Zdeněk Bořek Dohalský – Adeliger im Widerstand gegen die Nazis

Zdeněk Bořek Dohalský (Foto: Tschechisches Fernsehen)

Adelstitel wurden in der Tschechoslowakei bereits 1918 aufgehoben, gleich nach der Gründung des neuen Staates. Die reichen Geschlechter waren zudem durch die folgende Agrarreform betroffen. Trotzdem hatten zahlreiche Mitglieder der alten Adelsfamilien enge Beziehungen zur demokratischen Tschechoslowakei und setzten sich für den Erhalt des Staats auch während des Zweiten Weltkriegs ein. Einer von ihnen war Zdeněk Bořek Dohalský, der am 7. Februar 1945 in Terezín / Theresienstadt erschossen wurde.

Zdeněk Bořek Dohalský (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Das Adelsgeschlecht der Dohalskýs stammt aus Ostböhmen und wurde im 14. Jahrhundert erstmals erwähnt. Kaiserin Maria Theresia erlaubten seinen Mitgliedern, den Titel eines „Grafen“ zu nutzen. Später verarmte jedoch die Familie. Das war wahrscheinlich der Grund, warum der Vater von Zdeněk Bořek Dohalský schon vor dem Ersten Weltkrieg dem radikalen tschechischen Patriotismus anhing. In diesem Sinn erzog er auch seine Kinder – insgesamt drei Jungen, die später alle in den Widerstand gegen die Nazis gingen. Zdeněk Bořek Dohalský war Journalist und arbeitete bei der Lidové noviny („Volkszeitung“), einer der einflussreichsten Tageszeitungen der Zwischenkriegszeit. In diesem Beruf folgte er jedoch seinen eigenen Regeln, sagt Petr Koura, Historiker an der Prager Karlsuniversität:

„Dohalský zählte nicht zu den journalistischen Legenden wie Karel Čapek, Ferdinand Peroutka oder Eduard Bass. Dafür war er zu bescheiden und diskret. Eduard Bass erinnerte später zum Beispiel daran, dass Dohalský, noch bevor er einen Kommentar veröffentlichte, diesen zunächst von seinen Kollegen beurteilen ließ. Ihm sei auch jede investigative Ader abgegangen. Unterschiedliche Menschen sollen ihn mit Informationen in der Erwartung versorgt haben, dass er sie veröffentlichen werde. Er habe dies aber nicht getan, behauptete Bass. Dohalský erlangte daher die informelle Position eines Vertrauten bestimmter Politiker. Sie konnten mit ihm sprechen, ohne fürchten zu müssen, dass er etwas weitergeben würde. Dohalský war also ein atypischer Journalist, würde ich sagen.“

Erklärung des Adels (September 1938)
Wie die Zeitzeugen berichteten, verfügte Dohalský über viel Sinn für Humor. Er konnte die damaligen Politiker ausgezeichnet imitieren, womit er seine Redaktionskollegen gern vergnügte. Einmal soll er angeblich diese Kunst sogar Staatspräsident Masaryk vorgeführt haben.

Als die Tschechoslowakei Ende der 1930er von Hitler-Deutschland immer stärker bedroht wurde, engagierte sich Dohalský selbst politisch. Zweimal erklärten die Vertreter bestimmter Adelsgeschlechter offen ihre Treue zur demokratischen Tschechoslowakischen Republik: einmal im September 1938, als Hitler wegen der sogenannten Sudetenkrise mit Krieg drohte, und im März des darauffolgendes Jahres, nach der Ausrufung des Protektorats Böhmen und Mähren. In beiden Fällen war Dohalský dabei. Die Reaktion der Deutschen war ein Ultimatum: Die Unterzeichner dieser Erklärungen sollten sich entweder zur deutschen Nationalität bekennen, oder ihr Eigentum würde unter „nationale Verwaltung“ gestellt. Dohalský beharrte auf seiner Position. Er besaß übrigens aber kein Eigentum, das ihm die Nazis abnehmen konnten.

Edvard Beneš (Foto: Archiv Library of Congress, Public Domain)
Der Journalist vermittelte in jedem Fall den Kontakt zwischen dem Staatsoberhaupt des Protektorats, Emil Hácha, und dem ehemaligen tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš, der nach London geflohen war.

„Dabei hat vielleicht auch Dohalskýs Ruf, diskret zu sein, eine Rolle gespielt, aber noch wichtiger waren meiner Meinung nach seine persönlichen Kontakte. Bereits 1938 gehörte er zum engen Kreis um Edvard Beneš, als dieser seine Emigration plante. Viele Menschen aus diesem Kreis, die nicht zusammen mit Beneš ins Ausland gingen, wurden gleich nach dem Einmarsch der Wehrmacht im März 1939 verhaftet. Dohalský war also als einer der letzten von ihnen, die im Protektorat noch beruflich tätig waren. Die Gestapo hatte ihn jedoch auf ihre Liste gesetzt, sie verhörte ihn in den ersten Tagen des Protektorats und durchsuchte sein Haus. Er musste also bei seiner Widerstandstätigkeit sehr vorsichtig vorgehen“, erläutert Koura.

