Sportreport

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Ahoi und herzlich willkommen zum Sportreport von Radio Prag. Es begrüßen Sie Olaf Barth und Lothar Martin.

"Nichts ist so alt wie der Erfolg von gestern," sagt man in unserer schnelllebigen Zeit sooft daher, besonders aber, wenn man sich mit sportlichen Erfolgen befasst. Das Gegenmittel zum ständigen Drang nach Ruhm und Ehre heißt Tradition. Tradition wird in Clubs und Vereinen gelebt. Sie ist das Bindeglied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, denn sie bietet sowohl die Möglichkeit zur Besinnung auf das Erreichte als auch das Fundament zum Aufbau neuer Konzepte. Und dabei muss der angestrebte Erfolg nicht immer das Maß aller Dinge bedeuten. Wir wollen nämlich in den nachfolgenden Minuten über einen tschechischen Verein berichten, der mittlerweile auf eine 100-jährige Geschichte zurückblicken kann, in dieser Zeit jedoch noch nicht einmal tschechischer bzw. tschechoslowakischer Meister wurde. Dennoch hat dieser Club einen nicht unwesentlichen Beitrag in der erfolgreichen Entwicklung des hiesigen Eishockeys geleistet. Von welchem Verein die Rede ist, das erfahren Sie gleich.

"Ein Jubiläum wie unser Einhundertstes feiert man am besten mit einem Sieg," hatte der Generalmanager des HC Slavia Prag, Jaromir Latal, noch einen Tag vor dem mit Spannung erwarteten Derby gegen den Ortsrivalen Sparta am 3. Februar verkündet. Sein Wunsch wurde erhört, denn in der Partie gegen den Titelverteidiger der Extraliga konnten die Rot-Weißen aus dem Stadtteil Vrsovice mit 7:2 ihren bisher höchsten Sieg in den Duellen mit dem Dauerkonkurrenten einfahren. Doch auf einen Meistertitel, wie ihn Sparta bereits fünfmal errungen hat, wartet Slavia Prag noch bis heute. Warum das so ist, dazu sagte uns Generalmanager Latal u.a. folgendes: "Slavia ist selbstverständlich kein Klub mit solch einer - ich würde sagen - Ligatradition wie andere Vereine. Unser Klub ist mehr ausgerichtet auf die eigene Nachwuchsarbeit, wo wir sehr erfolgreich sind und schon mehrere Male die Meisterschaft im Jugend- und Juniorenbereich gewonnen haben. Nichtsdestotrotz erlaube ich mir hiermit zu behaupten, dass wir eine sehr wichtige Rolle im Prager Eishockey spielen und dass Slavia auch für das tschechische Eishockey ein gehöriges Stück Arbeit geleistet hat."

Mit letzterer Aussage hat Latal sogar noch ein klein wenig untertrieben. Denn Slavia hat nicht nur einige Kapitel der tschechischen Eishockeygeschichte mitgeschrieben, sondern stand auch an der Wiege dieses hierzulande einzigartig populären Sports. Am 6. Januar 1901 trug der Verein unter dem einstigen Namen SK Slavia seine erste Partie auf Kufen und mit Schägern aus. Allerdings anstatt eines Pucks noch mit dem Ball, weshalb das damalige Spiel noch Bandyhockey genannt wurde. In einer auch für das spätere Eishockey in Tschechien historischen Begegnung wurde der BZK Prag mit 11:4 geschlagen. Und weil der Sportklub Slavia vor dem ersten Weltkrieg zu den besten tschechischen Mannschaften gehörte, standen dessen Spieler auch im Blickpunkt weiterer Meilensteine. So setzte sich die erste tschechische Auswahl, die im Januar 1909 am internationalen Turnier in Chamonix teilnahm, fast ausnahmslos aus Slavia-Akteuren zusammen.

Mitte Februar 1909 gewann Slavia das erste Turnier um die Meisterschaft der Länder der böhmischen Krone und ein paar Tage später auch das Turnier um die Meisterschaft der Tschechen. In den Annalen des Klubs und des tschechischen Eishockeysports werden diese Erfolge jedoch nicht als Titel ausgewiesen, da der erste Jahrgang einer offiziellen Meisterschaft der Tschechoslowakei erst in der Saison 1936/37 stattfand. Selbstverständlich auch unter der Teilnahme von Slavia Prag, in dessem Team seinerzeit vor allem Torwart Josef Gruss, Verteidiger Jan Fleischmann und Stürmer Otakar Vindys die herausragenden Kräfte waren. Gruss übersetzte u.a. die Fußball- und Eishockeyregeln ins Tschechische und er war zudem von 1946-1965 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees.

