Slowakische Wirtschaft bereits im Windschatten der tschechischen Ökonomie

Illustrationsgrafik: gubgib, FreeDigitalPhotos.net

Die Teilung der Tschechoslowakei zur Jahreswende 1992/93 hatte viele Folgen. Zum Beispiel die Einführung nationaler Währungen in den beiden Nachfolgestaaten. Ein wesentlicher Grund für die Trennung von der gemeinsamen Tschechoslowakischen Krone war die unterschiedliche Wirtschaftskraft in beiden Teilrepubliken. Die Slowakei galt damals als rückständig und nur begrenzt konkurrenzfähig. Das aber hat sich sehr verändert, denn wirtschaftlich hat die Slowakei merklich aufgeholt – ein Gastbeitrag von Radio Slowakei International.

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Am 1. Januar 2013 sind genau 20 Jahre seit der Teilung der Tschechoslowakei vergangen. Aus ihr entstanden zwei selbstständige Staaten: die Tschechische und die Slowakische Republik. Obwohl die gegenseitigen Kontakte auch weiterhin ziemlich eng und vor allem freundlich blieben, begannen sich nach der Trennung beide Länder unabhängig weiterzuentwickeln. Unter anderem verzeichnete die Wirtschaftsentwicklung gewisse Unterschiede.

Im Jahr 1993 erreichte die Leistungsfähigkeit der slowakischen Wirtschaft (gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner in der Kaufkraftparität) nur etwa 60 Prozent der Leistungsfähigkeit der tschechischen Wirtschaft. Aus statistischer Sicht hat es den Anschein, dass die slowakische Wirtschaft nach der Trennung erfolgreicher war, denn sie begann schrittweise gegenüber der tschechischen Ökonomie aufzuholen. Die Schere zwischen der Leistung der slowakischen und der tschechischen Wirtschaft schloss sich merklich – vor allem aufgrund des starken Wirtschaftswachstums in der Slowakei in den Jahren 2001 bis 2010, als das Land die am schnellsten wachsende Wirtschaft der EU war. Im Jahr 2011 erreichte die slowakische Wirtschaft 90 Prozent der tschechischen Leistungsfähigkeit, im Jahr 2012 laut Schätzungen der Europäischen Kommission sogar 94 Prozent. Im Durchschnitt stieg sie in den letzten 20 Jahren um 4,4 Prozent, in Tschechien um 2,8 Prozent.

Ľubomír Koršňák (Foto: Archiv UniCredit Bank Slovakia)
Den Erfolg verdankt die slowakische Wirtschaft unter anderem der relativ hohen Arbeitsproduktivität in Kombination mit verhältnismäßig niedrigen Arbeitskosten. Laut dem Chefökonom der UniCredit Bank Slovakia, Ľubomír Koršňák, stehen dahinter auch andere Faktoren:

„Den größten Sprung in der Aufholjagd machte die Slowakei in den Jahren von 2003 bis 2008, als ausländische Investitionen ins Land gekommen sind. Es wurden damals Reformen durchgeführt, die die Wirtschaft angekurbelt und Investoren angelockt haben.“

Die Investoren zeigten ähnliches Interesse an Tschechien. Laut Ľubomír Koršňák erschienen sie dort jedoch stufenweise über einen längeren Zeitraum:

„In die Slowakei sind die meisten Investoren erst in diesem Jahrtausend gekommen. Dies hatte ein schnelleres Wirtschaftswachstum in der letzten Dekade zur Folge.“

Ein anderer Faktor, der zur Wirtschaftsentwicklung beider Länder beitrug, war die Aufnahme in die europäische Gemeinschaft.

„Der Beitritt zur Europäischen Union hat beide Länder in den Augen der ausländischen Investoren attraktiver gemacht. Ein großer Teil der Investitionen in diesen Ländern ist vor allem für den Export in die EU-Länder bestimmt. Wenn man die Offenheit der slowakischen Wirtschaft betrachtet, also die Summe von Export und Import mit dem BIP vergleicht, kann man sehen, dass die Offenheit im Jahr 1993 etwa 120 Prozent erreicht hat. Zurzeit sind es beinahe 190 Prozent; damit ist die Slowakei eine der offensten Wirtschaften der Welt. Der entscheidende Teil des slowakischen Exports ist für den EU-Markt bestimmt, und dazu hat der Beitritt des Landes zur EU extrem geholfen.“

Ein weiterer Meilenstein in der Wirtschaftsentwicklung der Slowakei war die Euro-Einführung im Jahre 2009. Ľubomír Koršňák zufolge entwickelten sich beide Wirtschaften bis zu diesem Datum sehr ähnlich, die Einführung der neuen Währung habe aber kleine Unterschiede vertieft.

