Reaktionen auf die Bundestagswahl/ Ende der tschechischen Sendungen von Radio Freies Europa

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Recht herzlich willkommen zur regelmäßigen Rubrik "Im Spiegel der Medien" auf den Frequenzen von Radio Prag. In unserer heutigen Sendung beschäftigen wir uns zunächst mit Reaktionen der tschechischen Presse auf den Ausgang der deutschen Bundestagswahlen. Zweiter Themenschwerpunkt ist dann das Ende der tschechischen Sendungen von Radio Freies Europa am 30. September.

Die Bundestagswahl in Deutschland fand bereits im Vorfeld große Beachtung in den tschechischen Print-Medien. Die überregionalen Zeitungen hatten alle z.T. mehrere Korrespondenten vor Ort in Deutschland, die bereits Wochen vor dem Wahlsonntag ausführlich über den Wahlkampf der einzelnen Parteien, deren Programme, über Meinungsumfragen, Wahlprognosen etc. berichteten. Nicht zuletzt tauchte dabei immer wieder auch die Frage auf, was der Wahlsieg der einen oder anderen Partei für die Tschechische Republik bzw. für die deutsch-tschechischen Beziehungen bedeuten würde.

Etwas verallgemeinernd lässt sich sagen, dass die meisten Kommentatoren die Fortsetzung der rot-grünen Koalition für wünschenswerter hielten, da der Person Stoibers hierzulande doch sehr stark der Ruf eines Anwaltes der Sudetendeutschen anhaftet. Mit einem Wahlsieg der CDU/CSU, so fürchtete man, hätte es zu einer Verzögerung des tschechischen EU-Beitritts kommen können, da in diesem Fall das Problem der sog. Benes-Dekrete sicherlich noch an Schwere gewinnen würde. Dementsprechend positiv wurde der tatsächliche Wahlsieg der rot-grünen Koalition dann auch bewertet.

Neben dem tschechisch-deutschen Verhältnis betonte die tschechische Presse in ihren Kommentaren zum Wahlausgang auch weiter Aspekte. So schrieb etwa die Zeitung "Hospodarske noviny" am Montag:

"Nach Europa ist eine gute Nachricht gekommen. In Deutschland gibt es nach wie vor eine starke politische Mitte. Im Unterschied zu anderen Ländern, insbesondere Frankreich, haben sich die Rechtsextremisten in den Wahlen nicht durchgesetzt."

Die Zeitung "Lidove noviny" jedoch erinnert daran, dass im Wahlkampf in Deutschland auch Antisemitismus im Spiel war, vom Antiamerikanismus ganz zu schweigen. Sie spielt damit auf die Äußerungen von Herta Däubler-Gmelin bzw. Jürgen Möllemann an, die beiden Politikern letztlich ihren Posten gekostet haben. Beide Affären ließen sich unabhängig vom Wahlausgang und von der neuen Regierung auf einen gemeinsamen Nenner bringen, resümieren "Lidove noviny":

"Deutschland ist ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg ein demokratischer Staat. Die Vorhersagen der Euroskeptiker, nach denen Deutschland durch die EU-Integration nicht europäischer, sondern Europa deutscher wird, haben sich nicht bestätigt. Wenn symbolische Rhetorik gefragt ist, zeigt sich Deutschland loyal mit den USA und Israel. Im Augenblick aber, wo es um Wahlen und konkrete Menschen geht, kommen Appelle an niedrige, seit langem angelegte Triebe - Antiamerikanismus und Antisemitismus."

Sie hörten einen Kommentar aus "Lidove noviny".

Beide Zeitungen machten sich außerdem Gedanken zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland nach den Wahlen. "Hospodarske noviny" sehen über der künftigen Wirtschaftspolitik Berlins ein Fragezeichen stehen, und auch "Lidove Noviny" sind skeptisch. Stoibers Niederlage, so heißt es, sei für die deutsche Wirtschaftsentwicklung und somit auch für die tschechische Industrie eine schlechte Nachricht.

Zu unserem zweiten Thema.

Wie wir bereits berichteten, hatten die Vereinigten Staaten im Juli die Schließung der tschechischen Redaktion von Radio Free Europe/ Radio Liberty angekündigt. Mit den bislang für die tschechische Redaktion bereitgestellten Mittel sollen künftig Sendungen in Länder finanziert werden, die im Rahmen des internationalen Kampfes gegen den Terrorismus bedeutsam seien. Am 30. September nun wird diese Ankündigung definitiv in die Realität umgesetzt.

Wir fragten zwei langjährige Mitarbeiter der tschechischen Redaktion von Radio Freies Europa, was das Ende der tschechischen Sendungen für sie bedeutet.

