100. Geburtstag des Nobelpreisträgers Jaroslav Seifert inspirierte den Buchverlag Akropolis zur Herausgabe Seiferts Gesamtschriften

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Vor genau 100 Jahren, am 23. September des ersten Jahres des 20. Jahrhunderts wurde der tschechische Dichter Jaroslav Seifert geboren. Er war der einzige tschechische Dichter, der für sein literarisches Werk, aber auch für sein beherztes Eintreten für die Bürgerrechte mit dem Nobel-Preis für Literatur ausgezeichnet wurde. Unser heutiges Kulturmagazin, zu dem Sie Markéta Maurová und Lothar Martin begrüßen, ist gerade dieser Persönlichkeit gewidmet.

"Alle Schönheiten der Welt". Diesen Titel gab der Schriftsteller seinem Erinnerungsbuch, das er am Ende seines Lebens verfasste. Mit dieser Parole lässt sich aber auch sein gesamtes Werk charakterisieren. Seifert wurde 1901 im Prager Arbeiterstadtviertel Zizkov, dessen literarisches Bild wir in zahlreichen Gedichten finden, geboren. Noch vor dem Abitur trat er die Journalisten- und Redakteurslaufbahn an. 1921 stellte sich Jaroslav Seifert mit seiner ersten Gedichtsammlung vor.

Nach den ersten Gedichten, die von der linksorientierten Strömung der Arbeiterliteratur geprägt wurden, und den phantasievollen Versen seiner poetistischen Ära entwickelte sich eine spezifische Form der seifertschen Dichtung: regelmäßige und melodische Liedstrophen, begleitet von einer zarten und gefühlvollen Lyrik. Der Dichter reagierte aber auch auf die aktuellen Ereignisse - wie das Münchner Abkommen und den Maiaufstand 1945. Während des Zweiten Weltkrieges trug er mit seinen Versen, die tschechische Geschichte thematisierten und aufgriffen, sehr zur Stärkung des Nationalbewusstseins bei. Nach dem Krieg wurde er mehrere Male zum Schweigen gezwungen. Als Vorsitzender des Schriftstellerverbandes protestierte Seifert gegen den Einmarsch der verbündeten Truppen im August 1968 sowie gegen die darauffolgende Normalisierungspolitik. Seine Beziehung zu dem damaligen Regime spitzte sich zu, als Jaroslav Seifert als einer der ersten Signatare die Charta 77 unterzeichnete. 1984 wurde er als der einzige tschechische Schriftsteller mit dem Nobel-Preis für Literatur ausgezeichnet, den für ihn in Stockholm seine Tochter Jana entgegennahm. Der Dichter starb zwei Jahre später, am 10. Januar 1986.


Wenn wir heute auf vergangene Bemühungen um die Herausgabe seines Werkes zurückblicken, stellen wir eine überraschende Tatsache fest. Von dem, was Jaroslav Seifert je geschrieben hat, sind nur etwa 50 Prozent erschienen. Einige Sammlungen wurden natürlich immer wieder herausgegeben, zu einigen Gedichten und Prosatexten hat der Leser aber keinen Zugang. Glücklicherweise wird sich dies bald ändern. Der 100. Geburtstag des Schriftstellers war für den Verlag Akropolis Anlass zu einer großartigen Initiative - die Herausgabe des Gesamtwerkes Jaroslav Seiferts. An der Spitze des Teams von Editoren steht der Literaturwissenschaftler von der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität, Doz. Jiri Brabec. Wie charakterisiert er den Dichter Jaroslav Seifert?

"Von Seifert hat man häufig die Vorstellung, dass er ein Dichter-Improvisator gewesen sei. Natürlich - Seifert hatte nie technische Probleme, es fiel ihm nie schwer, mit den Versen, mit Reimen umzugehen. Für eine solche Erfindungskraft in Bezug auf Metaphern und Reime gibt es in Tschechien nur ein paar weitere ähnliche Beispiele. Aber er wurde selbstverständlich von der Gefahr der Virtuosität, der Bewältigung der technischen Methode im Umgang mit Versen auch bedroht. Und gerade wenn wir uns einzelne Schichten der Gedichte anschauen, sehen wir, wie dieser Dichter der Bedrohung entwich. Z.B. im Schaffen der 60er Jahre, in seinen freien Versen, befreite er sich von dem, was er so gut beherrschte und was für ihn in einen Mechanismus und in Virtuosität münden konnte. Einen großen Dichter erkennen wir immer daran, dass er das verlässt, was er beherrscht hat."