„Im Jahr 2009, als die Slowakei den Euro eingeführt hat, ist in Europa zugleich die Wirtschafts- und Finanzkrise ausgebrochen. Damals begannen sich die Wirtschaften der Nachbarländer Slowakei und Tschechien ein bisschen anders zu entwickeln. Die Slowakische Republik konnte ihre Konkurrenzfähigkeit nicht mehr durch eine Schwächung der nationalen Währung erhöhen. Somit wurde in großem Maße Druck auf heimische Unternehmer ausgeübt, die Arbeitsproduktivität zu erhöhen. Darum ist die Arbeitsproduktivität in der Slowakei auch während der Krise gewachsen, wobei das Wachstum von den Arbeitskosten bestimmt war. In der Tschechischen Republik war das Wachstum der Arbeitsproduktivität mit einem relativ hohen Wachstum von Arbeitskosten verknüpft. Dort konnte man es sich leisten, denn es genügte, die eigene Währung abzuwerten.“

Arbeitsamt (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Dies war laut Ľubomír Koršňák einer der Hauptfaktoren, die dazu beitrugen, dass die slowakische Wirtschaft der tschechischen immer näher kam. Die Arbeitsproduktivität stieg zudem mit den steigenden ausländischen Investitionen, was dann wiederum neue Investoren anlockte.

Einer der Indikatoren, die etwas über den Zustand der Wirtschaft im Land aussagen, ist die Arbeitslosigkeit. Die Tschechische Republik war lange Zeit dadurch bekannt, dass sie eine niedrige Arbeitslosenrate hat. Im Jahr 1993, als es zur Teilung der Föderation kam, waren in der Slowakei etwa doppelt so viele Menschen arbeitslos wie in der Tschechischen Republik. Bei der Einführung der Reformen zur Jahrtausendwende stieg die Arbeitslosigkeit auf etwa 20 Prozent, und bis heute ist sie nahezu zweimal so hoch wie in Tschechien.

Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks
„Das einzige Mal, bei dem auf dem Arbeitsmarkt in einigen Branchen ein Arbeitskräftemangel verzeichnet wurde, war unmittelbar vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise im Jahr 2008. Damals ist die Arbeitslosigkeit unter zehn Prozent gesunken. Sie lag bei rund acht Prozent. Manchen Firmen mangelte es damals an Arbeitskräften, was einen Druck auf die Löhne einschließlich deren Erhöhung ausübte. Die Slowakei hat schon länger ein Problem mit der Langzeitarbeitslosigkeit. Solange dieses Problem nicht gelöst wird, bleibt die Arbeitslosenrate höher als in der Tschechischen Republik.“

Für die Einwohner beider Länder sind bei der Beurteilung der Wirtschaftsentwicklung sicher das Wachstum der Gehälter und die Entwicklung der Preise von großer Bedeutung. Welche Unterschiede wurden dabei in der Slowakei und in Tschechien seit der Trennung des gemeinsamen Staates verzeichnet?

Foto: Slowakisches Fernsehen
„In der Slowakei sind die Preise in diesem Zeitabschnitt etwas schneller als in der Tschechischen Republik gestiegen. Das wurde anfangs dadurch verursacht, dass die slowakische Währung im Vergleich mit der tschechischen geschwächt wurde. Wenn man aber die Preise in Euro vergleichen würde, dann fiele ihre Differenz nicht so deutlich aus.“

Sehen wir uns nun die Struktur der Wirtschaft in der Slowakei und in Tschechien an. Die Slowakei ist dafür bekannt, dass an der Schaffung ihres BIP gerade die Automobilindustrie eine entscheidende Rolle spielt. Wie sieht es in der Tschechischen Republik aus?

Foto: Archiv Radio Prag
„Was die Struktur der Industrie anbelangt, gibt es keine großen Unterschiede zwischen der slowakischen und tschechischen Wirtschaft. Die Automobilindustrie ist auch in der Tschechischen Republik stark vertreten. Und was den Anteil der Industrie und der Dienstleistungen an der Gesamtwirtschaft anbelangt, auch der ist in beiden Ländern sehr ähnlich.“

Abschließend lenken wir unsere Aufmerksamkeit noch auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder. Wie haben sich die Wirtschaftsbeziehungen entwickelt?

„Die Tschechische Republik ist noch immer der zweitwichtigste Markt für die Produkte slowakischer Firmen. Der gegenseitige Handel wird nach wie vor aktiv gepflegt und die wirtschaftliche Interaktion ist weiterhin relativ hoch. Angesichts der geographischen Nähe und langer historischer Verbindungen setze ich voraus, dass die wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder auch in Zukunft auf einem überdurchschnittlichen Niveau bleibt.“

Und was meinen Sie, wie werden sich beide Wirtschaften in naher Zukunft entwickeln? Halten Sie es für real, dass die Slowakei dasselbe Niveau erreicht wie das Nachbarland, was die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit betrifft?

Foto: Archiv Radio Prag
„Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich im Laufe der nächsten Jahre die slowakische Wirtschaft der tschechischen noch weiter annähern wird. Das wird davon abhängen, wie der Reformprozess in Tschechien und in der Slowakei verlaufen wird. Wenn die Reformen fortgesetzt werden, ist es schon realistisch, dass die slowakische Wirtschaft einmal die tschechische überholen könnte.“