"In Westeuropa fühle ich mich als ein normaler Bürger..." - in Prag diskutierte man über die Migration der Roma

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Mit einem Galakonzert der Roma-Musik im Prager Archa-Theater wurde das 3. internationale Festival der Roma-Kultur „Khamoro" am Samstagabend beendet. Im Rahmen des Festivals fanden nicht nur Konzert- und Theaterveranstaltungen, sondern auch Fachkonferenzen zu aktuellen Problemen statt. „Die Migration der Roma als ein Gegenwartsphänomen" war zum Beispiel das Thema eines internationalen Seminars, das am Freitag im Prager Magistrat veranstaltet wurde. Martina Schneibergova war dabei.

In der das Seminar einleitenden Ansprache versuchte Jean-Claude Concolato vom Prager Amt des UN-Hochkommissars für Flüchtlingsfragen die Beweggründe der Roma für die Migration zusammenzufassen. Er setzte sich außerdem eingehend mit dem Flüchtlingsstatut auseinander und damit, inwieweit die Roma-Flüchtlinge diesem Statut entsprechen. Der Präsident der Internationalen Roma-Union (IRU), Emil Scuka, stellte in seiner Rede u.a. fest, dass die Vereinbarungen, die das Flüchtlingsstatut betreffen, mehr als 50 Jahre alt sind und dass die Bedingungen für die Erteilung eines Flüchtlingsstatuts geändert werden müssten. Emil Scuka unterbreitete in seiner Rede seine Vision von einem einheitlichen Europa, das seiner Meinung nach in 10, 15 oder 20 Jahren entstehen kann. Gegenüber Radio Prag betonte er:

„Ich bin froh, dass diese Vision heutzutage von europäischen Parlamentariern und Politikern befürwortet wird - wie z. B. vom deutschen Bundesaußenminister Joschka Fischer und von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Ein einheitliches Europa muss es nicht wegen der Menschenrechte, sondern wegen der Wirtschaft geben, denn mit der Wirtschaft hängen wieder die Menschenrechte und andere humanitäre Fragen zusammen."

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wenn die massenhafte Auswanderung der Roma aus Tschechien inzwischen aufgehört hat. Dieser Meinung konnte jedoch Jan Horvath nicht zustimmen, der als Sozialarbeiter für die Roma- Kommunität beim Bezirksamt im nordmährischen Novy Jicin arbeitet:

"Wir haben Informationen darüber, dass 15 Roma-Familien aus Novy Jicin in der letzten Zeit nach Großbritannien emigriert sind. Glauben Sie mir, ich bin selbst darüber traurig, dass Roma, die hier ihre Wurzeln haben, manchmal gezwungen sind, vor dem Rassismus zu flüchten. Damit meine ich nicht einen staatlichen Rassismus, den gibt es bei uns nicht, sondern die Übergriffe der Skinheads."

Unter den erwähnten Auswanderern war auch eine Roma-Frau, die mit ihrem Kind beschimpft und angegriffen worden ist. Wie Jan Horvath weiter betonte, lieben die Roma die Freiheit über alles, aber in Tschechien vermissen sie diese Freiheit. Als Mitarbeiter des Museums der Roma-Kultur und Redakteur von verschiedenen Roma-Zeitungen hat Jan Horvath eine gute Übersicht über die Lage in seiner Region:

„In den Regionen herrscht auf den Ämtern noch Totalität. Es gibt dort Beamte, die gegen die Roma stark voreingenommen sind, und die Roma fühlen diese Diskriminierung. Überall, wo ich in Westeuropa war – in England, in Schweden, Italien – nirgendwo habe ich gespürt, dass ich ein Roma bin, sondern ich wurde als ein normaler Bürger dieses Landes empfangen. Dies fehlt uns Roma hierzulande, dass man nicht mehr mit dem Finger auf uns zeigt und sagt: ´Guck mal, ein Zigeuner.´"