„Tschechien ist ein Opernland“

Staatsoper (Foto: Tomáš Adamec, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
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Auch wenn die Spielzeit erst Ende Juni zu Ende geht, laufen die Vorbereitungen auf die nächste Saison im Prager Nationaltheater schon jetzt auf vollen Touren. Insgesamt 18 Premieren von Opern, Balletts und Schauspielen stehen auf dem Programm. Das Opernensemble allein wird in den drei historischen Gebäuden – im Nationaltheater, im Ständetheater und in der Staatsoper – acht Neuninszenierungen aufführen. Mehr zur nächsten Theatersaison im Interview mit Per Boye Hansen, dem künstlerischer Leiter des Opernensembles.

Staatsoper (Foto: Tomáš Adamec, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Per Boye Hansen (Foto: ČTK / Michal Krumphanzl)
Herr Hansen, die nächste Spielzeit im Nationaltheater ist die erste Saison, für die Sie selbst verantwortlich sind. Was bereiten Sie als erste Premiere vor?

„Die allererste Premiere ist eine neue Produktion von Bizets Carmen. Denn die jetzige Produktion ist sehr alt. Und ich denke, dass Carmen eine Oper ist, die zum Repertoire gehört. Ich möchte, dass das Nationaltheater, das die ,Goldene Kapelle‘ genannt wird, auch für Familien zugänglich ist. Ich weiß, dass Carmen oft die erste Oper ist, deretwegen man in eine Oper geht. In der Staatsoper werden wir eine Produktion von Wagners ‚Meistersängern von Nürnberg‘ aufführen. Das war die erste Oper, die 1882 bei und gespielt wurde. Karl-Heinz Steffens wird dirigieren, der schwedische Bariton John Lundgren wird Hans Sachs singen. Es ist eine super Besetzung, das ganze Ensemble wird sich vorstellen. Es sind also nicht die Meistersänger von Nürnberg, sondern eher Meistersänger von Prag.“

Alexander Zemlinsky (Foto: Wikimedia Commons, CC0)
Sie wollen künftig auf Musikwerke zurückgehen, die in Prag in der Zeit erklangen, als Zemlinsky Direktor des Neuen Deutschen Theaters – der heutigen Staatsoper – war. Welche Opern haben Sie ausgesucht?

„Wir werden in den kommenden Jahren einige Opern aus dieser Zeit präsentieren. In der nächsten Spielzeit wird es Franz Schrekers ,Der ferne Klang‘ sein. Die Premiere fand 1912 in Frankfurt statt. Zemlinsky führte das Werk acht Jahre später auch in Prag auf. Seitdem ist es in der Stadt hier nicht wieder gespielt worden.“

„Don Giovanni“ lässt sich aus dem Ständetheater nicht wegdenken, die Oper wurde dort 1787 uraufgeführt. Sie bereiten eine neue Produktion vor. Wer wird die Titelpartie singen?

„Die Hauptpartie wird Jiří Brückler singen, aber wir werden eine Doppelbesetzung haben. Regie führt Alexander Mørk Eidem. Mit diesem schwedischen Regisseur habe ich früher viel zusammengearbeitet. Dirigieren wird ein italienischer Spezialist im Bereich Alte Musik, der auch sehr gern Mozart dirigiert, und zwar Rinaldo Alessandrini. Er wird den ganzen Da-Ponte-Zyklus bei uns dirigieren. Der Zyklus wird in einer Koproduktion mit dem Nationaltheater Mannheim aufgeführt. Prag und Mannheim sind die beiden wichtigsten Mozart-Städte hinter Salzburg und Wien.“

„Die ersten 20 Jahre der Tschechoslowakischen Republik waren für mich eine Entdeckungsreise. Was da alles entstanden ist, ist bewundernswert. Komponisten wie Schulhoff, Krása, Zemlinsky, aber auch andere, die unter dem NS-Regime gelitten haben, machten ein spannendes Musiktheater.“

Was kann man sich unter der geplanten Serie „Musica non grata“ vorstellen?

