´S Hohnakreiz - deutschsprachige Literatur aus dem Böhmerwald im Internet

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´s Hohnakreiz oder vielleicht "Das Hahnenkreuz" ist der Name einer Anthologie verschiedener deutschsprachiger Autoren aus dem Böhmerwald. Die großangelegte Anthologie steht jedoch nicht als Buch zur Verfügung, sondern ist im Internet zu finden. Mehr erfahren Sie im heutigen Kultursalon, zu dem Sie nun Markéta Maurová und Olaf Barth begrüßen.

Studien und Medaillons über etwa 400 Autoren. Leseproben der deutschen Lyrik, lyrischen Prosaskizzen und weiterer Dichtung in deutscher Originalfassung und in tschechischer Übersetzung. Abbildungen und Illustrationen, bibliographische Daten, Notizen und Erklärungen zu Dialektbegriffen. Dies und vieles mehr findet man unter http://platon.cbvk.cz/kniha/. Sollten Sie diese Adresse anklicken, öffnet sich vor Ihnen eine umfangreiche Datei mit dem Namen ´S Hohnakreiz (Des Waldes Widerhall). Ihr Autor ist Jan Mares, Leiter der regionalen Abteilung der Staatlichen Wissenschaftlichen Bibliothek in Ceske Budejovice (Budweis), der sich sein ganzes Leben lang mit der Böhmerwaldliteratur befasst. Wie wurde aber dieses Interesse bei ihm geweckt?

"Die ursprüngliche Motivation für die Arbeit war eine Gefühlssache. Ich komme nämlich aus der Region mit dem Namen Sobeslavska blata, das ist ein Gebiet, in dem die Dörfer aufblühen. Und als ich nach dem Krieg den Böhmerwald sah, so wie er nach dem Weggang seiner Bewohner aussah, ergriff mich etwas wie ein Trauma, oder ein Schuldgefühl, das ich begleichen wollte. Ich glaube, dass es mittels der Personen am wirksamsten ist, die von hier weggegangen sind, die nach einer Feder griffen und ihre Beziehung zu dem zum Ausdruck brachten, was sie da verloren haben."

Was alles hat Jan Mares für sein Werk zusammengetragen?

"In der Datei sind etwa 400 deutschschreibende Autoren, deren Lebensschicksal etwas mit dem Böhmerwald zu tun hat - sie wurden dort geboren, wirkten oder starben dort oder aber Autoren, in deren Schaffen der Böhmerwald ein Thema ist. Die Arbeit entstand ursprünglich als eine Poesieanthologie. Es standen darin nebeneinander deutsche Originalverse und deren Übersetzung ins Tschechische. Da die Poesie im Grunde unübersetzbar ist, führe ich die Originalfassung an. Außerdem kommen immer neue und neue Autoren dazu, die in ihren Prosawerken über den Böhmerwald schreiben. In diesem Fall führen wir aber keine deutsche Originalfassung an."

Die Angaben über einzelne Autoren sind durch eine Studie mit dem Titel "Was ist Böhmerwaldliteratur?" ergänzt. Und was ist die Böhmerwaldliteratur? Wer kann in diese Kategorie eingeordnet werden?

"Die Arbeit hat in Bezug auf den Fonds der Autoren keine Zeitgrenzen. Es handelt sich um deutsche Literatur aus dem Böhmerwald - ich bemühe mich diesen Terminus durchzusetzen. Denn wenn es die Prager deutsche Literatur und die mährische deutsche Literatur gibt, warum soll es keine deutsche Literatur des Böhmerwaldes mit Adalbert Stifter an der Spitze geben. Sie hat meiner Auffassung nach keine Grenzen, weil schon die Handschrift von Hohenfurt aus dem Mittelalter eigentlich einen Teil des deutschen Schaffens bildet. Es setzt sich über die Renaissance und den Barock fort, dort gibt es z.B. die Person von Theobald Höck im Dienst der Rosenberger. Weiter geht es über das 18. Jahrhundert, als die tschechische nationale Wiedergeburt mit der deutschen eng verbunden war. Und dann ging das 19. Jahrhundert mit seinen Nationalismen in das tragische 20. Jahrhundert über, das dieses Phänomen leider endgültig beendete. Es gibt hier also keine Zeitgrenzen. Ich denke sogar, dass auch die gegenwärtigsten Autoren dazu gehören."

Jan Mares zieht keine zeitlichen Grenzen, wie war es aber mit den Qualitätskriterien bei der Auswahl der präsentierten Schriftsteller?

"In Bezug auf das literarische Niveau mache ich zwischen einzelnen Schriftstellern keine Unterschiede. Ich habe auch jene Leute eingeordnet, die nur deswegen zu schreiben begannen, weil sie den Böhmerwald verlassen mussten. Es gibt Literaten, Intellektuelle und Wissenschaftler neben einfachen Leuten und Bauern, die sich an ihren Bauernhof erinnern."

Ein spezifisches Merkmal der deutschsprachigen Literatur aus dem Böhmerwald ist, dass sie häufig nicht in Hochsprache, sondern im Dialekt geschrieben wurde. Und da der dortige Dialekt sehr schwierig zu verstehen ist, war die Arbeit damit nicht leicht.

