Von Prag aus in die Studierzimmer der Welt

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Wie kann ein Professor gleichzeitig in Prag, Sydney, Kapstadt, San Francisco, Manila und sonstwo in der Welt sein? Klar, das geht nur über ein Medium: Das Internet. Und da stehen Revolutionen, kleine und größere, bekanntlich ins Haus. Eine dieser kleinen Revolutionen geht derzeit von der Stadt an der Moldau aus. Ein holländischer Professor, zur Zeit an der Karls-Universität tätig, bereitet eine weltumspannende Medizin-Fakultät vor. Worum es sich dabei handelt, wollen wir Ihnen, liebe Hörer, in diesem Schauplatz vorstellen. Am Mikrofon begrüßt Sie Jürgen Webermann:

Robert Gorter ist 54, und stammt aus Amsterdam. Er hat Medizin studiert, ist Anthroposoph, also Anhänger jener nach dem deutschen Arzt Rudolf Steiner benannten Alternativ-Medizin mit Wurzeln in asiatischer Heilkunde, er hat an den 68er-Studenten-Aufständen teilgenommen, dann eine Praxis eröffnet, nebenbei ein Restaurant betrieben. Dann ging er in die Welt hinaus, nach San Francisco, eröffnete in Florenz einen Fitneßcenter zur medizinischen Vorbeugung. Kurz darauf besuchte er eine Zeit lang Kapstadt, arbeitete in Berlin und St. Petersburg. Er berät noch immer Gesundheitspolitiker und lebt nun in Prag. Er sagt von sich, er sei ein typischer holländischer Calvinist, und als solcher arbeitswütig, sieben Tage in der Woche, viele Stunden am Tag. Und als solcher leitet er von der Moldaustadt aus sein nächstes, bislang größtes Projekt: Den Aufbau einer Internet-Universität. Beginnen soll alles in diesem Herbst, ein konkretes Startprogramm steht bereits, wie Gorter erzählt: Tatsächlich bringt die Ausbildung den Studenten und sich Weiterbildenden eine ganze Menge, sobald sich mehr und mehr Universiäten für den Abschluss interessieren und eine Anerkennung des Degrees leisten. Damit wird es nämlich möglich, Studenten auf allen Erdteilen dieselbe Ausbildung oder Weiterbildung zu verschaffen. So geht es zunächst vor allem um die Etablierung der angesprochenen Weiterbildungs-Fakultät. Langfristig strebt Gorter eine eigenständige Universität mit mehreren Fachbereichen an. Doch - wie soll die Internet-Ausbildung überhaupt praktisch aussehen? Diese Clippings werden überall in den mitarbeitenden Krankenhäusern der Welt aufgenommen. Das bedeutet, dass Ärzte bei ihren Visiten in Kliniken in den USA, Deutschlands oder sonstwo in der Welt von Kamerateams begleitet werden, die ihre Aufnahmen schneiden und ins Netz stellen. Die Fachsprache dabei wird Englisch sein. Auf einen Zeitraum von 2 Jahren ist das Studium konzipiert, mit verschiedenen Bereichen wie zum Beispiel Suchtmedizin, aber auch ganz praktischen Aspekten: So müssen die Studenten sogenannte "Residentials" absolvieren, das sind Praktika vor Ort in ihren Ländern. Dieses beinhaltet zum Beispiel neue Heilformen wie die inzwischen offiziell anerkannte Kunsttherapie, in der durch den Einsatz von Kunstwerken oder durch das Schaffen von Kunst durch Patienten tatsächlich psychosomatische Krankheiten gelindert werden können. Die Finanzierung des Programmes wird - in den reichen Ländern - durch Studiengebühren geleistet. Unterstützung hat auch die Pharma-Industrie zugesagt. So sollen - ganz im Sinne der UNO zum Beispiel - gerade in den Ländern der Dritten Welt möglichst viele Studenten diese Ausbildung in Angriff nehmen können: Wer also an einer Universität eingeschrieben ist und diese ihm Zugang zum Internet bereitstellt, kann tatsächlich gemeinsam mit seinen Komilitonen auf anderen Erdteilen studieren, eine faszinierende Idee. Die sogenannte "virtuelle Universität" existiert derweil schon, vor allem in Bezug auf Afrika hat die internationale Gemeinschaft zahlreiche Projekte für Studenten gestartet. Aber auch in Prag wurde die Idee Gorters bereits positiv aufgenommen: Ohnehin hat Gorter Zeit, die Prager zu überzeugen. Seit einigen Monaten arbeitet er an der Karls-Universität, knüpft Kontakte und will an der Weiterentwicklung der medizinischen Fakultät mitwirken. Was konkret lockte ihn überhaupt nach Tschechien? Und nebenbei, das versteht sich, will er freilich das Internet-Lernen forcieren. Neben den bereits erwähnten Prager Professoren, die sich an der Netz-Fakultät beteiligen wollen, hat Gorter insgesamt bereits über 40 Professoren und Dozenten aus aller Welt für das Projekt gewonnen. Gorter fungiert, von seinem Büro in Prag-Jinonice aus, als Koordinator. Doch ausgerechnet seine derzeitige Wahlheimat ist seiner Meinung nach noch nicht so weit, seine Studenten flächendeckend an Internet-Universitäten zu schicken. Nicht nur, dass die Karls-Universität laut Gorter noch nicht bereit ist, konkret Internet-Abschlüsse anzuerkennen und offizieller Ableger zu werden. In Tschechien, meint Gorter, muss erst noch eine ganze Menge Überzeugungsarbeit geleistet werden, ehe das Produkt Internet-Universität auch hierzulande genug Menschen nicht nur interessiert, sondern auch begeistert.

