Zu Besuch bei der Familie Smetana in Litomysl

Smetana-Denkmal

Die historische Stadt Litomysl bzw. Leitomischl an der Grenze zwischen Böhmen und Mähren ist vor allem wegen ihres Renaissance-Schlosses berühmt. Im Bewusstsein der Tschechen ist sie aber auch als Geburtstadt des Komponisten Bedrich Smetana verankert. Daran erinnern seit 1949 alljährlich die Opernfestspiele "Smetanas Litomysl" und gerade dieser Aspekt der vielseitigen historischen Stadt interessiert uns in unserer heutigen Touristensprechstunde, zu der Sie nun Markéta Maurová und Jörn Nuber begrüßen.

Wohnung der Familie Smetana in der Schlossbierbrauerei (Foto: CzechTourism)
Bedrich Smetana wurde am 2. März 1824 als elftes Kind und erster Sohn des Braumeisters Frantisek Smetana im ostböhmischen Leitomischl geboren. Schauen wir nun gemeinsam in das biographische Buch über Smetana von Zdenek Mahler, der das glückliche Ereignis in der Familie beschreibt.

Es ist ein Knabe!

Über den Hof der Bierbrauerei lief eine Magd - Hände über dem Kopf - und schrie: "Herr Braumeister - Sie haben einen Sohn!"

Der Braumeister eilte in das Zimmer - er hob die Windel , um sich mit seinen eigenen Augen zu überzeugen: es war klein, aber es war wirklich ein Junge.

"Endlich! Nach zehn Töchtern..."

Er ging vor die Tür hinaus und befahl dem Gesinde:

"Wälzt ein Fass heraus!"

Es war am Faschingsdienstag, dem lustigsten Tag des Jahres. - sie gingen ans Trinken, Singen und Tanzen!!

Braumeister Smetana setzte sich über die Familienbibel, er tauchte die Kielfeder in die Tinte und schrieb auf die innere Seite des Umschlages:

Smetana-Platz in Litomysl (Foto: Sokoljan, CC BY-SA 3.0 Unported)
"In Leitomischl am 2. März 1824 Dienstag um 10 Uhr morgens wurde uns ein Sohn geboren -"

Er unterbrach das Schreiben, stützte sich glückstrahlend an den Stuhl: So habe ich doch einen Erben! Dieser wird schon in einer großen Brauerei anfangen - und nicht mit leeren Händen wie ich!

Frantisek Smetana stammte aus schlichten Verhältnissen. In der Familie gab es Fassbinder, Gärtner, Schmiede, Kleinbauern. Im Alter von anderthalb Jahren verwaiste er und später ging er auf die Wanderschaft. Er durchreiste Preußen und Österreich und kam zum Schluss, dass Nachfrage nach Essen und Trinken immer bestehen wird. Er erlernte das Brauergewerbe, begann Bier zu brauen und Schnaps zu verkaufen.

Barbora Lynkova - die Mutter Bedrich Smetanas und Tochter eines Herrenschreibers - war seine dritte Frau. In den vorhergegangenen Ehen wurden ihm bereits zehn Kinder - lauter Töchter geboren.

Dem kleinen Fritz war eine glückliche Kindheit gegönnt. Die Familie lebte im Wohlstand. Sie hatte eine große helle Wohnung, die mit aufwändigen Möbeln eingerichtet war. Aus den Fenstern schaute man direkt auf das Schloss. Der Knabe wurde nach Herrenart angezogen und litt nie an Kälte oder Hunger.

Smetana-Denkmal
Zu Hause war es lebendig: neben den Eltern und einer Schar Kinder (nach Fritz kamen noch weitere sieben dazu - er war der elfte von insgesamt 18 Nachkommen) lebten dort auch die verwitwete Schwester des Vaters mit ihren fünf Sprösslingen und die Großeltern von Mutter-Seite... Darüber hinaus liefen im Haus Dienstmädchen und das Brauereigesinde hin und her, und in den Hof kamen den ganzen Tag über Fuhrleute mit Rollwagen, die von schweren Wallachen gezogen wurden - die Luft schrillte von Gesprächen, Neuigkeiten, Gesang...Der kleine Fritzi saß auf dem Sand, er ließ das Spielzeug und lauschte mit offenem Mund, genauer mit offener Seele zu...

Der Vater, der sich das Lesen und Schreiben noch selbst hatte beibringen müssen, brachte es mit den Jahren als Brauereipächter zu bescheidenem Wohlstand, so dass er seinem Sohn zu einer guten Ausbildung verhelfen konnte. Dazu gehörte in einer Familie, in der viel Hausmusik gemacht wurde, auch das Erlernen eines Musikinstrumentes; bereits im Alter von fünf Jahren erhielt das talentierte Kind Klavier- und Geigenunterricht. Dennoch dachte niemand an eine Musikerlaufbahn; vielmehr wurde der Junge auf das Gymnasium geschickt, um später studieren und einen bürgerlichen Beruf ergreifen zu können. Smetana war jedoch ein ziemlich schlechter Schüler, der wegen seiner mangelhaften Leistungen vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern mehrmals die Schule wechseln musste. Statt Hausaufgaben zu machen, verbrachte er seine Zeit lieber mit Musizieren, Theaterspielen oder ähnlichen Dingen.

Über Smetanas Weg zur Musik können wir bei Zdenek Mahler folgende Erzählung lesen. Die Smetanas wohnten damals schon in einem Bürgerhaus auf dem Stadtring und gehörten zur besseren Gesellschaft in der Stadt. Die Hausmusik bildete damals einen bedeutenden Bestandteil der zahlreichen gegenseitigen Besuche der Nachbarn.

