St. Antonius von Padua - Kapelle in Kokonín/Kukan

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Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, bei der Touristensprechstunde von Radio Prag begrüßen Sie Olaf Barth und Markéta Maurová.

Man muss nicht immer in große Städte und zu berühmten Burgen reisen. Ein Besuch in einem kleinen Ort kann manchmal noch interessanter und angenehmer sein. Eine kleine Kapelle, die St. Antonius von Padua Kapelle, in dem kleinen nordböhmischen Ort Kokonín/Kukan, der heute eigentlich schon ein Bestandteil der Stadt Jablonec nad Nisou/Gablonz ist, ist unser heutiges Ziel. Warum gerade Kokonín, das erfahren Sie aus dem Gespräch, das unsere Sendung einleitet. Ich habe es vor kurzem im Prager Goethe-Institut aufgenommen, als man dort eine Ausstellung eröffnete und ein gemeinsames tschechisch-deutsches Dokumentationsprojekt präsentierte. Historiker, Kunsthistoriker und Architekten aus den beiden Ländern haben mehrere Jahre lang im Rahmen der sog. "Dokumentationsstelle für Kulturdenkmäler der historischen deutschen Siedlungsgebiete Böhmen, Mähren und Schlesien" zusammengearbeitet. Als Ergebnis ihrer Arbeit entstand eine Photoausstellung, die interessante Orte, Gebäude und andere Denkmäler in der Region um Gablonz zeigt, aber vor allem zwei Buchbände, die Photos sowie Texte auf Deutsch und Tschechisch zu etwa 4000 Objekten beinhalten. Nun aber schon das versprochene Gespräch - mit dem Projektleiter, Dieter Klein:

Soweit Dieter Klein, Leiter der "Dokumentationsstelle für Kulturdenkmäler der historischen deutschen Siedlungsgebiete Böhmen, Mähren und Schlesien". Als der beste Reiseführer durch Kukan kann uns sein ausführlicher Text dienen, den er über seinen Geburtsort und die dortige St. Antonius von Padua-Kapelle verfasste.


Der Ort Kukan ist seit 1538 als Kokonín urkundlich nachweisbar. Die Herkunft des Namens ist weder vom Deutschen noch vom Tschechischen überzeugend abzuleiten. Eine hölzerne Kapelle gab es bereits im 18. Jahrhundert. Ihr genaues Baudatum ist unbekannt, 1792 wurde sie aber wegen Baufälligkeit abgetragen. Nach Abbruch der Kapelle wurde die Glocke auf einem benachbarten uralten Lindenbaum aufgehängt. Als der Baum, also der erste Not-Glockenstuhl, morsch wurde, errichtete man für die Glocke 1842 ein hölzernes Gestell. Auch dieses Provisorium war aber nicht von Dauer und so entschloss sich die Kukaner Gemeindevertretung nach 20 Jahren endlich zu einem Kapellenbau, um die für das Ortsleben wichtige Glocke, die u.a. Bewohner bei Feuer oder anderen Notsituationen zusammenrief, endlich würdig unterzubringen.

Die Pläne stammten vom Gablonzer Maurermeister Anton Womatschka, der in Kukan später auch das Schulhaus und die Leichenhalle erbaute. Die Inneneinrichtung hatte der Akademische Maler August Ulbrich aus Kukan entworfen, allerdings unter Verwendung älterer Teile, die wohl aus säkularisierten Kirchen oder aus dem Vorgängerbau stammten. Die Einrichtung ist vorwiegend in Weiß und Gold gehalten, also in den bevorzugten Farben des Klassizismus. Sonst ist die Kapelle aber stilistisch uneinheitlich und nur schwer einzuordnen. Beim Kruzifix handelt es sich um eine Barockplastik. Auch die barocke Kanzel, eine eher bäuerlich-volkstümliche Arbeit, könnte aus dem Vorgängerbau stammen. Die bekrönenden Vasen sind im Louis-Seize-Stil, die schlichten Dreiecksgiebel über den Durchgängen zur Sakristei wiederum klassizistisch. Das große Deckengemälde ist mit 1863 datiert. Dargestellt ist die Anbetung des Jesuskindes durch den Heiligen Antonius, inspiriert von einer sehr ähnlichen Darstellung in der St.Antonskirche von Partenkirchen in Bayern.

Am 13. Juni 1863 konnte die Kukaner Kapelle eingeweiht werden. Bezahlt worden war sie von den wohlhabenden Bürgern, die Ärmeren hatten durch unentgeltliche Arbeitsstunden zum Gelingen des Baues beigetragen. Insgesamt beliefen sich die Baukosten auf 5250 Gulden. Immer wieder wurden Einrichtungsgegenstände gestiftet. Als Beispiel sei die barocke Kukaner Pieta zu nennen. Sie war von dem Kukaner Bauern und Fuhrmann Anton Kittel irgendwann aus der Prager Gegend mitgebracht worden. Vermutlich stammte dieses künstlerisch hervorragende Bild aus einem aufgelösten Kloster. Es lagerte viele Jahre auf dem Dachboden eines Hauses in Kukan, bevor es 1903 vom Maler Simm, dem Schöpfer der Kanzelbilder, wiederentdeckt worden ist. Nicht selbstverständlich war, dass um 1925 sogar elektrisches Licht eingeleitet worden ist, obwohl Kukan bis in die vierziger Jahre in weiten Teilen noch mit Gas beleuchtet wurde.

Es handelt sich bei der Kukaner Kapelle um kein überregional bedeutendes Kunstdenkmal. Trotzdem war gerade dieser Bau seit seiner Entstehung ein lokales Wahrzeichen. Ein richtiges Ortszentrum gab es in Kukan nie. Die Häuser standen zu beiden Seiten der Hauptstraße. Seit jeher befindet sich am rechten Mohelka-Ufer der größere Teil des Ortes, am linken war neben der Kapelle als geistlichem Zentrum der Friedhof für die Bewohner sehr wichtig.

Im Laufe der Zeit war das Gotteshaus zu klein geworden, und so beauftragte man den Architekten Alfred Wenzel mit einer Neubauplanung. Der Bau erfolgte jedoch nicht mehr. Weder nach dem Anschluss des Grenzgebietes und der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, noch in der kommunistischen Ära nach dem Kriege war an eine größere Kirche zu denken. Auf einer Tafel in der Sakristei ist der für lange Zeit letzte Gottesdienst in Kukan vermerkt: am 16. Juni 1968. Danach verfiel die Kapelle in einen Schlaf, aus dem sie gerade nun wieder geweckt wird. Über diese erfreuliche Periode in der Geschichte der St. Antonius-Kapelle in Kukan haben Sie aber bereits gehört.

Autor: Olaf Barth
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