QSL-Galerie: Toyen

Toyen
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In den folgenden Minuten wartet auf Sie ein weiteres Porträt aus der QSL-Galerie von Radio Prag, wir beantworten Hörerfragen und zitieren auch einige Ausschnitte aus der Hörerpost.

Toyen und „Die Schlafende“
Willkommen zu Ihrer Sendung, liebe Hörerinnen und Hörer, willkommen zum Hörerforum. Wir beginnen mit einer weiteren Folge unserer QSL-Galerie. Die tschechische Malerin und Graphikerin mit dem merkwürdigen Pseudonym Toyen wird heute vorgestellt.

„Es ist ein Bild der Zeit, der Wahrnehmung der Zeit, der Vergänglichkeit der Zeit, der Vergänglichkeit und der Skepsis.“

Mit diesen Worten hat der Kunsthistoriker Karel Srp anlässlich einer Auktion eines der bekanntesten Bilder der Malerin Toyen beschrieben: das Bild Spící (Die Schlafende). Das Werk wechselte bei der Auktion für umgerechnet 800.000 Euro ihren Besitzer. Die Schlafende wurde damit zum drittteuersten Gemälde eines tschechischen Künstlers, das in den vergangenen Jahren verkauft wurde. Auch Sie kennen das Bild, denn eben „Die Schlafende“ ist auch auf der QSL-Karte über Toyen abgebildet.

Toyen war eine tschechische surrealistische Malerin, Zeichnerin und Grafikerin und Vertreterin des Poetismus. Sie wurde 1902 als Marie Čermínová geboren. Den eigenen Namen gab sie auf und brach zudem mit ihrer Familie. Sie verstieß gegen gesellschaftliche Konventionen, stritt die traditionelle Rolle der Frau ab und trug beispielsweise Männerkleidung. Sie scheute sich auch nicht, in vielen ihrer surrealistischen Bildern erotische Motive darzustellen.

Toyen studierte zunächst an der Kunstschule in ihrer Heimatstadt Prag, bevor es sie nach Paris zog. Zusammen mit ihrem Freund Jindřich Štyrský, der ebenfalls malte, siedelte sie 1925 in die Stadt an der Seine über. Gemeinsam schufen sie dort ihre eigene Kunstrichtung, den so genannten Artifizialismus. Dieser Stil bewegte sich zwischen dem Surrealismus und der abstrakten Kunst, wobei künstlerisches Schaffen durch Assoziationen entstand. Später schloss sich Toyen in Paris dem Surrealismus-Kreis um André Breton an. 1934 ging sie dann zurück in ihre Heimat. Während der Zeit der nationalsozialistischen Besatzung musste die tschechische Künstlerin untertauchen, weil ihre Bilder als entartet galten. In dieser Zeit versteckte sie in ihrer Wohnung in Prag den Dichter Jindřich Heisler, dem die Deportation ins KZ drohte. Beide überlebten und gingen 1947 wieder nach Paris. Dort schloss sich Toyen erneut einer Surrealisten-Gruppe an. Die Malerin starb 1980 in Paris.

Die Werke von Toyen waren in Frankreich anerkannt, in der kommunistischen Tschechoslowakei blieben ihr Name und ihr Schaffen jedoch tabu. Erst nach der Wende konnte die Künstlerin symbolisch wieder in ihre Heimat zurückkehren. Im Jahr 2000 wurde in Prag die bisher größte Toyen-Ausstellung in Tschechien wurde gezeigt.

Soweit zur Malerin Toyen. Wir übergeben nun Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, das Wort. Denn wir wollen aus Ihren Zuschriften zitieren. Als erste ist unsere Hörerin Martina Pohl dran:

„Das war vielleicht eine tolle Überraschung, als ich erfahren habe, dass ich unter den Gewinnern des Monatsrätsels bin. Das Nostalgie-Radio ist bereits bei mir wohlbehalten eingetroffen, ich habe mich riesig gefreut. Herzlichen Dank dafür. Es wird auf dem Schreibtisch neben dem Weltempfänger seinen Stammplatz erhalten.“

Das freut uns sehr Frau Pohl! Nicht im Rahmen des Monatsrätsels, sondern mit einigen Anmerkungen hat sich nach längerer Zeit Martin Hausner aus Schweden wieder gemeldet. Er sucht gleich nach mehreren Berührungspunkten zwischen Tschechien und seiner ursprünglichen Heimat Österreich:

