400 Boxen Dokumente: Deutscher Historiker erforschte Familienarchiv Metternich in Prag
Clemens Wenzel Fürst Metternich hat als Diplomat und Staatkanzler die österreichische und die europäische Politik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geprägt und gelenkt. Sein Schicksal ist mit mehreren Linien auch mit den böhmischen Ländern verbunden: Er besaß zwei Güter in Westböhmen, und zwar das Schloss Kynžvart / Königswart und das ehemalige Kloster Plasy / Plass. Im Letztgenannten befindet sich auch Metternichs letzte Ruhestätte. Und sein Nachlass wird heute im Nationalarchiv in Prag aufbewahrt. Der deutsche Historiker Wolfram Siemann hat dort ein Jahr lang geforscht. Auf Grundlage der Quellen, die bis dahin niemand in der Hand gehalten hatte, verfasste er 2016 die umfangreiche Biographie „Metternich. Stratege und Visionär“. Im Café des Prager Verlags Academia wurde jüngst die tschechische Ausgabe des Buches vorgestellt.
Wir treffen uns anlässlich der Präsentation der tschechischen Ausgabe Ihres Buches „Metternich, Stratege und Visionär“. Herr Siemann, können wir uns dieses Buch aus der tschechischen Perspektive anschauen? Welchen Stellenwert hatten die böhmischen Länder in dem Leben von Clemens Metternich?
„Es wird in der Regel nicht gesehen, dass Metternich seinen Lebensmittelpunkt immer mehr im böhmischen Königreich hatte. Er stammte eigentlich aus dem Rheinland, und sein politisches Zentrum war das Wien der Habsburger Monarchie. Aber in Kynžvart, in Königswart, war sein Geschlecht seit 1630 verankert. Und hier fand er Zuflucht, als 1794 die Französische Revolution stattfand oder Revolutionäre Koblenz besetzten. In Böhmen konnte er dann auch seinen ökonomischen Besitz ausbauen, als er 1828 Plasy / Plass, also ein ehemaliges Kloster aus dem Kaiserlichen Religionsfonds erwarb. Böhmen war für ihn also zu einem Zentrum geworden. Und das kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass Metternich in der ehemaligen Klosterkirche Plasy das Familiengrab angelegte hat und seine Vorfahren auch dorthin überführen ließ. Zudem sind seine Bibliothek und sein ganzer Familiennachlass in Kynžvart und in Plasy beherbergt.“
Sie erwähnen das Schloss Kynžvart oder Königswart. Wie viel Zeit hat Metternich dort eigentlich verbracht? Oder gab es längere Zeitabschnitte, in denen er sich dort aufhielt?
„Es wird in der Regel nicht gesehen, dass Metternich seinen Lebensmittelpunkt immer mehr im böhmischen Königreich hatte.“
„In der Regel in den Sommermonaten. Er war dort, um das Forstwesen, die Ökonomie und vor allen Dingen die Eisenhütte, die er in den 1820er Jahren dort begründet hatte, zu fördern und auch zu kontrollieren. Er war aber auch in regelmäßigen Abständen in Königswart, wenn er beispielsweise von Wien weiter an den Rhein fahren musste. Er sprach auch Einladungen hierher aus: Kaiser Ferdinand war einmal zu Besuch in Königswart, sogar der Zar war anwesend. Hier empfing Metternich immer wieder auch Diplomaten. Er hat auch Jagden ausgerichtet, obwohl er selbst die Jagd verabscheut hat. Aber er machte das gewissermaßen für seine höfische Gesellschaft.“
Metternich ließ das Schloss auch umbauen…
„Ja, es war ursprünglich ein Barockschloss. Als Metternich in den 1820er Jahren wieder zu Geld gekommen war, ließ er es im klassizistischen Stil umbauen. Also eigentlich in einer Anspielung an die klassische Antike und an die Renaissance – jene Zeitalter, die ihm näher lagen als das Barock oder gar das Mittelalter.“
„Metternich war eigentlich ein moderner Unternehmer.“
Auf seinem Gut Plasy war Metternich auch wirtschaftlich tätig…
„Das war für mich eine Überraschung. Bevor ich anfing, die Biografie zu schreiben, wusste ich von Metternich, nicht, dass er eigentlich ein moderner Unternehmer war. Er war ein Adliger, der den höfischen Adel hinter sich gelassen und die Voraussetzungen genutzt hat, um in das 19. Jahrhundert überzugehen – als ein Unternehmer, der kapitalistisch organisiert war. Und das war sehr modern.“
Sie haben noch einen weiteren Bezug zu den böhmischen Ländern erwähnt, und das war Metternichs Ehefrau...
