Triumphaler Empfang: Chicagos Oberbürgermeister Čermák 1932 in der Tschechoslowakei

Antonín Čermák (Foto: U.S. Library of Congress, Free Domain)

Ab der Mitte des 19. Jahrhundert wanderten viele Menschen aus der Habsburger Monarchie, oft auch ganze Familien, nach Übersee aus. Wie anderswo übten vor allem die USA eine besondere Anziehungskraft aus. Hunderte und später Tausende Tschechen wagten die strapaziöse Reise ins Ungewisse. Nur wenigen blieb in der neuen Welt der Erfolg beschieden, so aber zum Beispiel Antonín Čermák aus dem mittelböhmischen Kladno. Talent, Stärke und Willenskraft führten ihn bis in das Amt des Oberbürgermeisters der damals zweitgrößten US-amerikanischen Stadt Chicago. 2013 jährt sich der 140. Geburtstag und 80. Todestags des seinerzeit populärsten Tschecho-Amerikaners. 1932 besuchte Čermák zum ersten Mal nach seiner Auswanderung die Tschechoslowakei, und dort wartete auf ihn ein beinahe triumphaler Empfang.

Antonín Čermák  (Foto: U.S. Library of Congress,  Free Domain)
Antonín Čermák alias Anton Cermak wurde am 9. Mai 1873 in der Industriestadt Kladno geboren. Es war eine Bergmannsfamilie. Ein Jahr später wanderte sie aber aus in die USA und ließ sich in Braidwood im Bundesstaat Illinois nieder. Čermáks Schulzeit war recht kurz. Mit zwölf Jahren arbeitete er bereits zusammen mit seinem Vater in einem Bergwerk, wurde aber nach einem Streit gefeuert. Eine Zeitlang war er dann bei der Eisenbahn beschäftigt und auf den legendären Schlachthöfen von Chicago. Noch in frühen Jugendjahren gründete er eine Transportfirma für Kohle- und Holzversorgung. Später betätigte sich der geschäftstüchtige Čermák als Immobilienmakler.

1902 nahm sein Leben eine bedeutende Wende: Der Emigrantensohn wurde für die Demokraten in den Stadtrat von Chicago gewählt. Bald war er führender Vertreter seiner Partei im Rathaus und begann scharfe Kritik an der republikanischen Rathausführung zu üben. In seiner Position als zuständiger Abteilungsleiter unterstützte Čermák unermüdlich die Polizei im Kampf gegen die Mafia, zugleich trat er als entschiedener Gegner der 1919 eingeführten Prohibition auf. 1930 beschuldigte er öffentlich Oberbürgermeister Bill Thomson, mit dem berühmt-berüchtigten Al Capone und anderen Gangstern zusammenzuarbeiten. Ein Jahr später wurde Čermák zum 44. Oberbürgermeister von Chicago gewählt.

Weltausstellung 1933
1932 begab sich der neue Oberbürgermeister von Chicago auf eine Europareise. Anlass waren die Planungen für die Weltausstellung in Chicago im darauffolgenden Jahr. Čermáks erste Station war die Tschechoslowakei. Am 4. August 1932 traf er in Karlovy Vary / Karlsbad ein, begleitet unter anderem auch von Familienangehörigen. Im Karlsbader Hotel Pupp traf Čermák mit bedeutenden Persönlichkeiten zusammen, darunter auch mit Handelsminister Josef Matoušek. In den Gesprächen ging es um die Teilnahme der ČSR an der Weltausstellung 1933, die bereits zum zweiten Mal in Chicago stattfinden sollte. Nach vier Tagen reiste Čermák nach Prag. Dort wurde er mit Ehrungen buchstäblich überhäuft. Ein Berichterstatter beschrieb Čermáks Ankunft in Prag folgendermaßen:



