Prague Pride Festival stellt sich dem Wandel der Zeit

Am Montag wird ein weiterer Jahrgang des Prague Pride Festival eröffnet. Queere Menschen aus Tschechien und ganz Zentraleuropa feiern eine Woche lang ihre Identitäten, Rechte und Sichtbarkeit. Festivalmittelpunkt ist erneut das Pride Village auf der Schützeninsel. Daneben gibt es an vielen Orten der Stadt Ausstellungen, Debatten, Treffen oder Workshops. Und wie immer findet das Programm seinen Höhepunkt mit der Pride-Parade am Samstag. Bei allem Bewährten gibt es dieses Jahr aber auch neue Aktivitäten – und natürlich ein spezielles Motto. Über all das berichtet Programmmanagerin Dorota Vašičková im Interview für Radio Prag International.

Das Motto des Prague Pride Festivals lautet „Časy se mění“ (Die Zeiten ändern sich). Was steckt dahinter?

„Jeder Jahrgang hat sein eigenes Motto, das sich auf die aktuelle Situation bezieht und darauf, wie die Menschen sie wahrnehmen. Wir fanden, dass es gerade turbulente Zeiten sind. Viel verändert sich um uns herum – die Politik, Auffassungen oder auch die Sprache, die wir verwenden. Es handelt sich um ein allumfassendes Motto für unsere Zeiten, die sich eben sehr ändern. Das betrifft aber auch viele andere Dinge – so etwa den generationsübergreifenden Dialog oder die Frage, wie die queeren Menschen die Vergangenheit mit ihren ganzen Restriktionen aufarbeiten.“

Was verändert sich zum Guten und was zum Schlechten?

„Gut sind sicher einige Gesetzesänderungen. In Tschechien wurde etwa die Zwangssterilisierung von Transpersonen abgeschafft, und es gibt auch Fortschritte bei der gleichberechtigten Ehe für alle. Daneben bestehen aber viele negative Anzeichen etwa im Sprachgebrauch, auch im politischen – wie man also über queere Menschen spricht. Oder wir können auch den terroristischen Anschlag unlängst in Berlin anführen.“

Dazu kommen wir gleich. Vielleicht können Sie vorher noch die Stimmung in der tschechischen Gesellschaft beschreiben und wie Sie sie wahrnehmen?

„Das lässt sich nur schwer generalisieren, jede Person empfindet das sicher anders. Aber allgemein lässt sich sagen, dass wir queeren Menschen eine Veränderung wahrnehmen. Beim Verein Prague Pride bekommen wir das zu spüren, indem einige Firmen ihre Unterstützung zurückziehen.“

Sie haben den tödlichen Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin schon erwähnt. Besteht ein solches Risiko auch beim Prague Pride Festival?

„So kann man das nicht sagen, Aber wir nehmen die Situation sehr ernst. Für uns hat absolute Priorität, dass sich alle Teilnehmenden und Besucher sicher fühlen. Wir stehen daher im Kontakt mit der Polizei, und wir haben die Security-Kräfte an allen Veranstaltungsorten verstärkt.“

Gibt es noch weitere Sicherheitsmaßnahmen?

„Die Sicherheitsvorkehrungen werden nie hundertprozentig sein. Das ist ein Fakt, mit dem das Konzept des Terrorismus arbeitet. Trotzdem denke ich, dass wir die Maßnahmen ausreichend verschärft haben. Alle Veranstaltungen sind bei der Polizei angemeldet, und es besteht ein enger Kontakt.“

Innerhalb Mittel- und Osteuropas war Prag bisher ein relativ sicherer Ort für queere Menschen. Gilt das immer noch, oder ändert sich auch dies?

„Einige Statistiken besagen leider, dass queere Menschen immer häufiger Angriffen ausgesetzt sind. Das sind vor allem verbale Attacken. Aber auch die Zahl der Hassverbrechen steigt.“

Foto: Létoslav Chromek,  Prague Pride Festival

Was sind nun die Highlights des diesjährigen Festivals?

„Es gibt unglaublich viele Highlights. Insgesamt besteht das Programm wieder aus fast 200 Veranstaltungen, und jeder Tag ist vollgepackt. Um nur eines zu nennen: Gleich die Eröffnungsshow wird eine schöne Party voller Dragqueens und Musik. Dann möchte ich noch die Bobr Party am Freitag erwähnen, ebenfalls im Pride Village auf der Schützeninsel. Dazu haben wir die britische Dragqueen Ginny Lemon eingeladen.“

Gibt es auch echte Neuheiten im Programm?

„Dieses Jahr probieren wir zum Beispiel das neue Format einer Talentshow aus. Sie heißt Stage Out und findet am Mittwoch um 18 Uhr statt. Und außerdem gibt es die Abstimmung ‚Největší Queer Češstvo‘, die wir als Kampagne gestartet haben. Dabei können alle unter 14 Finalist*innen abstimmen, wer historisch die größte tschechische Queer-Person war.“

Wer steht dabei zur Auswahl?

„Die Auswahl hat ein Beirat aus Historikern und Historikerinnen zusammengestellt. Dabei handelt es sich um 14 Persönlichkeiten der sogenannten unerzählten queeren Geschichte. Bekannt sein dürften etwa Jiří Hromada, Toyen, Zdeněk Koubek oder Václav Krška.“

Wie steht es um die Beteiligung an dieser Abstimmung?

„Genau kann ich das jetzt nicht sagen, aber sie ist ziemlich hoch. In den vergangenen Tagen hatten wir schon fast 1000 Stimmen erreicht.“

Von Zeit zu Zeit gibt eine bekannte Persönlichkeit ihr Coming-out bekannt. Offen queer sind in Tschechien etwa der Schauspieler Jan Cina, die Eisschnellläuferin Martina Sáblíková, der Fußballer Jakub Jankto oder die Theaterregisseurin Daniela Špinar. Trotzdem sind es hierzulande immer noch recht wenige. Welche Bedeutung hat ein solches Coming-out also?

„Eine sehr große. Denn sie sind so etwas wie Vorbilder für alle, die das eigene Coming-out durchlaufen oder es erwägen. Jede bekannte Person, die sich öffentlich zu ihrer queeren Identität bekennt, stellt also einen großen Schritt für den Rest der queeren Menschen dar.“

Arbeiten Sie mit solchen Persönlichkeiten beim Prague Pride Festival zusammen?

„Ja sicher. Daniela Špinar etwa wird gleich bei mehreren Debatten zu Gast sein. Und der Schauspieler Jan Cina ist einer der Stars bei der erwähnten Eröffnungsshow. Ich würde mich freuen, wenn alle in Prag etwas Interessantes in unserem Programm finden und sich dann anschauen, wie riesig und bunt die Prague Pride sein kann.“

Daniela Špinar | Foto: Leah Takata,  Prague Pride Festival
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