Wintersportsaison der weltbesten Spitzenathleten ist noch nicht vorbei

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Ahoi und herzlich willkommen zum Sportreport von Radio Prag. Am Mikrofon begrüßen Sie Olaf Barth und Lothar Martin.

Der wintersportliche Jahreshöhepunkt, die Olympischen Spiele von Salt Lake City, ist seit anderthalb Wochen Geschichte. Doch die Wintersportsaison der weltbesten Spitzenathleten ist noch nicht vorbei. Im Gegenteil! Gerade an diesem, vor uns stehenden Wochenende finden in mehreren Sportarten die letzten, den Weltcup alles entscheidenden Rennen statt. Mancherorts steht gar noch die eine oder andere Weltmeisterschaft an. Zwei davon - jeweils in einer olympischen und in einer nichtolympischen Sportart - werden dieser Tage im böhmischen Riesengebirge ausgetragen. Die Austragungsorte sind die bekannten Wintersportzentren Spindleruv Mlyn/Spindlermühle und Harrachov/Harrachsdorf, wo sich die Weltelite im Skibobfahren und im attraktiven Skifliegen ein Stelldichein gibt. Grund genug für Radio Prag, Sie in den nachfolgenden Minuten auf diese beiden sportlichen Leckerbissen einzustimmen. Sie wollen ein wenig davon abbekommen? Dann bleiben Sie doch einfach dran!


Da wir im zurückliegenden Monat Februar häufig und informativ über das Abschneiden der tschechischen Wettkämpfer bei den Spielen von Salt Lake City berichtet haben, wollen wir uns zunächst mit dem nichtolympischen Metier, dem Skibobsport, befassen. Zumal es sich hierbei aus tschechischer Sicht um eine sehr erfolgreiche und daher auch relativ populäre Sportart handelt. Wie lange die Tradition in Tschechien in dieser etwas außergewöhnlichen Fortbewegungsweise auf dem schneeweißen Untergrund zurückreicht, dazu fragten wir den Präsidenten des Tschechischen Skibobverbandes (CSS) und Vorsitzenden des WM-Komitees der vom Dienstag bis Sonntag in Spindlermühle stattfindenden Welttitelkämpfe, Petr Tojnar: "In Tschechien wird der Skibobsport seit 1969, also seit über 30 Jahren betrieben."

In seiner Antwort bezieht sich Tojnar allerdings "nur" auf die Entwicklung des organisiert betriebenen Skibobsports, der analog zum Alpinen Skisport auch in mittlerweile fünf Konkurrenzen durchgeführt wird. Und zwar im Abfahrtslauf, im Super-G, im Riesenslalom, Slalom und in der Kombination, die sich aus der Addition der Ergebnisse aus Abfahrt, Slalom und Riesenslalom zusammensetzt.

Die ersten Informationen über Wettbewerbe im Skibobfahren aber gehen bis auf das 19. Jahrhundert zurück. Nach überlieferten Patentschriften wird der Amerikaner J.C. Stevens im Jahr 1891 als der Erfinder des Skibobs angegeben.

Der erste öffentliche Wettkampf mit dem Holzskibob datiert aus dem Jahre 1914. Er wurde vor den Augen von 25.000 Zuschauern auf der Jeschken-Rodelbahn im nordböhmischen Liberec/Reichenberg ausgetragen.

Den heutigen Skibob selbst muss man sich als eine gekreuzte Konstruktion aus Fahrrad und Abfahrtsski vorstellen. Der Wettkämpfer fährt die Abhänge zwar auch auf Skiern herunter, allerdings in einer sitzenden Position. Diese ergibt sich dadurch, dass er auf einem Fahrradsattel sitzt, der ebenso wie die Lenkstange an einem Rahmen befestigt ist. Statt der Räder eines Fahrrads benutzt er jedoch die an seinen Füßen festgeschnallten Skier zur Fortbewegung, wobei er seine rasende Talfahrt durch die Abfahrts- oder Slalomstangen mittels des Lenkers steuert. Bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts war der Skibob ausschließlich aus Holz. Danach kamen die ersten Metallkonstruktionen auf, während die Spitzenathleten der heutigen Generation vorzugsweise Skibobs der Schweizer Marke Flachsmann oder aber der Marke Atomic benutzen.

Kommen wir jedoch nun zum Sportlichen. Die 26. Skibob-Weltmeisterschaft in Spindlermühle ist nach 1993 die zweite, die in der Tschechischen Republik stattfindet. Die für 1998 geplante musste wegen Schneemangels kurzfristig nach Österreich verlegt werden. Dass der Skibobsport inzwischen nicht mehr nur eine Angelegenheit der Alpenländer und Tschechiens ist, beweist ein Blick in das Teilnehmerfeld. Dazu sagte WM-Organisationschef Tojnar: "Gemeldet haben 18 Staaten und es werden rund 80 Wettkämpfer an den Start gehen. Unter den teilnehmenden Nationen finden wir sowohl die Länder, die in diesem Sport tonangebend sind, wie Österreich, die Schweiz, Deutschland und die Tschechische Republik. Des weiteren Länder wie Großbritannien, Frankreich und Polen, oder aber die so genannten Exoten wie Uruguay, die Türkei und Ungarn. Letztere betreiben diesen Sport vornehmlich in Deutschland und kommen von dort aus zu uns zur WM, um sich mit den Weltbesten zu messen."

