Wirtschaftskriminalität in immer größerem Ausmaß

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Erfreulich sind die Zahlen, die am Montag die tschechische Regierung vorlegen konnte: Die Anzahl der Verbrechen ist nämlich im Jahr 2000 gegenüber 1999 zurückgegangen. In der Kategorie der Sittlichkeitsdelikte um 17,1%, bei den Gewaltverbrechen um 5,3% und bei der Wirtschaftskriminalität um 12,3%. Dass solche Zahlen aber nur wenig über das tatsächliche Ausmaß der begangenen Verbrechen und den dabei entstandenen Schaden aussagen, darüber weiß Olaf Barth zu berichten.

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Vor der Samtenen Revolution von 1989 war in der Tschechischen Republik das Leitmotiv "Wer den Staat nicht bestiehlt, der bestiehlt die Familie" eine verbreitete Rechtfertigung für die Gepflogenheit sich Allgemeingut anzueignen.

In den Jahren seit der politischen Wende beklagen sich immer wieder Unternehmer, dass ihre Angestellten allzu häufig noch nach diesem Motto handeln, mit dem kleinen Unterschied, dass die Übeltäter nun nicht mehr staatliches, sondern privatunternehmerisches Eigentum entwenden. Nach der neuesten Statistik des Tschechischen Amtes für polizeiliche Ermittlungen sind aber auch die hiesigen Unternehmer selbst alles andere als zimperlich, was ihre Geschäftspraktiken angeht: Die Schäden, der durch die Polizei im Jahre 2000 untersuchten Wirtschaftskriminalität belaufe sich nämlich auf rund 51 Milliarden Kronen - also ca. 3 Milliarden DM - und sei damit mehr als doppelt so hoch wie noch im Jahr zuvor. Und das obwohl die Anzahl der festgestellten Wirtschaftsverbrechen im gleichen Zeitraum um ca. 12% zurückgegangen sei.

Pavel Hajek, der Leiter der Wirtschaftsinspektion beim Amt für polizeiliche Ermittlungen, erklärt (ZITAT): "Der Trend geht eindeutig zu immer besser durchdachten Wirtschaftsdelikten. Das beobachten wir auch dieses Jahr."

Hajek ergänzt, die festgestellten Schäden seien zudem nur ein Zehntel dessen, was sich tatsächlich in der Wirtschaft abspiele und warnt (ZITAT): "Die unehrenhaften Unternehmer schließen sich bereits zusammen und heuern Spitzenanwälte und -advokaten an."

Häufig bringen aber auch die langwierigen und teuren Ermittlungen nicht die gewünschten Ergebnisse. Im Fall der IP- Bank, einem der spektakulärsten Fälle der letzten Jahre, kam es zu Unterschlagungen von einigen zig-Milliarden Kronen - die Angaben schwanken je nach Quelle zwischen 40 und 100 Milliarden Kronen (2,5 bis 6 Milliarden DM). In der heutigen Ausgabe der Tageszeitung Mlada fronta Dnes heißt es (ZITAT): "Warum stellt eigentlich niemand die Frage, wo die ganzen Milliarden sind? Jemand hat hier geklaut, nicht zurückgezahlt, verschwendet. Aber Niemand unternimmt irgendwelche Anstrengungen diesen Jemand zu finden."

Die Wirtschaftszeitung Hospodarske Noviny sieht den Fehler allerdings weniger bei der Polizei, sondern bei den Politikern und Gesetzgebern, die die Ursachen der Wirtschaftskriminalität nicht ausreichend bekämpfen würden und kommt zu dem interessanten Schluss: "Gut wäre, wenn wir wenigstens von Ihnen (den Politikern/ Anm. d. Red.) Zeichen erwarten könnten, dass sie Steuer- und Zollflucht sowie Korruption nicht einfach als schickliches Benehmen ansehen."

Autor: Olaf Barth
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