Unabhängig von Regionen, Staaten und Grenzen schwebt Gorter nun bereits ein Ausbau seiner antroposophischen Fakultät vor - der Aufbau einer ganzen eigenständigen Universität, nur im Internet. Dazu benötigt er 12 Professoren, die ausschließlich für ihn arbeiten - und dieses Vorhaben will er auch noch in diesem Jahr realisieren. Als uneingeschränkter Internet-Enthusiast würde er sich jedoch nicht bezeichnen: Auch die Schattenseiten des Internet-Booms erkennt Gorter an, beispielsweise soziale Vereinsamung vieler Menschen. Statt selbst zum Campus zu gehen, kommunizieren sie nur noch unpersönlich via Bildschirm. Die Vorteile, dass jeder durch uneingeschränkten Zugang zu Information gleiche Bedinungen und Chancen im Internet vorfindet, überwiegen jedoch seiner Meinung nach. Spricht`s und macht sich wieder über seine Arbeit her, greift zum Telefon, und plant fleißig weiter. Gorter, der Calvinist, will ja aus Prag nicht nur deutliche Spuren im Internet hinterlassen, sondern auch konkret in der tschechischen Hauptstadt. Ein Fitneßcenter im Stadtzentrum Prags soll es werden, ähnlich wie der in Florenz, und zur Prävention von Krankheiten gedacht. Mein Gott, fragt man sich da nur, wie schafft der das alles nur? Gorters Tag müsste statt 24 ganze 48 Stunden haben. Doch er sieht das alles gelassen. Wenn ihm danach ist, kann er seine Universität aufbauen und Kollegen auf der ganzen Welt rund um die Uhr kontaktieren. Im Internet gibt es schließlich keinen Feierabend.

Das Internet kennt keine Grenzen, und kein Ende, unser heutiger Schauplatz über einen in der Tat visionären Wahl-Prager aus Amsterdam schon. Zum Schluss der Sendung wünscht wir ihnen aus dem Prager Studio noch ein schönes Rest Wochenende. Vom Mikrofon verabschiedet sich Jürgen Webermann.

Autor: Jürgen Webermann
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