Alois Eliáš (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Dohalský wurde im Rahmen der Repressionswelle verhaftet, die der stellvertretende Reichsprotektor Reinhard Heydrich losbrach. Noch am Tag von Heydrichs Ankunft, am 27. September 1941, nahm die Gestapo den Ministerpräsident der Protektoratsregierung, Alois Eliáš, fest. Die deutschen Besatzer deckten die Strukturen jener tschechischen Widerstandsorganisation auf, die die Kontakte zwischen der Protektoratsregierung in Prag und der Exilregierung in London vermittelte. Dohalský spielte dabei eine wichtige Rolle: Er hatte sich mehrere Male mit Hácha und Eliáš getroffen, wobei er Nachrichten zwischen beiden Seiten überbrachte. Für die Gestapo war er also ein „großer Fisch“, sie wollte ihn bei einem eventuellen Gerichtsprozess gegen Emil Hácha nutzen. Nachdem Dohalský verhaftet worden war, verlangte Heydrich von Hácha eine Stellungnahme zur Anklage gegen Dohalský. Der Staatspräsident antwortete mit einem Brief im folgenden Sinne:

Emil Hácha (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Erstens: Den Journalisten Dohalský habe ich in meinem Leben wohl zweimal gesehen, ich kenne ihn also nur sehr oberflächlich. Soweit mein Gedächtnis reicht, hat er mir gegenüber irgendwann Anfang 1941 die Möglichkeit erwähnt, dass ich auf meinen Posten als Staatspräsidenten verzichten könnte. Dies war jedoch nur seine persönliche Meinung beziehungsweise die politische Meinung seiner Freunde, es handelte sich nicht um eine Botschaft der Londoner Exilregierung. Zweitens: Irgendwann im Sommer dieses Jahres sagte mir der ehemalige Ministerpräsident Eliáš, dass mich Dohalský persönlich besuchen und zum Rücktritt auffordern wolle. Eliáš verweigerte Dohalský den Besuch bei mir und soll ihm erklärt haben, dass nur ich selbst über einen eventuellen Rücktritt entscheiden könne. Ich habe Eliášs Vorgehen begrüßt. Über eine Botschaft aus London fiel dabei kein Wort.“

Hinrichtungsstelle der Kleinen Festung in Theresienstadt (Foto: Hans Weingartz, Wikimedia CC BY-SA 2.0 DE)
Den Deutschen gelang es tatsächlich, die geheimen Verbindungen zwischen Prag und London aufzudecken und sie zu kappen. Alois Eliáš wurde angeklagt und im Juni 1942 hingerichtet – als einziger Regierungschef in den von Nazis besetzten Ländern. Zdeněk Dohalský wurde aber paradoxerweise nicht verurteilt. Bis Februar 1945 war er jedoch im bekannten Prager Gefängnis Pankrác inhaftiert, dann wurde er aber nach Terezín / Theresienstadt gebracht und dort erschossen. Die konkreten Umstände von Dohalskýs Ermordung beurteilen die Historiker jedoch unterschiedlich, wie Historiker Koura erläutert.

„In der Fachliteratur wird geschrieben, dass der Befehl zur Dohalskýs Hinrichtung als Telegramm von Heinrich Himmler aus Berlin kam. Der Gestapokommissar Otto Gall, der mit der Ermittlung in Sachen Dohalský beauftragt wurde, soll dann den Befehl einfach ausgeführt haben. Einige Historiker behaupten aber, dass Gall mit dem Widerstand zusammenarbeitete und sich bemühte, bestimmte Verdächtige zu schützen. Das erklärt angeblich, warum Dohalský so lange nicht verurteilt wurde. Das Zögern von Gall könnte aber auch bloße Habgier gewesen sein, indem er sich von den Verwandten der Verhafteten bezahlen ließ und dafür die Ermittlungen bremste. Von Dohalský ist zudem bekannt, dass er eine Herzkrankheit vortäuschte und daher ins Krankenhaus des Gefängnis Pankrác kam. Auch deswegen wurde sein Fall aufgeschoben.“

František Bořek Dohalský
Zur Vollstreckung der Todesstrafe an Dohalský lässt sich noch eine Kleinigkeit erwähnen. Laut den erhaltenen Dokumenten gehörte auch Anton Malloth zum Hinrichtungskommando. Er galt als der brutalste Aufseher in Theresienstadt, erst 2001 wurde er mit 90 Jahren vor ein Gericht in München gestellt und zu lebenslanger Haft verurteilt.

Wie erwähnt, hatte Zdeněk Bořek Dohalský zwei Brüder, die beide auch gegen das Hitlerregime aktiv waren. Antonín Dohalský war Priester und Kanonikus im Prager Veitsdom. Während des Krieges versteckte er Widerstandskämpfer und versorgte sie. 1942 wurde er verhaftet und noch im selben Jahr in Auschwitz ermordet. Der zweite Bruder, František Dohalský, war vor dem Krieg als tschechoslowakischer Diplomat in London und Wien tätig. Er überlebte die Inhaftierung in Dachau und war nach dem Krieg zwei Jahre lang Botschafter in Österreich.