"Gerade der Dialekt war für mich am interessantesten. Natürlich war die Frage sehr problematisch, wie ihn ins Tschechische zu übersetzen. Er lässt sich nicht in eine tschechische Mundart überführen. Man kann ihn nur in das sozusagen normale Tschechisch übertragen, d.h. in eine Sprachform, in der auch einige Elemente der Umgangssprache, bzw. Dialektelemente vorkommen können, aber eben nur einzelne Elemente und Ausschnitte. Ansonsten handelt es sich um die tschechische Umgangssprache. Es zog mich sehr an, in den Dialekt durchzudringen, weil darin das Gefühl verstärkt ist. Wenn man sich im Dialekt äußert, kehrt er doppelt so intensiv in seine Heimat zurück. Ein großer Verrat bei der Arbeit besteht darin, dass die Transkription des Dialekts sehr unterschiedlich ist. Einzelne Autoren unterscheiden sich in der schriftlichen Form sehr stark voneinander. Es gab natürlich mehrere Mundarten je nach dem Ort. Die Mundartenkarte ist sehr kompliziert, aber dazu kommt immer noch die Transkription. Damit musste ich mich auseinandersetzen."


Die Datei kam in den Jahren 1990 bis 2000 zustande. Doch das Interesse für die Böhmerwaldliteratur reicht bei Jan Mares wesentlich weiter zurück:

"Es ist eine Frage von Jahrzehnten. Mit Stifter habe ich schon 1968 begonnen, als wir im Buchverlag "Ruze" eine dreibändige Auswahl aus den Erzählungen von Adalbert Stifter, in der Übersetzung von Anna Siebenscheinová herausgegeben haben. Ich arbeitete dort damals als Redakteur. Ich empfand es jedoch als eine Schuld, deren Begleichung fortgesetzt werden sollte. Dies gelang mir erst nach November 1989."

Jan Mares hat sich mit den Werken von einigen Hundert Autoren bekannt gemacht. Hat er darunter seinen persönlichen Lieblingsdichter gefunden?

"Natürlich Adalbert Stifter, meine Arbeit ist eigentlich seine Schuld. Sein Bild des Böhmerwaldes als eines menschlichen Werkes, nicht nur eines Naturwerkes, ist unendlich und es werden immer neue Generationen dazu zurückkehren. Er schuf das Bild einer Landschaft, die sich so stark veränderte, dass sie nur noch in der Literatur erhalten bleibt. Mein Ehrgeiz war es jedoch, auch die einfachsten Autoren zu zeigen, die sich übrigens auch zu Stifter bekennen, aber auch solche vergessene und auch problematische Typen, wie etwa Hans Watzlik. Es gibt eine ganze Reihe von Autoren. Ich möchte z.B. Franz Leppa nennen, in dessen Haus in Budweis sich heute ein Literaturcafe befindet, oder Leo Hans Mally, dessen Grab in Bayrisch Eisenstein ich sehr gerne besuche."

Unter den Autoren findet man in erheblichem Maße Dichter, betont Jan Mares und hebt insbesondere die Lyrik des Böhmerwaldes hervor. Wie wir in seiner Aufzählung gehört haben, ist er auch vor problematischen Autoren nicht zurückgewichen. Wie etwa vor Hans Waztlik, der wegen seines Nationalismus als kontrovers gilt.

"Ich habe mich bemüht, dies menschlich zu betrachten, d.h. den Menschen als eine integrale Entität, als eine Einzelperson zu begreifen. Bei Watzlik sind manche Sachen zu verstehen, denn sein Vater stammte aus dem tschechisch-deutschen Grenzmilieu und seine Mutter war eine sozusagen gebürtige und leidenschaftliche Deutsche. Dies war wahrscheinlich der Grund, warum er sich dem Deutschtum zuwandte. Dem Deutschtum und Nazismus wandten sich leider viele der hiesigen Autoren zu. Es war ein sehr naiver Glaube, und die Strafe dafür war wohl auch deswegen so schwer."

Die Sammlung wurde ursprünglich als ein Buch vorbereitet. Das Buch, eine Auswahl der interessantesten Literaturstücke, befand sich sogar schon fast vor der Herausgabe. Der Verlag war jedoch klein und erschrak vor diesem Projekt. Jan Mares hat es jedoch stets zur Verfügung und schließt eine Buchform nicht aus.

"Aber sonst glaube ich, dass das Internet gegenüber dem Buch gerade den Vorteil hat, dass darin eine unendliche Menge Daten vorkommt, und es freut mich, dass die Datei für die Zukunft offen bleibt, denn die Möglichkeiten sind unendlich."

Das Internet ermöglicht nicht nur, immer neue Informationen hinzuzufügen, sondern auch - der Seite der Rezipienten - auf das Gelesene sofort zu reagieren:

"Es gibt relativ viele Reaktionen. Ich erwarte auch Korrekturen und es wird mich freuen, wenn mich jemand darauf aufmerksam macht, was dort fehlt oder was dort ergänzt werden kann. Ich bekomme häufig persönliche Briefe und Zeugnisse, die wohl einen größeren Wert als das haben, was ich gemacht habe."

Autoren: Olaf Barth , Marketa Maurova
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