In vielen Familien wurde musiziert und auch bei Smetanas war es nicht anders. Der Braumeister erfreute sich zwar keiner besonderen Begabung, er konnte aber doch leidlich Geige spielen. Es handelte sich jedoch um keine öffentlichen Konzerte, er spielte für seinen eigenen Genuss. Gemeinsam mit dem dortigen Lehrer übte er zunächst Duette ein, später schlossen sich weitere Enthusiasten an und es wurden Quartette gespielt - Tanzstücke, Variationen auf Volkslieder und Opernarien, Werke alter Meister, aber auch Stücke von Haydn und Mozart. Der kleine Fritz schaute mit Befangenheit auf die Spieler und hörte ohne Bewegung zu. Auf Anweisung wandte er Blätter um und schwankte später seine Finger im Takt.

Der Vater besorgte für seinen Sohn eine kleine Geige und versuchte es, ihn selbst zu lernen. Dies reichte wohl dem kleinen Schüler nicht: er begab sich nach der Unterrichtsstunde in der Regel in die hintere Stube und dort fiedelte er standhaft bis in die Finsternis hinein. Als der Brauermeister seinen Geburtstag feierte, trat ein Quartett auf, um unter seinem Fenster ein Wünschstück zu spielen - Fritz spielte die erste Geige. Dafür kaufte ihm der Vater ein Klavier und stellte einen Lehrer an. Er hieß Chmelík und bereitete dem Jungen Leiden: dem Fritzi machte das Tippen der Töne und das Geklapper der Klaviatur gar keinen Spaß. Erst nach bestimmter Zeit, als sie zu Akkorden und zur Harmonie gerieten, lebte der Knabe auf - er spielte, was in den Noten stand, und danach versuchte er, nach seiner eigenen Weise fortzufahren... Auch der Lehrer spannte seine Aufmerksamkeit: das hartnäckige Kind begann Musikphantasien zu entwickeln - sie klangen wie ein Walz... Er zeichnete sie auf - und legte Friedrichs Komposition den Eltern vor.

In Leitomischl entstanden nicht nur Smetanas erste Kompositionen. Am 4. Oktober 1830 trug das sechsjährige Kind - wohl auf Betreiben seiner Mutter - vor der Grafenfamilie und den Honoratioren der Stadt die Ouvertüre zur Oper "Die Stumme aus Portici" auf Klavier vor. Es handelte sich um sein erstes Konzert. Kurz darauf verließ die Familie die ostböhmische Stadt und zog nach Jindrichuv Hradec in Südböhmen um.

Seit 1996 kann man in Leitomischl die Geburtswohnung des Komponisten besuchen, die als ein kleines Museum zugänglich ist. In zwei Zimmern finden wir die historische Einrichtung der Wohnung - ein Schlafzimmer sowie einen Salon mit einem Klavier, im dritten Raum finden verschiedene Ausstellungen statt. Unter den Dokumenten, die uns das Leben Bedrich Smetanas annähren, befindet sich u.a. auch eine Urkunde über die Gründung seiner Musikschule in Prag vom Jahre 1848. Nach einem Fiasko seiner ersten Tournee als Konzertpianist blieb Smetana nichts anderes übrig, als die ungeliebte Lehrertätigkeit wieder aufzunehmen, die er vorher aufgab.

Neuerrichtetes Unterrichtsinstitut im Pianofortespiele. Friedrich Smetana, durch eine Reihe von Jahren sich ausschließlich mit dem Elementar- und höheren Musikunterrichte mit dem besten Erfolge befassend und von vielen Seiten aufgefordert, in Betracht seiner sich so vorteilhaft bewehrten Unterrichtsmethode seinen Wirkungskreis zur Förderung der Musikinteressen gemeinnütziger zu erweitern, glaubt diesem für ihn so schmeichelhaften Wunsche durch die Errichtung einer Pianoforte-Schule entgegen zu kommen, in welcher von ihm die Jugend beiderlei Geschlechts im Pianoforte-Spiel gründlich und nach bester Methode unterrichtet wird. Der Unterricht beschränkt sich nicht nur auf die musikalischen Elementargegenstände, er umfasst die Theorie in allen ihren Abteilungen, Kompositionslehre, Harmonie, Kontrapunkt, Formlehre, musikalische Ästhetik usw., das höhere Klavierspiel, Auffassung der Musikstücke und ihren kunstgemäßen Vortrag. Die Lehranstalt zerfällt also in zwei Klassen, in deren erster der Elementarunterricht theoretisch und praktisch vorgenommen wird und in deren zweiter das höhere Klavierspiel und die höhere musikalische Theorie gelehrt wird. Die Zöglinge erhalten dreimal der Woche immer zu zwei Stunden Unterricht, so dass die weiblichen Zöglinge der Elementarklasse ihren Unterricht Montag, Mittwoch, Freitag früh von 10 bis 12 Uhr, jene der höheren hingegen an denselben Tagen nachmittags von 2 bis 4 Uhr erhalten. Ebenso die männlichen Zöglinge an den übrigen Tagen der Woche, um mit dem literärischen Unterricht nicht in Kollision zu geraten. Das im vorhinein zu berichtigende Honorar beträgt monatlich für einen Zögling vier Flötzer Silber.

Das Institutslokal befindet sich am Altstädter Ring Nr. 548 im sog. Nummer 1 im zweiten Stock rückwärts, wo man gefälligst die Anmeldungen zu machen hat. Der Zeitpunkt der Eröffnung dieser Musikschule ist am 8. August dieses Jahres. Friedrich Smetana

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16.313219600000
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Autoren: Marketa Maurova , Jörn Nuber
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