100. Geburtstag des Dichters und Nobelpreis-Trägers Jaroslav Seifert

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Von Marketa Maurova.

Am kommenden Sonntag, dem 23. September, würde der Dichter Jaroslav Seifert, seinen 100. Geburtstag feiern. Er war der einzige tschechische Dichter, der für sein literarisches Werk, aber auch für sein beherztes Eintreten für die Bürgerrechte mit dem Nobel-Preis für Literatur ausgezeichnet wurde. "Seine Landsleute lesen ihn und lieben ihn. Er ist ein nationaler Dichter, der es schafft, sowohl literarisch ausgebildete Leute als auch diejenigen anzusprechen, die ohne größere Vorbereitung an sein Werk herantreten". Mit diesen Worten begründete die schwedische Akademie 1984 ihre Entscheidung.

Jaroslav Seifert als Dichter wird im folgenden vom Literaturwissenschaftler Jiri Brabec charakterisiert:

"Von Seifert hat man häufig die Vorstellung, dass er ein Dichter-Improvisator gewesen sei. Natürlich - Seifert hatte nie technische Probleme, es fiel ihm nie schwer, mit den Versen, mit Reimen umzugehen. Für eine solche Erfindungskraft in Bezug auf Metaphern und Reime gibt es in Tschechien nur ein paar weitere ähnliche Beispiele. Aber er wurde selbstverständlich von der Gefahr der Virtuosität, der Bewältigung der technischen Methode im Umgang mit Versen auch bedroht. Und gerade wenn wir uns einzelne Schichten der Gedichte anschauen, sehen wir, wie dieser Dichter dieser Bedrohung entwich. Z.B. im Schaffen der 60er Jahre, in seinen freien Versen, befreite er sich von dem, was er so gut beherrschte und was für ihn in einen Mechanismus und in Virtuosität münden konnte. Einen großen Dichter erkennen wir immer daran, dass er das verlässt, was er beherrscht hat."

Jiri Brabec steht an der Spitze des Teams von Editoren, die sich gemeinsam mit dem Buchverlag Akropolis ein großartiges Projekt vorgenommen haben: Zum ersten Mal überhaupt werden in den folgenden fünf Jahren die Gesamtschriften des Dichters erscheinen. Mehr über dieses Projekt können Sie im Kulturspiegel am kommenden Sonntag erfahren, zu dem ich Sie herzlich einlade. Nun lassen wir noch die Tochter des Künstlers zu Wort kommen. Jana Seifertova spricht davon, wie ihr Vater als Mensch und Dichter war:

"Seine Natur war kompliziert. Im Prinzip war er ein Mensch, der Harmonie liebte. Er war kein analytischer Geist, sondern ein Mensch, der nach Harmonie suchte. Er liebte das Leben, was letztendlich in seinen Gedichten zu sehen ist. Und vom jugendlichen Rausch des Lebens geriet er zu einer Weisheit, zu einer Beruhigung. Er bevorzugte die Schönheit der Welt, die in allen seinen Gedichten immanent ist. Und er war auch ein Dichter Prags und liebte Prag in all seinen Gestalten. Ich glaube, dass die Sammlungen, die einen Höhepunkt in seinem Werk darstellen, "Im Licht angezogen" und "Die Steinbrücke", eigentlich eine Verherrlichung Prags, eine Bekenntnis dieser Stadt bedeuten."