationen für Kinder und Erwachsene, wurde auch Jaroslav Foglar lästig. Er war es ja, der die Pfadfinderliteratur schrieb. Also hat man ihn kalt gestellt: Seit Anfang der 50er Jahre durfte Jaroslav Foglar nicht mehr publizieren.“

Milan Lebeda (Foto: Autorin)
Trotz Publikationsverbots gewinnen die Ideen Foglars immer mehr an Bedeutung. Und zwar durch die heimliche Weitergabe der Romane und Zeitschriften. Seine Helden nähren die Sehnsucht der unfreien Jugendlichen nach Freiheit - in einer Sprache, die sich krass abhebt vom Propaganda-Jargon des kommunistischen Regimes. Milan Lebeda:

„Die Romanfiguren Foglars verkörpern das Prinzip von Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und Anständigkeit gegenüber Freunden genauso wie gegenüber fremden Menschen. Und das geben sie an die Leser weiter.“

Neben der Bibel – so ergaben aktuelle Umfragen – waren es die Bücher Jaroslav Foglars, welche das Leben der Menschen in Tschechien am meisten beeinflussten. Als erstmals wieder ein Buch Foglars legal erscheint, ist aus den Kinderbüchern bereits ein gesellschaftliches Phänomen geworden. Milan Lebeda erklärt diese Entwicklung:

„Es war ganz einfach eine Art Bewegung entstanden. Von Beginn der 40er Jahre an, als der erste Teil der legendären Trilogie „Stínadla“ („Richtplatz“) erschien, begannen die Kinder sofort nachzuforschen, was daran wahr ist. Sie schrieben direkt an die Redaktion, direkt an Jaroslav Foglar und fragten: Wo lebten die „Schnellen Pfeile“, wo liegen die Stínadla und wo ist die St.-Jakob-Kirche. Und all das zog sich über Jahrzehnte hin. Auch in der Zeit, in der weder die Bücher, noch irgendein Artikel Foglars erscheinen durfte.“

Ein metallenes Klirren – diesen Klang kennt jeder Tscheche. Es ist das Vexier, das Entwirrspiel, mit dem Namen „Igel im Käfig“ aus dem Buch „Richtplatz“. Eine Kugel mit Stacheln, gefangen in einem Käfig mit engen Gittern. Da muss die Kugel herausgeholt werden. Generationen haben sich daran den Kopf zerbrochen. Daher verbindet das Werk Foglars Jung und Alt miteinander, wie Milan Lebeda bestätigt:

„Die Begriffe und Wendungen aus den Büchern Foglars werden selbst von Politikern benutzt, sei es bei ihren Wahlreden, bei Ansprachen vor dem Senat oder dem Parlament. Die Begriffe sind geläufig bei Wirtschaftsleuten; Schriftsteller und Journalisten ziehen sie zum Vergleich heran. Wem sonst ist es noch gelungen, sich von der Kinderliteratur bis in die Welt der Erwachsenen hinüber zu retten?“

Ob die Helden der Kinder auch in Zukunft die Romanfiguren Jaroslav Foglars sein werden, das bleibt abzuwarten. Jaroslav Foglar selbst zeigte sich 1989 skeptisch:

„Jungen und Mädchen werden viel schneller erwachsen. Und wer damals mit 15 Jahren noch ein Junge war, der ist heute in dem gleichen Alter fast schon ein erwachsener Mann. Ein Jugendlicher heute hat mit 15 Jahren bereits ganz andere Erfahrungen gemacht. Der interessiert sich eher für die Welt der Erwachsenen als für die eines Jungen.“