Antonín Čermák vor dem Gebäude des Hotels ´Šroubek´  (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Im mit Flaggen geschmückten Prag standen Tausende Menschen Spalier, um den berühmten Landsmann zu begrüßen. Nur schwer und langsam konnte sich das Auto mit dem hochkarätigen Gast auf dem Wenzelsplatz fortbewegen. Beim Aussteigen wurden der Oberbürgermeister und sein Gefolge mit Fanfaren aus Smetanas Oper Libussa empfangen. Vor dem Gebäude des Hotels ´Šroubek´, in dem der Oberbürgermeister von Chicago seine Unterkunft hatte, jubelten ihm Tausende Menschen so lange zu, bis er den Hotelbalkon betrat und die Zuschauer begrüßte. In seiner Ansprache an das jubelnde Volk stellte Oberbürgermeister Čermák fest, dass die Beziehungen zwischen den USA und der Tschechoslowakei hervorragend seien und viele Tschechen, die in Chicago lebten, durch ihren Fleiß sowie ihre bürgerlichen Tugenden ein hervorragendes Beispiel darstellten für die tschechische wirtschaftliche Unabhängigkeit.“

Antonín Čermák  (Mitte) in Zlín. Foto: YouTube
Noch mehr Lobesworte richtete der amerikanische Gast in einer Radioansprache an die Zuhörer des Tschechoslowakischen Rundfunks - erneut in fließendem Tschechisch:

„Ich freue mich sehr darüber, Sie unter dem Eindruck des großartigen Empfangs auch über den Äther ansprechen zu dürfen. Ich will Ihnen versichern, dass mich all die Gunst, die mir nach Betreten tschechoslowakischen Bodens überall bekundet wurde, tief im Herzen trifft - und ich dies nie vergessen werde.“

Nach dieser Begrüßung warb Čermák vor allem für die Weltausstellung in Chicago. Dem Radiopublikum präsentierte er dabei ein möglichst positives Bild seiner neuen Heimat:

„Über Chicago kursieren weltweit Informationen, die dem Ruf unserer schönen Stadt schaden. Es stimmt schon, dass die Verwaltung meines Vorgängers schlechte Verhältnisse herbeigeführt und dem Verbrechen freien Raum gelassen hat. Doch die Lage ist bei weitem nicht so schlimm, wie sie in der Presse dargestellt wird. Die Banditen sind nicht die Herren unserer Straßen.“

Der Bürgermeister Chicagos wusste aber auch, eine rhetorische Brücke zwischen der amerikanischen Stadt und seinem Herkunftsland zu schlagen:

Al Capone  (Foto: United States Department of Justice,  CC BY-SA 3.0)
„Es ist Ihnen wohl bekannt, dass Chicago die zweitgrößte tschechoslowakische Stadt auf dem Erdball ist. In der Stadt, die mich zu ihrem Bürgermeister gewählt hat, leben rund 275.000 Menschen tschechoslowakischer Herkunft. Ich bin stolz darauf, dass unsere Landsleute in allen Bereichen auch in hohen Positionen tätig sind - sei es im Handwerk, im Handel, in der Kunst oder in der Politik.“

Čermáks Ausführungen lassen nicht daran zweifeln, dass er der Weltausstellung große Bedeutung beimaß. Offenbar war ihm dabei seine Einladung an die Tschechen und Slowaken besonders wichtig.

„Ich bin glücklich, dass ich die erste Einladung in dem Land übermitteln kann, in dem ich geboren wurde und das ich innig liebe, obwohl ich mein ganzes Leben seit Kindesalter in Amerika verbracht habe. Hier in der Tschechoslowakei will ich mich bei kompetenten Stellen mit allen Kräften für die Teilnahme Ihrer Republik an unserer Ausstellung einsetzen. Ich lade auch jene Hörer ein zu kommen, für die die Reise nach Amerika möglich ist. Sie sind dort willkommen geheißen. 275.000 Tschechoslowaken freuen sich darauf, wenigstens ein paar Tausend ihrer Landsleute begrüßen zu können.“