Soweit Jiri Brabec. Über das eigentliche Projekt habe ich mich mit dem Verleger von der Akropolis, Jiri Tomas, unterhalten:

"Wir planen im Moment insgesamt sechzehn Bände. Ich kann aber nicht ausschließen, dass die Editoren für uns weitere Überraschungen bereit halten werden. Die Gesamtschriften sollen innerhalb von fünf ein halb Jahren erscheinen, jedes Jahr drei Bände, im Mai, im September und im November."

Das Vorhaben von Akropolis bleibt hierzulande ohne Beispiel. Gibt es Ansätze, an die man anknüpfen kann?

"Die Lage ist nicht besonders erfreulich. Es gab zwar einige Ansätze, Seiferts Schriften herauszugeben, aber ehrlich gesagt, die Lage sieht bis heute so aus, dass wir Seiferts Werk in der Tat in voller Breite nicht kennen. Den ersten Versuch gab es in den Jahren 1954-59 im Verlag Ceskoslovensky spisovatel. Es wurden sieben Bände herausgegeben, die aber von der Zensur stark beeinflusst sind. Darüber hinaus konnten sie natürlich die letzten zehn Lebensjahre des Dichters nicht erfassen und spiegeln auch die damalige Betrachtung der Aufgabe von Literatur wider. Der zweite Versuch ging von demselben Verlag in den Jahren 1986 - 90 aus. Dabei handelt es sich leider lediglich um ein Torso. Das Projekt wurde mittendrin abgebrochen, und auch dort findet man Eingriffe der Zensur. Wir bemühen uns um eine neue moderne Editionsform, um die kritische Herausgabe der Schriften."

Was bedeutet das für den Leser, eine kritische Herausgabe in die Hand zu bekommen?

"Eine kritische Herausgabe bedeutet, dass dort sämtliche Fassungen der Werke verglichen werden - beginnend mit den ersten Abdrucken in Zeitschriften, bis hin zur weiteren Entwicklung. Besonders bei Seifert erlebten viele Verse Veränderungen, der Autor schrieb sie häufig um, korrigierte sie. Dies alles ist in der kritischen Ausgabe erfasst. Die Editoren können aber nur eine Fassung auswählen. Im Anmerkungsapparat werden aber auch alle anderen angeführt und man muss natürlich begründen, warum gerade diese Fassung als die kanonisierte gewählt wurde."

Was bewog den Dichter dazu, nach vielen Jahren zu seinen früheren Werken zurückzukehren und darin Korrekturen vorzunehmen?

"Seifert wurde dazu häufig gezwungen. Denn besonders in den 70er und 80er Jahren bestand kein besonders großes Interesse daran, Seifert herauszugeben. Doch trotzdem sind einige Sachen erschienen. Z.B. wollte Seifert, dass eine Neuauflage seiner Sammlungen aus der Zeit des Poetismus herausgegeben wird. Die Antwort der offiziellen Stellen war, das passe nun nicht in den Editionsplan, aber man würde seine Sammlung "Das Mütterchen" erscheinen lassen. Seifert war einverstanden und sagte, er werde diese Sammlung ein bisschen korrigieren... und fügte zur Hälfte Gedichte aus den poetistischen Sammlungen hinzu. Das sind natürlich Sachen, die erzwungen wurden und auch zu einem gewissen Chaos beitragen. Viele Sammlungen existieren heute in drei, vier, fünf Fassungen, und alle sind zu Lebzeiten des Autors erschienen."

Jaroslav Seifert nahm eine bemerkenswerte Stellung in der Literatur ein. Er wurde gleichzeitig sowohl in den offiziellen tschechoslowakischen Verlagshäusern als auch im Exil herausgegeben.

