Tschechische Behinderte feiern Weihnachten

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Weihnachten ist die Zeit, die die meisten Menschen am liebsten mit ihrer Familie verbringen. Nicht alle haben jedoch die Möglichkeit, im Familienkreis zu sitzen, Weihnachtsgeschenke zu empfangen und zu geben. Zu diesen Menschen gehören auch geistig Behinderte, die keine eigene Familie haben oder die in Anstalten leben. Und gerade ihnen ist das Thema des heutigen weihnachtlichen Themenkaleidoskops gewidmet, zu dem wir Sie, liebe Freunde, auch am heutigen Weihnachtstag willkommen heißen. Am Mikrophon begrüßen Sie Marketa Maurova, Jürgen Webermann und Daniela Kralova.

Kinder aus den SOS-Kinderdörfern am Weihnachtsbaum auf der Prager Burg
Weihnachten in einer Anstalt verbringen? Für die meisten Menschen keine schöne Vorstellung und eine nie gemachte Erfahrung. Viele geistig Behinderte und anders sozial benachteiligte Menschen in Tschechien haben aber oft keine andere Wahl. Oft ohne eine eigene Familie, müssen sie die Feiertage mit dem Personal ihrer Anstalten verbringen. Kaum mit finanziellen Mitteln ausgestattet und auf fremde Hilfe angewiesen, können sie häufig keinen Weihnachtsbummel unternehmen und mit Geschenken werden sie natürlich auch nicht gerade überschüttet. Dass die weihnachtlichen Feiertage aber für die Behinderten, die von einigen sozialen Organisationen betreut werden, auch schön sein können, zeigt der folgende Beitrag.

Ohne eine Unterstützung ist eine Weihnachtsvorbereitung für die Behinderten kaum denkbar, obwohl auch sie sich gerne an solchen Vorbereitungen beteiligen möchten. Eine Initiative, die ihnen bei der Realisierung hilft, heißt "Duha", auf Deutsch Regenbogen. Es ist eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Prag. Sie betreut etwa fünfzig erwachsene geistig Behinderte, die in einigen Wohngemeinschaften in ganz Prag verstreut leben. DUHA versucht, die geistig Behinderten bei einem Leben zu unterstützen, in dem sie so weit wie möglich selbstbestimmt und selbständig den Alltag bewältigen können. Diese Unterstützung ist ohne eine Tätigkeit von Sozialarbeitern nicht denkbar. Diese sollen aber nicht lediglich alle Entscheidungen treffen, sondern vor allem die notwendige Hilfe leisten. Und wie sieht es bei den Klienten in der Vorweihnachtszeit und an Weihnachten aus? Das fragten wir Tatana Kudejova, die Direktorin der Organisation DUHA:

"Sie haben selbstverständlich das traditionelle Menu. Weihnachtsplätzchen backen sie selber, sie bereiten sich selbständig vor und es ist eigentlich ähnlich wie in einer Familie. Sie machen auch einen Großputz, besorgen sich auch Adventskränze und Misteln. Die Bewohner einer Wohnung sagten mir neulich, sie möchten einen Weihnachtseinkauf in Prag besorgen und für sich Kerzen, Räucherkerzen und Geschenke kaufen. Aber grundsätzlich ist es bei allen ein bisschen unterschiedlich. Manche sind sehr selbständig sowohl beim Einkaufen als auch bei der Vorbereitung. Bei anderen müssen wir im Gegensatz dazu ziemlich viel helfen, so dass wir sie je nach Behinderung unterschiedlich unterstützen."

Das Erzählen der Direktorin klingt fast so, als wäre bei den geistig Behinderten an Weihnachten alles fast genauso wie bei den meisten anderen Menschen. Gibt es überhaupt einen Unterschied im Begehen dieser Feiertage zwischen den behinderten und nicht-behinderten Menschen? Das fragten wir Frau Kudejova:

"Ich glaube nicht. Nur fühle ich bei ihnen eine größere - und das betrifft nicht nur Weihnachten - Empfindsamkeit. Sie nehmen die Vorbereitungen und die Vorfreude intensiver wahr. Aber sonst denke ich, dass sie in ihren Wohnungen genauso feiern wie wir."