Tomáš Garrigue Masaryk und Antonín Čermák  (Foto: ČT24)
Antonín Čermáks Aufenthalt in der Tschechoslowakei war hektisch wegen seines umgangreichen Programms sowie des enormen Interesses der Öffentlichkeit. Von Prag brach er zu einer Stippvisite in seine Geburtsstadt Kladno auf, die 30 Kilometer lange Route war von begeisterten Menschen gesäumt. Auf dem Rathausplatz von Kladno warteten rund 20.000 Menschen auf ihn. Ähnliches spielte sich einen Tag darauf im westböhmischen Pilsen ab, wo er die Škoda-Werke und die historische Bierbrauerei „Měšťanský pivovar“ besuchte. Auf seinem Programm stand aber auch ein Besuch im Atelier des renommierten Bildhauers und Metallstechers Otakar Španiel, Čermák saß ihm Modell. Seine Bronzebüste sollte auf der Weltausstellung in Chicago gezeigt und später an seinem Geburtshaus in Kladno angebracht werden. Zum Abschluss seiner Visite machte Čermák auch einen Abstecher ins slowakische Topoľčianky, um Staatspräsident T.G. Masaryk zu besuchen. Der Staatsgründer hielt sich den Sommer über dort auf. Letzter Programmpunkt des Oberbürgermeisters hierzulande war der Besuch in den weltweit bekannten Baťa-Schuhwerken im südmährischen Zlín.

Von dort fuhr Čermák über Polen nach Großbritannien. Dass es für ihn der letzte Besuch seines Geburtslandes sein sollte, konnte er damals nicht ahnen. Am 15. Februar 1933 begleitete er den frisch gewählten US-Präsidenten Roosevelt in Miami, bei dessen Auftritt in der Öffentlichkeit wurde er von einer Revolverkugel schwer verletzt. Als Täter wurde sofort der 33-jährige Bauarbeiter italienischer Herkunft Giuseppe Zangara festgenommen und zu 80 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Als aber Čermák am 6. März an den Folgen seiner Verletzung starb, wurde Zangara auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

Miloš Calda  (Foto: Archiv U.S. Embassy Prague)
Ob Zangaras Kugel überhaupt dem Oberbürgermeister von Chicago galt, darüber wird aber bis heute gestritten. Miloš Calda ist Leiter des Instituts für amerikanische Studien an der Prager Karlsuniversität:

„Das ist ein historisches Rätsel auch für diejenigen, die sich damit intensiv befasst haben. Einig sind sie sich nur darüber, dass der Mörder ein - sagen wir - etwas primitiver Anarchist war. Zangara hat die Anarchisten selbst attackiert genauso wie die Kapitalisten und die Kommunisten - einfach alle. Er bediente sich einer Pistole mit fünf Schuss, am Tatort wurden aber sieben Kugeln gefunden. Einer Version zufolge wollte Zangara US-Präsident Roosevelt töten, nach einer anderen waren die Schüsse direkt auf Antonín Čermák gerichtet, weil dieser die Mafia gegen sich aufgebracht hatte.”

Čermák wurde in Chicago auf dem Tschechischen Nationalfriedhof beigesetzt  (Foto: YouTube)
Bis heute werden in verschiedenen Zusammenhängen Čermáks Worte zitiert, die er unmittelbar nach dem tragischen Ereignis in Miami gesagt haben soll: „Gut dass ich es gewesen bin und nicht Sie, Herr Präsident.“ Beigesetzt wurde er in Chicago auf dem 1877 angelegten Tschechischen Nationalfriedhof.

Nicht mehr erleben konnte er daher, dass sich die Tschechoslowakei dann tatsächlich in Chicago erstmals bei einer Weltausstellung mit einem eigenen Pavillon präsentierte. Dieser bot 1000 Quadratmeter Fläche und damit Platz für insgesamt 70 Firmen. An den ermordeten Bürgermeister selbst, der seinerzeit wohl in jeder Hinsicht die Vorstellung vom so genannten amerikanischen Traum verkörperte, erinnert heute in Chicago der 30 Kilometer lange Cermak-Express-Way. Seit dem 9. Mai trägt auch eine Grundschule in Prag seinen Namen.