„Ja, Eleonore von Kaunitz. Es war ein großer Erfolg Metternichs, diese Partie zu machen. Aber man kann nicht sagen, dass er Eleonore nur aus Berechnung geheiratet hat. Er hat sie tatsächlich geliebt, was man allein an der Zahl der Kinder sehen kann sowie an den Geschenken, die er ihr oder den Kindern von Reisen mitbrachte. Und am rührendsten ist der letzte Brief: Als seine Frau in Paris war und eigentlich den Tuberkulose-Tod erwartete, schrieb sie ihm einen Brief, in dem sie ihm ihre Liebe gewissermaßen noch einmal bezeugt. Es war also nicht nur Berechnung. Aber es war für Metternich natürlich ein wichtiger Einstieg in die Habsburger Adelselite.“
Spiegelte sich die Beziehung zu den böhmischen Ländern auch in der Politik Metternichs wider? Er ist vor allem als Diplomat und Politiker auf der großen Bühne Europas bekannt…
„Die Hochzeit mit Eleonore von Kaunitz war nicht nur Berechnung. Aber es war für Metternich natürlich ein wichtiger Einstieg in die Habsburger Adelselite.“
„Man muss das im größeren Zusammenhang des Habsburger Reiches sehen, das er als eine zusammengesetzte Herrschaft ansah. Da erkannte er die Eigenständigkeit des Königreich Böhmens wie auch Ungarns, mit einem eigenen Parlament und einer eigenen ständigen Vertretung. Als in den 1850er Jahren versucht wurde, das Reich zentralistisch und absolutistisch umzuorganisieren, hat sich Metternich entschieden dagegen gewehrt, weil er eine gewisse Autonomie der einzelnen Herrscherbereiche, so auch des Königreichs Böhmen, verteidigen wollte. Er hatte 1816 schon einmal einen Plan entwickelt, in dem er das gesamte Reich föderal nach den großen Nationalitäten organisieren wollte. Insofern hatte Böhmen für Metternich auch eine besondere Stellung.“
War er vielleicht auch mit seinen Untertanen in Böhmen in Kontakt?
„In persönlichem Kontakt, kann man sagen: Metternich hatte zwar einen Verwalter, war aber in gewisser Weise ein Patronalherr oder ein Patriarch. Er kümmerte sich um die Lebensmittelversorgung, ließ etwa besonderes Brot backen. Wenn man heute nach Plasy kommt, sieht man eine Zeile von kleinen Häusern, die als Bleibe für seine Arbeiter gedacht waren. Also es war auch für ihr soziales Auskommen gesorgt. Und Metternich hatte die sogenannte Bauernbefreiung, also die Befreiung von feudalen Lasten, schon in den 1840er Jahren auf seinen Gütern eingeleitet. Das geschah sonst in der Regel erst in der Revolution 1848. Metternich stand also in direktem Bezug auch zu seiner Güterverwaltung und bekam auch immer wieder direkte Petitionen, sei es vom Johannisberg, aus Plasy oder aus Königswart. Das sind Akten, die überliefert sind, die man eigentlich auswerten könnte und eine andere Geschichte Metternichs von unten auf seinen Gütern schreiben müsste.“
Gibt es in den Quellen vielleicht Belege oder Aussagen dazu, warum er gerade Plasy für seine Familiengruft wählte?
„Er hatte erst eine andere vorgesehen, die ist aber durch einen Brand zerstört worden. Und dann hatte Metternich mit der Ausstattung der Wenzelskirche die besten Voraussetzungen.“
Aber Böhmen war klar, oder?
„Das war klar. Es gab keine Überlegungen, es irgendwo andershin zu transferieren. Dass es in Böhmen sein sollte, war zwingend.“
Wie wurde Metternich von der böhmischen Repräsentanz, von den Spitzen wahrgenommen?
„Das ist auch eine schwierige Frage, weil es eine spezielle habsburgische Verwaltung gab. Sie vertrat habsburgische Interessen, die nicht im Sinne Metternichs und der böhmischen Stände waren. Da kommt man auf die Geschichte von Metternich und Kolowrat, der sein internern Gegner war und eigentlich auch zu den böhmischen Ständen gehörte. Das ist eine besondere Frage, die auch noch weiter erforscht werden müsste.“
Können Sie zum Schluss vielleicht zu Ihrer Arbeit an dem Buch eine persönliche Erinnerung erwähnen? Das Prager Nationalarchiv spielte eine wichtige Rolle.
„Ich bin ein Jahr im Prager Nationalarchiv geblieben.“
„Ja, es hat mir in gewisser Weise die Tür geöffnet. Eine besondere Erinnerung ist, als mich der Archivmitarbeiter Herr Kahuda, der für den Metternich-Nachlass zuständig ist, fragte, ob ich einmal das Innere des Archivs sehen wolle. Es ist nicht üblich, dass man da zugelassen wird. Er hat mich mit hineingenommen, und dann sah ich eine ganze Wand voll, also 400 Boxen mit Quellen und Archivalien: das Metternichsche Familienarchiv. Das war mir in dieser Größe nicht bekannt. Dann fragte ich, ob ich das auch benutzen kann. Herr Kahuda sagte: ‚Ja, wenn Sie ein Jahr da bleiben‘. Und dann bin ich also aus Bayern jeden Montag, manchmal auch am Sonntag hergefahren und dann freitags wieder zurück. Ich bin tatsächlich ein Jahr geblieben.“