"Aber auch in der Samizdat-Literatur bei uns. Z.B. die Herausgabe des elften Bandes der Schriften, der die 70er und 80er Jahre erfasst, musste auf einen späteren Termin verschoben werden, denn das, was am Anfang einfach und klar schien, stellte sich später als sehr kompliziert heraus. Die Menge der inoffiziellen Auflagen und der Exil-Ausgaben ist ungeheuer groß und alle müssen in der kritischen Ausgabe vertreten sein. Dies ist auch der Grund, warum die Bände nicht in der üblichen Reihenfolge erscheinen."

Als erster Band der Editionsreihe wurde anlässlich des heutigen Geburtstags Teil Nr. 3 veröffentlicht, der Gedichte aus der poetistischen Ära umfasst. In den künftigen Bänden warten aber nicht nur die allgemein bekannten Gedichte auf die Leser. Worauf kann man sich darin freuen?

"Vor allem findet man dort alle Gedichte, die aus verschiedenen Gründen außerhalb der bekannten Sammlungen geblieben sind. Weiter die publizistischen Texte, die ebenso wie die Poesie sehr umfangreich sind, Seifert arbeitete doch fast 40 Jahre in verschiedenen Redaktionen der Tages- und Wochenblätter. Man findet dort Übersetzungen und auch weitere literarische Aktivitäten: z.B. Liedertexte für das Befreite Theater, und Burians D-Theater, Kommentare zu Dokumentarfilmen und Prosatexte. "

Soweit der Verleger Jiri Tomas vom Buchverlag Akropolis. Der erste Band der Gesamtausgabe wurde in der vergangenen Woche im Stadtmuseum in Kralupy nad Vltavou vorgestellt und getauft. Die kleine Industrie-Stadt in der Nähe Prags war Geburtsort von Seiferts Mutter und spielte im Leben des Dichters eine bedeutende Rolle. Letztlich - gerade dort, in der Familiengruft auf dem Kraluper Friedhof wurde er auf seinen Wunsch 1986 begraben. Im dortigen Museum befindet sich ein Seifert-Gedenksaal, anlässlich des Jahrestags wurde dort eine Sonderausstellung vorbereitet, bei der man natürlich eine ein bisschen andere Gestaltung finden musste. Mehr dazu sagt uns der Museumsdirektor, Jan Racek:

"Wir haben uns durch das Festival "Seiferts Kralupy" inspirieren lassen. Im Rahmen des Festivals wird alljährlich das Werk eines der bedeutenden Illustratoren vorgestellt, die Seiferts Gedichtsammlungen mit Bildern begleitet haben. Daraus ist die Idee entstanden, Seiferts Bücher mit den Werken seiner Illustratoren zu konfrontieren. Eine weitere Linie stellt die tiefe Beziehung des Dichters zu unserer Region und zu Kralupy dar, die sich in seinen Gedichten und Erinnerungsbüchern wiederspiegeln. Und wir haben noch einen Ausstellungsteil: Jaroslav Seifert als Objekt der Photographen. Man findet dort offizielle Porträts, aber auch private Photos, die aus dem Familienalbum der Seiferts stammen."

Einer der Künstler, der die Gedichte Jaroslav Seiferts mit Bildern illustriert hat und in der Ausstellung auch vorgestellt wird, ist der Maler und Grafiker Vladimir Komarek. Er war mit dem Dichter auch persönlich befreundet. Wie hat Seifert auf ihn eingewirkt, wie war Jaroslav Seifert nach der Meinung Komareks?

"Das ist eine ganze Philosophie. Seifert ist ein großer Künstler gerade darin, dass er normal ist, dass er einfach sprach, dass er etwas zu sagen hatte und daher seine Gedichte nicht verkomplizieren musste. Er war klar. Und meiner Meinung nach bedurfte es eines großen Mutes, klar zu sprechen. Ich habe mein erstes Gedicht von ihm schon als kleiner Junge gelesen. Und ich dachte damals, dass jedes Gedicht so stark sein muss, wie dieses. Erst später habe ich erfahren, dass dies nicht allgemein gilt, dass nur einige Dichter diese Stärke haben. Und ich war meinen Freunden sehr dankbar, dass sie mich mit Seifert bekannt machten. Ich halte dies für den größten Erfolg meines Lebens, dass ich mit ihm persönlich bekannt war".

Soweit liebe Hörerinnen und Hörer, der heutige Kulturspiegel, zu dem uns der 100. Geburtstag des Dichters Jaroslav Seifert inspiriert hat.