Weder Gruss noch Fleischmann oder Vindys konnten aber nicht verhindern, dass die Erstligasaison 1936/37 für Slavia auf lange Sicht die letzte gewesen sein sollte. Mehr als fünfzig Jahre war der Verein danach in der Zweit- und Drittklassigkeit und damit in der Versenkung verschwunden. Erst die Teilung der Tschechoslowakei im Jahr 1993 brachte ihn wieder nach oben. Ein Jahr nach der Neugründung der tschechischen Extraliga stieg Slavia 1994 in diese auf und gehört seitdem zum festen Kreis der obersten Spielklasse des Weltmeisters.

Diese Zeit ist auch ganz eng mit dem Namen von Vladimir Ruzicka verbunden. Nach seinem mehrjährigen Engagement in der nordamerikanischen NHL und einem kurzen Intermezzo beim EV Zug in der Schweiz war Ruzicka im März 1994 als 31-jähriger in die Heimat zurück gekommen. Er heuerte allerdings nicht bei seinem Ex-Club in Litvinov, sondern bei den Hauptstädtern im Sportpark Eden an. Als Kapitän führte er Slavia viermal hintereinander ins Play off und landete mit der Mannschaft 1996 und 1998 jeweils auf dem 6. Rang, der bis dato besten Platzierung des Vereins überhaupt. Im November 1997 erzielte Ruzicka zudem im Slavia-Dress sein 500. Tor in der Addition von Liga- und Auswahlspielen des Landes. In Anrechnung seiner in Nordamerika und der Schweiz erzielten Treffer ist er mit insgesamt 629 Toren noch heute der beste tschechische Torschütze aller Zeiten. Als Krönung seiner aktiven Karriere steht jedoch der Olympiasieg 1998 in Nagano zu Buche.

Mit diesen Erfolgen im Rücken hängte Ruzicka im Frühjahr 2000 die Schlittschuhe an den Nagel. Doch das bedeutete noch lange nicht die Trennung vom Eishockey und von Slavia Prag. Im Gegenteil. Ruzicka übernahm die Funktion des Sportmanagers im Verein und erklärte damals:

"Wie ich schon sagte, jetzt habe ich hier die Funktion des Sportmanagers übernommen. Das ist eine Funktion, wie ich sie mir vorgestellt habe. Daneben will ich aber auch noch Nachwuchsspieler trainieren, damit diese den Sprung nach oben in die A-Mannschaft schaffen. Sicher habe ich mir da viel vorgenommen, doch ich sage ihnen eines: immer wenn ich etwas machen wollte, dann will ich es richtig anpacken. Und Slavia bedeutet mir heute alles."

Wie sehr Ruzicka mit dem Hauptstadtverein verwachsen ist, belegt die Tatsache, dass er, als es zu Saisonbeginn in der Extraliga zunächst nicht so gut lief für Slavia, im November 2000 die Verantwortung des Cheftrainers für das Männerteam in seine eigenen Hände nahm. Und Ruzickas Hartnäckigkeit hat schon erste Früchte getragen. Von Rang 11 ist die Mannschaft nach sieben Siegen in Folge inzwischen auf Platz 8 vorgerückt, der zur Teilnahme am Play off berechtigt - das große Ziel aller 14 Extraligavereine.

"Unser Ziel bleibt ein Titel in der obersten Spielklasse," hatte Generalmanager Jaromir Latal anläßlich der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Vereinsjubiläum als Motto ausgegeben. Cheftrainer Vladimir Ruzicka nennt angesichts der mit einem Durchschnitt von knapp über 2000 Besuchern pro Spiel nur mäßigen Zuschauerkulisse ein weiteres: "Wir benötigen es, dass wenigstens drei- bis viertausend Leute zu uns zum Eishockey kommen."

Mit den zuletzt gezeigten Leistungen wie beim 7:2 über Meister Sparta, wo knapp 3700 Zuschauer in der 5000 Besucher fasssenden Eishalle waren, sollte das in Zukunft kein Problem sein. Und irgendwann wird sich auch die sehr gute Nachwuchsarbeit der Rot-Weißen in einem Titelgewinn bei den Senioren niederschlagen. Davon sind nicht nur die Vereinsverantwortlichen um Latal und Ruzicka überzeugt.