Foto: CzechTourism
„Wieder einmal ein Lebenszeichen aus Schweden. Nach meiner persönlichen Sommerpause habe ich jetzt wieder die Möglichkeit, ihr Programm wochenweise herunterzuladen und beim Pendeln anzuhören. Sehr gut hat mir das Programm über die Musik aus dem Chodenland gefallen. Die beschwingten Abschnitte haben mich an die Musik meiner Heimat Österreich erinnert, der Dudelsack wieder ans Egerland, die Heimat meiner Großmutter. Vielleicht sind die Choden nicht nur an der Grenze entlanggegangen, sondern auch über sie hinweg, haben ihre Kultur mitgenommen und verbreitet, und auch wieder Eindrücke aufgenommen. Auch bei uns im Garten werden jetzt die Zwetschken reif und die ganze Familie sehnt sich schon nach den Zwetschkenknödeln. Ich mache sie ja nach Gelegenheit mit Topfen- oder Erdäpfelteig. Nach dem Kochen werden sie in gerösteten und gezuckerten Semmelbröseln gerollt. Eine österreichische Variante der švestkové knedlíky. Oder vielleicht doch švédské švestkové knedlíky, ein böhmisch-österreichisch-schwedisches Mischgericht? Jedenfalls ganz herzliche Grüße aus dem Norden.“

Foto: ČT 24
Danke für die Grüße, Herr Hausner! Ralf Urbanczyk aus Eisleben reagiert auf unseren Bericht darüber, dass in Tschechien die Schiefergasförderung erwogen wird. Er stellt die Problematik in einen breiteren Kontext:

„Allein die Ankündigung der Erkundung von Schiefergas scheint ein wirkliches Schreckgespenst für viele Menschen in den betroffenen Regionen zu sein. Dass Umweltminister Chalupa jetzt erst mal ein Moratorium vorschlägt, bis die Experten in den Behörden sich und ihre Gesetze auf den aktuellen Wissensstand gebracht haben, ist schon ok. Doch generelle Scheuklappen gegen die Schiefergasförderung sind meiner Meinung nach fehl am Platze. Viele Leute verlassen sich auf billiges Öl von ganz weit weg, wo ebenfalls eine gigantische Umweltvernichtung stattfindet, und schimpfen vielleicht noch über hohe Benzin- und Heizstoffpreise, obwohl die immer noch zu niedrig sind. Schließlich wird in den meisten Fördergebieten noch schlimmer auf Kosten der Umwelt und Gesundheit produziert, als es in Mitteleuropa beziehungsweise direkt in Tschechien je sein würde.“


Stempel des MěNV (Städtischer Ausschuss)
Ganz zum Schluss noch ein Brief von Frank Zeisig:

„Ich finde die Artikel auf Radio Prag immer sehr interessant. Ich hätte noch Interesse zum Thema Krajský národní výbor mehr zu erfahren. Leider findet sich selbst im Internet und bei Wikipedia kaum etwas zu dem Thema. Daher fände ich einen Artikel zu der Bedeutung der KNV in der ČSSR sehr interessant und zu dem, was die deutsche Entsprechung dazu wäre. Soweit ich das verstanden habe, entsprechen die Vorsitzenden der KNVs in gewisser Hinsicht einem Landeschef in Deutschland. Gibt es dann im Internet eine Liste aller Vorsitzenden?“

Herr Zeisig, die Nationalausschüsse, tschechisch národní výbory, waren Organe der staatlichen Verwaltung in der Tschechoslowakei von 1945 bis 1990. Die Nationalausschüsse sollten ein Hebel sein, um die zentral getroffenen Beschlüsse in Wirtschaft und Gesellschaft auch auf regionaler und lokaler Ebene umzusetzen. Die formell gewählten Organe gab es in Gemeinden, Stadtteilen, Städten, Bezirken oder Kreisen.

Tschechoslowakei
Daraus leitet sich auch die Rolle des krajský národní výbor (Kreisnationalausschuss) und seines Vorsitzenden ab. Sie lässt sich keinesfalls mit der Rolle eines Länderparlaments und eines Ministerpräsidenten in Deutschland vergleichen. Dem entsprachen eher die beiden Teilrepubliken der Tschechoslowakei, nachdem 1969 der Staat in eine Föderation umgewandelt wurde: die Tschechische Sozialistische Republik und die Slowakische Sozialistische Republik. Jede der Republiken hatte ihren Nationalrat und ihre Regierung. So könnte die Funktion des tschechischen beziehungsweise des slowakischen Regierungsvorsitzenden der des Landesministerpräsidenten in Deutschland entsprechen.

Verwaltungskarte der Tschechischen Sozialistischen Republik
In der Tschechoslowakei gab es immer rund zehn Kreise, diese haben aber keine historische Entsprechung gehabt. Es waren allerdings niemals politische Einheiten, sondern nur Verwaltungseinheiten. Die Nationalausschüsse und auch die Kreisnationalausschüsse wurden jeweils von einem Vorsitzenden geleitet, der ab 1948 grundsätzlich der Kommunistischen Partei angehörte. Eine Liste werden Sie im Internet kaum finden, Herr Zeisig. Wenn Sie sich für das Thema näher interessieren, wenden Sie sich an eines der beiden Forschungsinstitute, die sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts befassen: das Institut für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften oder das Institut für das Studium totalitärer Regime.

Und das war es für heute, liebe Hörerinnen und Hörer. Schreiben Sie uns an weiter: Radio Prag, Vinohradská 12, 120 99 Prag 2, Tschechische Republik. Oder elektronisch an: deutsch@radio.cz. Wir freuen uns auf ein Wiederhören in zwei Wochen.