Ähnlicher Meinung ist auch David Novotny, ein Student, der in seiner Freizeit eine Weihnachtsveranstaltung im ostböhmischen Nachod für geistig Behinderte, Kinder aus Heimen und anders benachteiligte Menschen organisierte:

"Ich glaube, dass sie die Weihnachten viel mehr genießen, sie sind glücklich über jedes Geschenk. Sie haben strahlende Augen am Weihnachtsbaum, essen Kartoffelsalat und Karpfen. Außerdem leben sie nicht in einem solchen vorweihnachtlichen Stress wie andere Menschen. Sie können es viel besser genießen, das gefällt mir sehr. Die Stimmung auf ihren Weihnachtsfeiern ist sehr schön, sie singen Weihnachtslieder und es ist ein unglaubliches Erlebnis. Ich glaube, dass jeder Mensch einmal in seinem Leben eine Anstalt besuchen und das sehen sollte."

Dieses Jahr fand die Weihnachtsveranstaltung in Nachod in der städtischen Turnhalle statt. Eingeladen hat der Organisator David Novotny etwa 300 Leute aus sieben ostböhmischen Anstalten. Und mit welchem Ergebnis?

"Es war eigentlich eine Art Weihnachtsmarathon, weil die Aktion letztendlich statt der geplanten zwei beinahe vier Stunden dauerte. Das Programm war sehr bunt, es traten bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten auf, die über ihre Weihnachtserlebnisse berichteten oder Lieder sangen. Wir konnten auch eine Tanzgruppe und eine Modenschau sehen. Insgesamt kamen fast fünf Hundert Leute."

Die Veranstaltung unterstützten auch einige Sponsoren, zumeist Firmen, die in Ostböhmen ansässig sind. Außer Geschenken wie Kosmetika und Leckerbissen schenkten sie zehn Menschen aus einem Heim für geistig Behinderte in ostböhmischem Nove Mesto nad Metuji Fahrten nach Wien. Das Schloss Schönbrunn oder die Stimmung der vorweihnachtlichen Donaumetropole konnten auf diese Weise Menschen bewundern, die nie zuvor im Ausland waren.

Ein Grund, diese Feier zu veranstalten, war auch der Versuch zu einer Integrierung der Behinderten in die Gesellschaft. Wie sieht diese Entwicklung nach der Meinung von David Novotny aus?

"Ich glaube, dass sich die Situation langsam bessert, weil jetzt keine Mauer mehr zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen ist. Diese Mauer gab es meiner Meinung nach früher schon. Ich habe gute Erfahrungen gemacht, es passiert sehr selten, dass sie auf gemeinsamen Veranstaltungen auf verschiedenen Seiten sitzen. Meisten sind sie miteinander vermischt und das ist die Hauptsache bei der Annäherung zwischen Behinderten und "normalen" Menschen. Ich glaube, dass es in den letzten Jahren zum großen Fortschritt kam."

Viele Leute in Tschechien glauben also immer mehr, dass eine Unterstützung hilfsbedürftiger Menschen wünschenswert ist. Weihnachten gehört dabei zu den Zeiten, zu denen man wohl am meisten an Menschen denkt, die einsam sind oder die keine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum finden. David Novotny sagt, was den Behinderten in Tschechien eine besondere Freude machen würde:

"Ich werde sehr froh sein, wenn jeder Mensch aus der Tschechischen Republik einfach eine Weihnachtskarte in ein Heim schickt, weil sich die Bewohner darüber mit Sicherheit sehr freuen würden, denn sie wissen jede menschliche Tat zu schätzen. Außerdem würde es mich freuen, wenn sie den Bedürftigen etwas Kleines schenken könnten. Wer weiß, vielleicht wird es sich einmal auszahlen, wenn wiederum sie eine Hilfe brauchen."

Autoren: Daniela Kralova , Jürgen Webermann , Marketa Maurova
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