„Ich hoffe viel spannendes Musiktheater aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Die ersten 20 Jahre der Tschechoslowakischen Republik waren für mich eine Entdeckungsreise. Was da alles entstanden ist, ist bewundernswert. Komponisten wie Schulhoff, Krása, Zemlinsky, aber auch andere, die unter dem NS-Regime gelitten haben, machten ein spannendes Musiktheater. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden die Modernisten die Musik beispielsweise von Korngold oder Schreker allzu altmodisch. Ich finde, dass das ungerecht war. Wir möchten diese Komponisten wieder in den Vordergrund stellen. Schon am Ende der laufenden Spielzeit veranstalten wir eine konzertante Aufführung von Zemlinskys Oper ,Kleider machen Leute‘. Der Zyklus ,Musica non grata‘ wird vier Jahre lang dauern. Am 27. Mai findet ein Eröffnungskonzert in der Staatsoper statt.“

Sie arbeiten auch mit der tschechischen Opernregisseurin Barbora Horáková an einer neuen Produktion von „Rigoletto“ zusammen. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Alice Nellis (Foto: Jana Přinosilová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Ich habe Barbora Horáková schon als Assistentin des Regisseurs Calixto Bieito erlebt. Als ich noch in Oslo arbeitete, hat er in der dortigen Oper Benjamin Brittens Oratorium ,War Requiem‘ inszeniert. Horáková war Assistentin und hat das so toll gemacht, dass ich tief beeindruckt war von ihrer Arbeit. Als ich dann eine Absage vom australischen Regisseur Simon Stone bekam, der ‚Pelléas und Mélisande‘ inszenieren sollte, habe ich Barbora gefragt, ob sie das übernehmen könnte. Wir haben uns gemeinsam mit Stone in Basel getroffen. Sie hat zugesagt, und das war ihr richtiges großes Operndebüt in Oslo. Sie hat inzwischen viele Inszenierungen in anderen Ländern gemacht. Es freut mich sehr, dass sie jetzt in Prag auch eine Produktion vorbereiten wird.“

Sie arbeiten auch mit der populären tschechischen Film- und Theaterregisseurin Alice Nellis zusammen, die die Eröffnungsgala in der Staatsoper gestaltete. Wird sie auch an einer neuen Opernproduktion arbeiten?

„Ich habe Alice Nellis angesprochen, und wir haben uns auf eine neue Produktion der ‚Verkauften Braut‘ geeinigt. Ich bin sehr gespannt, was sie daraus machen wird.“

„Sie hatte vor allem Regie der beiden Gegenwartsopern, die unter dem Titel ,Mozart und die anderen‘ im Ständetheater aufgeführt wurden. Mir gefiel sehr, wie sie mit dem Ensemble gearbeitet hat. Da habe ich sie angesprochen, und wir haben uns auf eine neue Produktion der ‚Verkauften Braut‘ geeinigt. Ich bin sehr gespannt, was sie daraus machen wird.“

In den vergangenen Wochen fand in Prag das Festival „Opera 2020“ statt, bei dem sich Opernensembles aus tschechischen und auch slowakischen Städten vorstellten. Haben Sie sich die Vorstellungen angesehen, und hat Sie eine der Produktionen besonders beeindruckt?

„Das ganze Projekt ist wirklich beeindruckend. 17 unterschiedliche Ensembles haben sich in Prag vorgestellt. Ich habe einige der Vorstellungen gesehen. Leider konnte ich nicht alle besuchen, weil ich sehr beschäftigt war mit der Wiedereröffnung der Staatsoper und den Premieren. Aber das, was ich gesehen habe, war sehr hoffnungsvoll. Überall wird sehr seriös gearbeitet – mit ziemlich geringen Mitteln, das muss man schon sagen. Tschechien ist ein Opernland, davon bin ich überzeugt.“