Nach 70 Jahren: Wertvolle Enzyklopädie aus Metternichs Bibliothek zurück auf Schloss Kynžvart

Joseph von Hammer-Purgstall: „Die Geschichte der Assassinen aus morgenländischen Quellen“

Das westböhmische Schloss Kynžvart / Königswart diente dem österreichischen Kanzler Klemens Wenzel Metternich als Sommersitz. In der Residenz werden nicht nur Metternichs Kunstsammlungen, sondern auch die wertvolle Bibliothek des Kanzlers aufbewahrt. Nach mehreren Jahrzehnten hat die Schlossverwaltung eine Enzyklopädie zurückerhalten, die als verschwunden galt.

Schloss Kynžvart | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Das klassizistische Schloss Kynžvart befindet sich im westböhmischen Bäderdreieck. Die Besucher können sich für einen der vier Rundgänge entscheiden, die durch die Residenz sowie den großen Schlosspark führen. Bei einem der Rundgänge wird auch eine der größten Adelsbibliotheken gezeigt, die sich auf dem Gebiet Tschechiens befinden. Gegründet wurde sie vom berühmtesten Besitzer des Herrschaftsguts Kynžvart, dem österreichischen Kanzler Metternich. „Die Geschichte der Assassinen aus morgenländischen Quellen“ heißt die Enzyklopädie, die erst seit kurzem wieder Bestandteil der Bibliothek ist. Sie ist ein Werk des österreichischen Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall von 1818. Ondřej Cink ist Kastellan des Schlosses. Er beschreibt die Rückkehr des wertvollen Werks nach Kynžvart.

„Den ersten Impuls dazu gab ein Privatforscher. Er kam nach Kynžvart, um historische Dokumente zu studieren. Besonders interessierte ihn die Enzyklopädie von Hammer-Purgstall. Leider stellte sich heraus, dass sie in der Bibliothek fehlt. Schon 1953, als das erste präzise Verzeichnis der Bücher nach Kriegsende zusammengestellt wurde, galt das Werk als vermisst. Nach dem Besuch vergingen zwei Jahre, und der Forscher meldete sich erneut bei uns. Im März dieses Jahres informierte er uns, dass sich die verschollene Enzyklopädie im Katalog eines Antiquariats in München finden lasse.“

Schlossbibliothek | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Die meisten Bücher auf dem Schloss tragen dem Kastellan zufolge einen Stempel, auf dem das Wappen der Familie Metternich zu sehen ist. Eine Signatur im Buch ordnet dieses zudem der entsprechenden Bibliothek und sogar einem konkreten Regal dort zu. Genau das wurde dann bei dem Fundstück geprüft.

„Dabei bestätigte sich, dass es sich wirklich um die Enzyklopädie handelt, die verschollen galt. Nachdem uns der Forscher darauf aufmerksam gemacht hatte, begannen wir mit dem Antiquariat zu verhandeln. Wir verfügen jedoch nicht über ausreichend Geld, um solch ein Buch zu kaufen. Darum haben wir uns an das Kulturministerium gewandt. Dieses ist Träger des Nationalen Denkmalschutzinstituts, das das Schloss verwaltet. In der Zwischenzeit wurde ein Gutachten ausgearbeitet. Letztlich gewährte uns das Ministerium die finanziellen Mittel für den Erwerb des Buchs.“

Joseph von Hammer-Purgstall: „Die Geschichte der Assassinen aus morgenländischen Quellen“ | Foto:  Schloss Kynžvart

Historische Schriften, Graphiken, Münzen

Die Sammlungen in Kynžvart sind ausgesprochen umfangreich. Dazu gehören aber nicht nur historische Schriften. Ondřej Cink:

Ondřej Cink | Foto: Naďa Krásná,  Tschechischer Rundfunk

„Viele Kunstwerke werden bei uns auf dem Schloss aufbewahrt. Wir haben beispielsweise große Sammlungen von Münzen und Graphiken. Kynžvart ist auch für Wissenschaftler interessant. Diese besuchen vor allem die historischen Bibliotheken. Forscher aus der ganzen Welt kommen zu uns. Manche suchen hier nur nach ergänzenden Informationen. Viele beantragen aber auch, dass ihnen ein historischer Fonds zugänglich gemacht wird.“

Zu den Forschern gehören nicht nur Historiker, sondern auch Geographen, Botaniker, Astronomen und Mediziner.