Dass Tschechien in dieser Sportart tatsächlich zu den führenden Nationen gehört, verrät ein kurzer Blick in die WM-Geschichte, zu der Petr Tojnar folgendes ausführt: "Die größten Erfolge hatte unsere Repräsentantin Irena Francová, die vor zwei Jahren ihre Karriere beendet hat. Sie holte 29x Gold, ist also 29-fache Weltmeisterin, wobei ihr in einer Saison das Kunststück gelang, als erste und bisher einzige Sportlerin den WM-Titel in allen fünf Disziplinen auf einmal zu gewinnen. Darüber hinaus eroberten auch unsere Männer und Junioren mehrere Titel, also es lässt sich sagen, Medaillen haben wir genug erkämpft."

Diese Erfolge kommen jedoch nicht von ungefähr. Sie basieren vor allem in der Sichtung und Förderung vieler Talente von Kindesbeinen an. Hierfür gibt es in Tschechien zwei Zentren, wie Verbandschef Tojnar zu berichten weiß: "Wir haben zwei Wintersportzentren, eines in Desná im Adlergebirge und das zweite in Jablonec nad Jizerou, wo sich Kinder von Klein auf mit dem Skibobsport befassen und sich auf höhere Aufgaben vorbereiten können. Um es kurz zu sagen: Unsere Brutstätte an guten Athleten ist so groß, dass wir unter sehr vielen Guten die Besten auswählen und sie weiter zielgerichtet fördern können."

Wie wir von Petr Tojnar weiter erfahren, werden oft auch gute Skifahrer, die den Anschluss in den Spitzenbereich nicht geschafft haben, überredet, auf den Skibob umzusteigen. Dazu stehen ihnen in der gesamten Republik acht Skiklubs zur Verfügung, wo man den Skibobsport betreiben kann. Angesichts der großen Erfolge blickt man hierzulande etwas wehmütig auf die gerade in Salt Lake City beendete Olympiade. Vor acht Jahren in Lillehammer stand der Skibobsport nämlich schon kurz davor, zumindest als Schauwettkampf ins Rahmenprogramm der Spiele aufgenommen zu werden, doch das Bemühen scheiterte. Wahrscheinlich ist diese Sportart noch zu wenig in der Welt verbreitet und hat ebenso noch keine richtige Lobby, mutmaßt Tojnar. Mit dem Skibobsport würde die olympische Medaillenausbeute für Tschechien jedenfalls noch viel freundlicher aussehen, ist sich Tojnar sicher.


Kommen wir aber in den verbleibenden Minuten noch zu der Sportart, wo tschechische Athleten lange Zeit auch bei Olympia eine gute Rolle gespielt haben, jetzt aber in ein riesiges Loch gefallen sind - im Skispringen. Bei der Skiflug-WM, die an diesem Wochenende in Harrachov stattfindet, wird Tschechien daher nur als Veranstalter für ein hohes Niveau sorgen. Für den sportlichen Teil sind in der Weltspitze inzwischen andere Nationen verantwortlich. Allen voran die Bundesrepublik Deutschland, Österreich und Finnland sowie dank ihrer erstklassigen Einzelkönner Simon Amman und Adam Malysz auch die Schweiz und Polen. Alle genannten Länder haben sich mit ihren absoluten Spitzenleuten angesagt, das bedeutet: Deutschland wird mit Sven Hannawald und Martin Schmitt am Start sein, Österreich mit Goldbacher, Horngacher, Höllwarth und Widhölzl, die Finnen mit Hautamäki und Ahohen. Hinzu kommen die bereits Genannten: Doppelolympiasieger Amman und Weltmeister Malysz. Dementsprechend riesig ist der Andrang für das letzte große Highlight der Skisprungsaison 2001/2002. Für beide Wettkampftage, Samstag und Sonntag, wird mit jeweils mehr als 50.000 Zuschauern gerechnet, von denen der Großteil aus Deutschland und vor allem aus dem direkt angrenzenden Polen anreisen werden. Auch zum Qualifikationsspringen am Freitag dürften bereits Zehntausende Skisprungfans an die Mammutschanze zum Teufelsberg pilgern. Der Schanzentisch der Anlage wurde gegenüber dem Vorjahr umgebaut: er wurde um zwei Meter verkürzt und um fast einen Meter erhöht. Daher erwartet man auch einen Angriff auf den bestehenden Schanzenrekord, der derzeit bei 212,5 Metern liegt und vom Finnen Rista Jussilainen gehalten wird. Der Vizechef des WM-Organisationskomitees, Otakar Jiroutek, glaubt zum Beispiel daran, dass bei schönem Wetter Weiten von mindestens 215, 216 Metern möglich sind.

Mit diesen verheißungsvollen Aussichten müssen wir uns leider schon wieder von Ihnen verabschieden.

Autoren: Lothar Martin , Olaf Barth
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