Terezin

Transport nach Terezin

Am Samstag vor 60 Jahren - nämlich am 24. November 1941 - rollte der erste Transport mit Juden aus Prag Richtung Norden, um nur wenige Stunden später in der ehemaligen Garnisonsstadt Terezin / Theresienstadt einzutreffen. Die Festung und bald darauf die gesamte Stadt wurden in ein Konzentrationslager verwandelt, dass die Nazis "Ghetto Theresienstadt" nannten. Mehr dazu in diesem Schauplatz von und mit Olaf Barth.

Im Wesentlichen diente Terezin als ein Durchgangslager, nichtsdestoweniger starben eben dort Zehntausende von Menschen. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass aus der ehemaligen Garnisonsstadt ein KZ wurde?

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im März 1939 und der Ausrufung des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren, wurden in diesem Gebiet die Juden schon bald genauso diskriminiert, entrechtet und verfolgt wie in Deutschland auch. Ab September 1941 mussten alle jüdischen Bürger in der Öffentlichkeit den gelben Stern sichtbar tragen. Im Oktober 1941 dann, entwickelte der erst kurz zuvor in Prag eingetroffene Stellvertretende Reichsprotektor Reinhard Heydrich den Plan, die Juden zuerst zu isolieren, dann an bestimmten Plätzen zu konzentrieren, um sie später von dort zur Liquidierung nach Osten zu deportieren. Theresienstadt sollte zum Sammellager für die jüdische Bevölkerung des Protektorats werden.

Der Ort selbst wurde mit Bedacht gewählt. Das Städtchen und vor allem die Kasernen waren von Wällen umgeben, so dass sie leicht bewacht werden konnten. Die ehemaligen Armeebehausungen boten Platz für einige Tausend Menschen und sogar Zehntausende konnte man dort unterbringen, wie sich später zeigen sollte. Günstig war auch die Nähe zu einem Bahnhof direkt an der Linie Prag - Aussig an der Elbe.

Am 24. November 1941 traf der erste Transport mit 324 Männern in Theresienstadt ein. Unter ihnen auch Jiri Kosta, der später in den 70 er und 80er Jahren als Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt a.M. unterichtete :

Transport nach Terezin
Bei diesem ersten Transport handelte es sich um das sog. Aufbaukommando, dessen Aufgabe es war, die Garnisonsstadt für die Aufnahme einer größeren Anzahl von überwiegend jüdischen Häftlingen vorzubereiten. Zunächst ging es dabei nur um die sogenannte Sudetenkaserne, innerhalb der nächsten Wochen wurden jedoch weitere Militärobjekte geräumt und umgebaut. Die Wohnräume mussten mit mehrstöckigen Betten ausgestattet, die Militärküchen repariert und eingerichtet werden. Welche Arbeiten Sie dort zu verrichten hatten, beschreibt Jiri Kosta

Professor Felix Kolmer, ebenfalls Angehöriger des Aufbaukommandos, ergänzt:

"... und als alles fertig und die Zivilbevölkerung schon evakuiert war, erklärte die SS, dass die Garnisonsstadt Theresienstadt endet und ein Konzentrationslager für die Juden beginnt."

Und Herr Kolmer berichtet über die Verpflegungslage im KZ Theresienstadt:

Diese katastrophale Verpflegungssituation war einer der Gründe, weshalb zwischen 1941 und 45 in Terezin 33 000 Menschen ums Leben kamen. Über eine weitere bestialische Ursache weiß Jiri Kosta zu berichten:

Doch wie gesagt, obwohl der Tod auch hier sozusagen hinter jeder Ecke lauerte, war Terezin nur ein Durchgangslager. Mehr als 87 000 Menschen wurden von hier aus weiter gen Osten transportiert. Die meisten von ihnen kamen nach Auschwitz-Birkenau. So auch Felix Kolmer:

Felix Kolmer gehörte zu den Wenigen, der von Terezin nach Auschwitz Deportierten, die das Glück hatten, diese Hölle zu überleben.

Im Anschluss an die Wannseekonferenz im Januar 1942 änderte sich die Rolle Theresienstadts: Es wurde nun zum Ghetto der Alten erklärt. Ab Sommer 1942 kamen Juden aus Deutschland und Österreich und einigen von den Nazis besetzten Ländern. Aus Deutschland waren es insgesamt rund 43 000 Menschen, aus Österreich mehr als 15 000 und etwa 5500 aus den Niederlanden und aus Dänemark. Alles in allem haben mehr als 150 000 Häftlinge das KZ Theresienstadt passiert.

Im Mai 1945, als die Freiheit schon zum Greifen nahe schien, schlug das Schicksal noch einmal zu: Am 5. Mai '45 verließen auch die letzten SS-Männer das sog. Ghetto. Doch für die verbliebenen KZ-Insassen bedeutete dies keineswegs das Ende ihrer Leiden. Mit den rund 13 000, in den letzten Kriegsmonaten aus den liquidierten osteuropäischen Konzentrationslagern in Theresienstadt eingetroffenen Häftlingen, war auch Typhus eingeschleppt worden. Die Seuche verbreitete sich aufgrund der mangelnden hygienischen Bedingungen rasend schnell unter den ausgemergelten und geschwächten Menschen. Am 8. Mai übernahm die Rote Armee die Kontrolle über das Lager und verhängte den Quarantänezustand.

Sie kümmerte sich auch um die notwendigen sanitären und medizinischen Einrichtungen. Für einige Hundert kam allerdings jede Hilfe zu spät. Dank der enormen Anstrengungen und Opferbereitschaft - nicht wenige Ärzte und Pfleger erlagen selbst der Seuche - gelang es den Helfern jedoch, Tausende Menschen vor dem sicheren Seuchentod zu retten.

Die Geschichte Terezins als Internierungslager war trotzdem noch nicht zu Ende. Von Sommer 1945 - 1948 diente die kleine Festung Theresienstadt nämlich als Internierungslager für die deutsche Bevölkerung - sowohl für Sudetendeutsche als auch für sog. Reichsdeutsche.

Die Existenz dieses Lagers war mit der damaligen politischen Lage in der Tschechoslowakei und mit der Abneigung gegen alles Deutsche eng verbunden. Seitens der Bevölkerung wurde dies als Ausdruck einer gerechten Vergeltung betrachtet und von den höchsten Stellen unterstützt.

In seiner zweieinhalbjährigen Existenz wurde das Lager von mindestens 3725 Personen passiert - wenigstens 548 fanden dort den Tod. Genaue Zahlen werden sich vermutlich nie ermitteln lassen und auch die Todesursachen sind in etlichen Fällen unklar.

Autor: Olaf Barth
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