Schlossbibliothek | Foto: Jana Strejčková,  Tschechischer Rundfunk

Insgesamt gibt es in den Schlosssammlungen rund 45.000 Bücher. Am größten sei die Bibliothek des Kanzlers, erzählt Cink.

„Dorthin gehört auch das Buch von Hammer-Purgstall. In der Metternich-Bibliothek finden sich Schriften in verschiedenen Sprachen. Am häufigsten sind sie auf Deutsch, Englisch und Latein. Es gibt aber auch Bücher in Ungarisch und sogar in Tamilisch.“

Der passionierte Leser Metternich

Das wertvollste Buch auf Kynžvart stammt aus der Klosterbibliothek in Ochsenhausen. Das oberschwäbische Stift war Anfang des 19. Jahrhunderts im Rahmen der Säkularisierung aufgelöst worden. Der Vater von Metternich erhielt darauf das Kloster vom Kaiser als Entschädigung für seine verlorenen Besitzungen im Rheinland. 1825 verkaufte der Kanzler die Besitzungen in Ochsenhausen und brachte viele wertvolle Handschriften und Drucke in seine neue Bibliothek auf Schloss Kynžvart. Diese erweiterte er sein ganzes Leben lang.

Joseph von Hammer-Purgstall: „Die Geschichte der Assassinen aus morgenländischen Quellen“

„Er war ein hochgebildeter Mensch und bekannt dafür, einfach alles zu lesen – von Pamphleten über Statistiken bis zu Romanen. Metternich hatte ein glänzendes Gedächtnis, und oft konnte er bei gesellschaftlichen Anlässen die anderen mit der Breite seines Wissens und seiner Übersicht tief beeindrucken. Während seiner Zeit in der hohen Politik spielte die Frage des Nahen Osten eine wichtige Rolle. Das Machtzentrum des Nahen Ostens war damals das Osmanische Reich, und dessen Beziehungen zu Europa waren Bestandteil von Metternichs Arbeit. Er interessierte sich stark für die Geschichte der ganzen Region. Dazu gehörte auch das nun wiedergefundene Werk über die Assassinen.“

Die Hauptsaison auf den tschechischen Burgen und Schlössern ist im Oktober zu Ende gegangen. Auch in diesem Jahr war sie stark beeinflusst von der Corona-Pandemie. Das gilt ebenso für Kynžvart. Der Kastellan:

Schloss Kynžvart | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Erst im Juni durften wir das Schloss wieder für Besucher öffnen. Im Sommer kamen viele Touristen, aber die Corona-Maßnahmen haben sich negativ auf die Besucherzahlen ausgewirkt. In den ersten Wochen durften höchstens neun Menschen innerhalb einer Besuchergruppe an den Führungen teilnehmen. Und sie mussten die ganze Zeit eine Maske tragen. Dies führte dazu, dass sich ein Teil der Besucher lieber den Schlosspark als das Innere der Residenz angeschaut hat. Die Besucherzahlen sind im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit um etwa 25 Prozent gesunken. Vor allem kommen praktisch keine Reisegruppen aus Deutschland. In diesem Jahr haben rund 31.000 Menschen das Schloss besucht. Das waren ähnlich wenige wie im Vorjahr. Vor der Corona-Pandemie haben immer rund 45.000 Besucher im Jahr den Weg nach Kynžvart gefunden.“

Zwar ist die Hauptsaison auf Schloss Kynžvart bereits zu Ende. Bis Mitte Dezember bietet die Schlossverwaltung aber weiter dienstags und donnerstags um 13 Uhr und um 15 Uhr Führungen an. Außerdem können laut dem Kastellan fast zu jeder Zeit auch für angemeldete Gruppen Führungen organisiert werden. Zudem ist ein Adventskonzert geplant.

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