Für Lida Rakusanova, die bereits seit Anfang der 70er Jahre mit Radio Freies Europa verbunden ist - zunächst in München als freie Mitarbeiterin, dann als Festangestellte und in den letzten acht Jahren in Prag wieder als freie Mitarbeiterin, bedeutet das Ende der tschechischen Sendungen von Radio Freies Europa einen großen Einschnitt in ihre berufliche Laufbahn und ihr persönliches Leben:

"In den ganzen Jahren war das eine sehr, sehr gute Arbeit, an die ich mich wirklich mit Freuden zurückerinnern kann. Vor allem habe ich das Gefühl, dass ich diese Freiheit, die wir dort hatten in der Berichterstattung, dass ich die bei anderen Medien - mit denen ich auch jetzt zusammen arbeite - nicht vorfinde. Radio Free Europe, da hatten wir keine Zwänge, keine Begrenzungen - außer der Professionalität."

Im Gegensatz dazu, so meint Rakusanova weiter, sähe die Situation in den tschechischen Medien, mit denen sie als Journalistin ebenfalls zahlreiche Erfahrungen habe, anders aus:

"Die tschechischen öffentlich-rechtlichen Medien sind unter einem ziemlichen Druck aus der politischen Szene. Wir haben das ganz krass in der Fernsehkrise vor zwei Jahren gesehen. Aber es ist noch nicht überstanden. Die Politiker strecken immer wieder ihre Fühler in die Redaktionen. Der Deckmantel dafür ist sehr oft die Forderung nach Ausgewogenheit. Dieses Ausgewogenheits-Prinzip wird so ausgelegt, dass jegliche Kritik dadurch gedämpft wird. Man muss halt sehr lavieren, und das war ich nicht gewöhnt in Radio Free Europe."

Soweit Lida Rakusanova, langjährige Mitarbeiterin von Radio Freies Europa.

Auch für Libor Dvorak ist das Ende der tschechischen Sendungen von Radio Freies Europa gleichbedeutend mit dem Ende der mehr als 50 jährigen Epoche, in der Radio Freies Europa in die damals unfreie Tschechoslowakei sendete. Andererseits betont er jedoch:

"Radio Freies Europa wird seinen würdigen Nachfolger haben in Form der Sendungen des Tschechischen Rundfunks 6, an denen ich mitwirken werde. Die wesentlichen Sendungen werden in derselben Form weiterbestehen wie bislang Im Grunde werde ich also dasselbe machen wie bislang."

Dvorak weist jedoch darauf hin, dass seine älteren Kollegen, die bereits seit der Zeit, als sie aus der damaligen Tschechoslowakei emigrierten, bei dem Sender arbeiteten, künftig nicht mehr unter seinen Kollegen sein werden. Es finde ein Generationswechsel statt - auch um den seit Jahren und Jahrzehnten unveränderten und vergleichsweise konservativen Stil der Sendungen zu modernisieren. Dass diese Modernisierung nicht längst stattgefunden habe, begründete Lida Rakusanova zum einen durch mangelnde technische Möglichkeiten, aber auch durch das Festhalten an alten Schemata, die sich einst so ergeben hatten. Libor Dvorak sieht noch eine weitere Ursache für den konservativen Radio Stil von Radio Free Europe:

"Man sich aber auch darüber im klaren sein, dass der Kern unserer Hörerschaft aus älteren Menschen bestand, die ziemlich konservativ sind und an "ihr" Radio Freies Europa gewöhnt waren. Daher wurden die Sendungen im Grunde so konserviert, wie sie ursprünglich begonnen haben."

"Deutschland hat praktisch das langsamste Wirtschaftswachstum in der Europäischen Union und fast die höchste Arbeitslosenquote in seiner Nachkriegsgeschichte. Es bräuchte daher eine starke Regierung, die ohne Zögern zu Reformen schreitet. Stattdessen hat in den Wahlen vom Sonntag zwar knapp, aber dennoch, die gegenwärtige rot-grüne Koalition gewonnen, die Reformen nachweislich fürchtet. Wunder konnte man zwar auch von Stoiber nicht erwarten, dennoch hätte der Macher aus Bayern wohl die Gewerkschaften an die Wand gedrängt, Erleichterungen für die deutsche Wirtschaft durchgesetzt und die Auftraggeber hätten mehr Aufträge gegeben. Stoibers Niederlage ist daher eine schlechte Nachricht, auch für die tschechische Industrie."

Form des Radiomachens nicht modern, veraltet Die Gründe?

"Das hängt mit Möglichkeiten, mit technischer Ausrüstung aber auch mit der Überwindung derjenigen Schemata zusammen, die sich so ergeben hatten. Aber einige Programme waren wirklich sehr hervorragend gestaltet, andere wiederum ziemlich unmodern und diese haben uns natürlich auch die Hörerschaft gekostet."

weiterer Grund: hoher Anteil von Mitarbeitern aus der Emigrations-Zeit; unmoderne Art auch Grund für Streichung der amerikanischen Mittel einerseits Briefe des Bedauerns von den Hörern, andererseits aber auch Verständnis