Spaziergang durch Prag

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Willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zum heutigen Spaziergang durch Prag, in dem wir Sie in die Prager Strassen des 19. Jahrhunderts einladen möchten. Davon, dass die Prager Stadtväter vor 100 Jahren oft ähnliche Sorgen mit der Moldaumetropole wie ihre heutigen Nachfolger im Prager Rathaus hatten, können Sie sich in einer Ausstellung überzeugen, die vor Kurzem im Prager Nationalmuseum eröffnet wurde. Sie trägt den Titel "Prager Strassen gestern und heute". Anhand von Fotos, Zeitungsartikeln und historischen Gegenständen werden die Prager Strassen am Ende des 19. Jahrhunderts aus verschiedenen Gesichtspunkten vorgestellt. Die nostalgischen Stadtbilder werden mit den Prager Strassen der Gegenwart konfrontiert. In einem Raum werden dann einige der grundlegenden Änderungen dokumentiert, die sich in den Strassen der tschechischen Hauptstadt in den letzten zehn Jahren abspielten. In das Nationalmuseum laden Sie Veronika Siskova und Martina Schneibergova ein.

Für uns - die Bewohner der Moldaumetropole - sind die Prager Strassen etwas ganz Selbstverständliches, so dass man sich kaum dessen bewusst wird, wie sie aussehen und wie sie sich mit der Zeit verändern. Die Atmosphäre der Strasse sollte angenehm sein, die Strasse sollte gut beleuchtet und bezeichnet sein und kann gleichzeitig auch über interessante Veranstaltungen informieren, die in der Stadt stattfinden. Dies hält man für selbstverständlich, wenn das alles reibungslos funktioniert. Die Autorin der Ausstellung im Nationalmuseum, Dr. Milena Secka, fragten wir danach, wie sie die einzelnen, für die Prager Straßen typischen Phänomene, ausgesucht hat.

"Es war ganz einfach - ich spazierte durch die Prager Strassen und überlegt, was auf der Strasse sein sollte und wodurch die Strasse charakterisiert wird. Auf diese Weise fand ich zehn grundlegende Punkte, die von einer gut ausgestatteten Strasse nicht wegzudenken sind. Es sind: die Bezeichnung der Strassen und Häuser mit Nummern, die Beleuchtung, die Kanalisation und Instandhaltung der Strassen, Wasserleitungen, Grünanlagen, Strassenverkauf, Werbeflächen, Post und Telefon, Uhren und Verkehr."

Was das zuerst genannte Phänomen - die Straßenbezeichnung - anbelangt, so stellte Dr. Secka fest, dass sich die heutigen Namen ungefähr seit dem Jahr 1785 entwickelten. Damals wurde vom Statthalter angeordnet, Strassen mit Namen zu bezeichnen, weil die Stadt rasant angewachsen ist und es notwendig war, sich in der Stadt gut zu orientieren. Dies war der erste offizielle Erlass, die Strassen zu benennen. Was die einzelnen Häuser anbelangt, wurden diese früher mit Hauszeichen bezeichnet - diese sind im Stadtzentrum oft noch bis heute erhalten geblieben. Nach 1770 wurde jedoch angeordnet, alle Häuser mit Nummern zu versehen. Wie Dr. Secka einräumt, wurde jedoch diese Nummerierung damals nicht konsequent durchgeführt. Die rot-weißen Straßenschilder, die man bis heute in Prag benutzt, haben auch ihre Geschichte. Dazu noch einmal die Historikerin:

"Wir kennen diese Straßenschilder auch heute, sie wurden 1888 eingeführt. Die Einführung der Schilder wurde sogar von nationalistisch gefärbten Auseinandersetzungen begleitet. Denn die neuen tschechischen Schilder stellten ein Resultat der Emanzipationsbemühungen der Tschechen dar. Die Prager verlangten damals, die bislang zweisprachig bezeichneten Strassen nur mit tschechischen Namen zu bezeichnen. Darauf reagierten die in Prag lebenden Deutschen. Diese Auseinandersetzung wurde in der Tagespresse kommentiert und die sog. "Tafelnaffäre" dauerte einige Jahre lang."

Wie bereits anfangs erwähnt, ist die Beleuchtung nicht von den Strassen wegzudenken. Es ist belegt, dass bereits im 12. Jahrhundert in Prag angeordnet wurde, dass die Strassen beleuchtet werden müssen. Dazu Dr. Secka:

"Ja, das stimmt, jeder, der im Dunklen auf die Strasse ging, war verpflichtet, einen eigenen Kien zu tragen. Diese primitive Beleuchtung gab es sehr lange - bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Denn noch im 19. Jahrhundert gab es eine Anordnung, dass Kiene nicht in der Nähe der Karlsbrücke ausgelöscht werden dürfen. Dies zeugt davon, dass es noch damals Menschen gab, die immer ihre eigenen Kiene mithatten. Die ersten Gaslampen tauchten in Prag 1847 auf und 1882 gab es die erste elektrische Beleuchtung - und zwar im Geschäft des Herrn Stýblo auf dem Kleinen Ring in der Altstadt. 1883 gab es dann schon elektrische Beleuchtung auf dem Altstädter Ring."

