Tschechische Musikals im Wettbewerb

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Liebe Zuhörer und Zuhörerinnen, Johanna Steiger-Antos begrüßt Sie heute am Ostersonntag recht herzlich im Kulturspiegel, und lädt Sie zu einem Ausflug in die Welt der Prager Musicals ein.

Musicals sind in der tschechischen Hauptstadt noch nie so populär gewesen, wie in den letzten zehn Jahren. Angefangen hat es mit dem Erfolgsmusical "Les Miserables" nach den Motiven von Viktor Hugo, dann mit "Jesus Christ Superstar" dank internationaler Filmvorlage, und darauffolgend "Graf Dracula". Verantwortlich für diesen Musicalboom sind nicht nur die bewußt gesetzten Marketingstrategien, die sich an alle Zielgruppen richten, sondern auch die geschickte Auswahl der Geschichten, die weltweit Erfolg hatten. Hinzu trägt auch die Topbesetzung bei. Bekannte Pop- und Rockstars Tschechiens sorgen nicht nur für wochenlang ausverkaufte Vorstellungen, aber auch für gute Kritik.

Es sind nicht nur Prager Besucher, die die Vorstellungen nicht missen möchten, sondern auch kulturinteressierte Tschechen, die massenweise mit Bussen aus der Provinz anreisen und lange Anreisestunden in Kauf nehmen. Das wahlreiche Programm zieht außerdem auch in Prag lebende Ausländer und Touristen an. Hier steht nämlich nicht unbedingt Kenntnis der tschechischen Sprache im Vordergrund, sondern eher die Wahrnehmung der melodischen und musikalischen Verarbeitung.

Vor knapp zwei Jahren kamen "Hamlet", "Johanna von Orleans", und kürzlich "Der Graf von Monte Kristo" und "Grease" auf die Bühne. Heute konkurieren in Prag diese vier großen Musicals miteinander, deren Besucherzahlen um die Wette in die Höhe schlagen. Ich möchte Ihnen heute gerne zwei von Ihnen vorstellen: "Hamlet", und "Johanna von Orleans".

Wir beginnen mit der eisernen Jungfrau "Johanna von Orleans". Die Geschichte der tapferen Kriegerin im 15. Jahrhundert, fühlt sich durch Gott berufen, und will das von den Engländern besetzte Frankreich befreien, was sie auch im Übermaße tut, aber letztendlich auf dem Scheiterhaufen endet. Das Musical spielt in einer sehr kammerspieltartigen Atmoshäre, da das Theater "Ta Fantastika" in der Prager Altstadt über keine große Bühnenfläche verfügt. Dem Bühnenbildner Aleš Votava fiel dafür etwas besonderes ein. Er verwandelte die Bühne in eine moderne Computerzentrale mit Rückprojektion, auf der gespielte Schlachtszenen die Handlung auf der Bühne ergänzen. Die Rolle der Johanna wurde mit dem tschechischen Publikumsliebling und Rocksängerin Lucie Bila besetzt. Sie hören nun einen Dialog zwischen Johanna und dem Stadthauptmann Raimond, dargestellt von dem ebenfalls populären Popsänger Petr Muk. Raimond warnt Johanna ihrer Berufung zeitlich ein Ende zu machen. Sie habe nun alles erfüllt und alles getan, was in ihrer Macht stand. Er warnt sie mit den Worten " Wach auf und hör auf". Sie hören das Lied "Dala´s jim víc" - "Du hast mehr gegeben".

Lucie Bilá bekam für ihre Darstellung der Johanna vor kurzem den tschechisch anerkannten Theaterpreis THALIE. Sie dominiert mit ihrer einzigartigen widerspenstigen und rauhen Stimme. Der Zuschauer ist von ihrer starken Darstellung in den Bann gezogen, und so macht sie es ihrer alternierenden Interpretin Bara Basiková und ihrem Ensemble nicht gerade leicht. Sie hören jetzt das Lied "Spaso duse me" - "Erlöse meine Seele". Das Lied ist zu einem der bekanntesten geworden. Johanna steht kurz vor ihrer Hinrichtung und hört die Stimme Gottes nicht mehr. "Nimm meine saubere Seele, so wie du sie mir gegeben hast", bittet sie kurz vor ihrem Tod.

Das war ein Ausschitt aus dem Musical "Johanna von Orleans". Der Regiesseur Jozef Bednárik fügte dem Stück einen klassischen Erzähler hinzu, der durch die Handlung führt, und den Überblick über das Geschehen behält. Hinzu treten zwei Tänzer in Form eines Engels und eines Teufels auf. Sie begleiten die ewige Jungfrau, und spiegeln Johannas gutes und schlechtes Gewissen wieder. Leider sind die allzu expressiven Tanzeinlagen für so ein kleines Theater nicht geeignet und wirken eher künstlich verkrampft. Regie und Choregrafie sind nicht stimmig und grenzen häufig an Kitsch. Die gelungenen und tiefgründigen Musiktexte stammen von Gabriela Osvaldová. Die Musikstücke, von Ondrej Soukup verarbeitet, wirken an ein paar Stellen einheitlich nicht gelungen, auch wenn der Hauptteil des Musicals aus melodisch schönen Elementen besteht, aus Klängen und Motiven aus dem Mittelalter und dem Orient. Sie hören nun den letzten Ausschnitt aus "Johann von Orleans", das Lied "Tantum Ergo".

Der musikalischen Verarbeitung "Hamlet", des wohl bekanntesten klassischem Dramas von William Shakespear, hat sich der bekannte Popsänger und Songschreiber Janek Ledecky angenommen. Er verkörpert alternierend die Rolle des Hamlet in dem Theater "Kalich". Heute zählt "Hamlet" mit 280.000 Besuchern, zu den meist besuchtesten Musical hierzulande. Zum Glück treten die tänzerischen Einlagen auf der Bühne mit begrenzten Bewegungsraum eher in den Hintergrund. Der renommierte Regisseur Zdenek Kumcák hat hier richtig erkannt, das Popidol der achtziger und neunziger Jahre Janek Ledecky nicht mit komplizierten Tanzschritten zu überhäufen - bei allem Respekt - Janek Ledecky hätte Probleme damit gehabt. Der Sänger rühmt sich stattdessen mit seinem rundum gelungenen Musikarrangement. Hier ein Ausschnitt, das Eröffnungslied "Láska jenom Láska." - "Liebe nur die Liebe".

Der Bühnenbildner Simon Caban bezaubert die Zuschauer mit einer Holzdrehbühne. Die gedämpften mitterlalterlichen Lichtquellen unterstützen nicht nur die dramatische Handlung, aber auch das eingespielte Team im Theater Kalich.

Das Musical Hamlet ist melodisch, zeigt Rhytmus, und sorgt für gute Laune. Es verleiht dem tragischen Drama an Leichtigkeit und Ironie, gerade weil Janek Ledecký hier bewußt Pop- Rock und Jazzlemente zu einer Einheit verarbeitet. Nicht umsonst haben englische Produzenten Interesse an den Musikrechten gezeigt. Hier ein Auschnitt, gespielt von der Dixieland Group, und gesungen von Polonius, dargestellt von Josef Laufer "Je to blázen" zu deutsch "Er ist verrückt".

Autor: Johanna Steiger-Antos
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