Grosse Aufmerksamkeit schenkt die Ausstellung auch den Prager Grünanlagen. Seit dem Mittelalter gab es in Prag zahlreiche Gärten, die jedoch meistens einen Privatbesitzer hatten. Mit der fortschreitenden Urbanisierung am Anfang des 19. Jahrhunderts mussten viele dieser Gärten neuen Häusern weichen. Andererseits waren sich die Prager auch damals schon dessen bewusst, dass Prag als künftige Großstadt auch Grünanlagen braucht, die für jeden zugänglich sein müssen. Mit der Errichtung öffentlicher Parkanlagen begann Graf Karel Chotek, der 1833 einen Park errichtete, der heute seinen Namen trägt - Chotkovy sady. Auf historischen Fotos sieht man in der Ausstellung den Karlsplatz, wo es im 19. Jahrhundert neben den üblichen Bänken noch Sessel gab, die man sich für eine Gebühr reservieren konnte. Im Park wuchsen damals auch exotische Pflanzen und Bäume, die mit Namensschildern versehen waren, so dass der Aufenthalt im Park zugleich auch belehrend war.

Wie es in Prag vor mehr als 100 Jahren mit der Hygiene aussah - damit befasst sich auch ein Teil der Ausstellung, in dem u.a. die ersten öffentlichen Toiletten beschrieben werden. Dazu Dr. Secka:

"Die ersten öffentlichen Toiletten tauchten in Prag 1835 auf - deutsch wurden sie "Anstandwinkel" genannt. Erst am Ende des 19. Jahrhunderts gab es selbständige kleine Häuschen im sog. "Schweizer Stil", die sehr schön und gut ausgestattet waren. Es gab Toiletten I., II. und III. Klasse. Toiletten III. Klasse waren kostenlos, für die erste Klasse bezahlte man vier, für die zweite Klasse dann zwei Kreuzer, man konnte aber auch eine Jahreskarte erwerben. In der ersten Klasse gab es auch einen Teppich. Die dort anwesende Toilettenfrau, die - wie vorgeschrieben wurde - eine Frau guter Sitten sein musste - hat für eine entsprechende Gebühr eventuell auch die Schuhe der Besucher geputzt oder ihnen einen Knopf angenäht."

Wie Dr. Secka bemerkte, könnte man nach dem Vorbild der Toiletten aus dem 19. Jahrhundert auch heute noch einiges in Prag verbessern. Aus den ausgestellten Zeitungsartikeln und Fotos geht hervor, dass den Prager Ratsherren schon vor 100 Jahren der Straßenverkauf Probleme bereitete. Dazu die Historikerin:

"Auf den Fotos sieht man, dass Marktplätze eine Art Hauptzentren darstellten, in denen man einkaufen konnte. Ursprünglich konnte man überhaupt nur auf dem Markt etwas kaufen, erst viel später wurden Läden errichtet und die Verkäufer zogen in Häuser um. Die Märkte entsprachen nicht immer den am Ende des 19. Jahrhunderts gültigen hygienischen Normen. Aus diesem Grund begann man Markthallen zu errichten, die modern und beleuchtet waren. Auf einem der Bilder sieht man die Altstädter Markthalle. Es stimmt jedoch, dass es den Verkäufern lange dauerte, bis sie sich an Markthallen gewöhnten. Denn sie bevorzugten den alltäglichen Kontakt zu den Menschen auf der Straße. Im Winter jedoch schätzten sie die Vorteile einer Markthalle sehr."

Im Jahre 1881 wurde das Telefon in Österreich eingeführt - in demselben Jahr dann auch in Prag. 1882 wurden probeweise zwei Telefonstationen errichtet - es gab eine Telefonverbindung zwischen dem Geschäft von Herrn Pohl in der Havirska-Straße und dem Richter-Haus auf dem Kleinen Ring. Später entstand auf dem Kleinen Ring die erste Telefonzentrale, die auch auf einer Abbildung in der Ausstellung zu sehen ist. Seit den 80er Jahren wuchs die Zahl der Abonnenten für eine Telefonnummer. Interessant ist ein Zeitungsartikel, in dem erläutert wird, was das Telefongerät alles kann, denn die Menschen konnten sich damals gar nicht vorstellen, dass man den Ton auf Entfernung übertragen kann. In diesem Artikel heißt es:

"Wir fügen hinzu, dass das Telefongerät Fragen und Antworten und alle Gespräche ganz deutlich übermittelt und dass es so empfindlich ist, dass auch Musik, Gesang und auch Husten oder lauteres Atmen übermittelt wird. Man kann dann in jedweder Sprache kommunizieren."

Soweit der erläuternde Zeitungsartikel. Die ersten öffentlichen Telefonräume, aus denen man telefonieren konnte, wurden in Prag 1886 errichtet. Die ersten Telefonzellen tauchten erst in der Zeit der Ersten Republik - nach 1918 - auf. Wie sah es in Prag Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Verkehr aus? Dazu Dr. Secka:

"Man konnte selbstverständlich auf der Straße spazieren. Was die Verkehrsmittel anbelangt, konnte man damals zwischen Droschken und Pferdekutschen wählen. Am Ende des Jahrhunderts gab es bereits eine elektrische Straßenbahn. Als Fußgänger musste man auf dem Gehsteig bestimmte Regeln berücksichtigen. 1888 wurde z.B. eine Anordnung herausgegeben, dass Frauen mit Kinderwagen, Rollstuhlfahrer und große Hunde sich nicht auf dem Gehsteig bewegen dürfen. Die Ratsherren waren der Meinung, dass sie die anderen Fußgänger stören würden. Dieser Erlass rief Widerstand namhafter Persönlichkeiten hervor - z.B. des berühmten tschechischen Ethnographen Vojta Naprstek."

Wie Sie sehen, liebe Hörerinnen und Hörer, hatten es die Fußgänger auch vor 100 Jahren in Prag nicht ganz einfach ...

Autoren: Martina Schneibergová , Veronika Siskova
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