65 Jahre Radio Prag

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1936 - das ist das Jahr, in dem in Berlin die Sommerolympiade stattfand, in dem Italien Abessinien besetzte, in Spanien der Bürgerkrieg ausbrach, in Prag Vaclav Havel das Licht der Welt erblickte und die Auslandssendungen des Tschechoslowakischen Rundfunks erstmals auf Sendung gingen. Im heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte wirft Katrin Bock einen Blick auf die bewegte Geschichte von Radio Prag.

Die offizielle Geschichte der Rundfunksendungen für das Ausland aus Prag begann am 31. August 1936. Das soll aber nicht heissen, dass nicht schon früher im Ausland tschechische Sender zu empfangen gewesen wären. Bereits 1924 sendete die Rundfunkgesellschaft Radiojournal aus Prag auf Mittelwelle ein Musikprogramm mit Ansagen auf Englisch und Esperanto. Der Prager Sender experimentierte in den folgenden Jahren mit Sendungen für das Ausland, die bis in den USA zu hören waren. Zudem wurden immer wieder fremdsprachige Sendungen in das Programm aufgenommen, die über die Tschechoslowakei informieren sollten. Die politischen Ereignisse der 30er Jahre, insbesondere im benachbarten Deutschland, wirkten sich auf die Rundfunkpolitik der Tschechoslowakei aus. 1934 beschloss man den Bau eines Spezialsenders für Kurzwellenprogramme, zwei Jahre später wurde mit dem Probebetrieb begonnen. In der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1936 liefen erste Versuchsendungen mit fremdsprachigen Ansagen.

Am 31. August 1936 begann dann die offizielle Existenz der Auslandssendungen des tschechoslowakischen Rundfunks. Die Ansagen erfolgten dabei stets live. Im ersten Jahr seiner Existenz war Radio Prag 769 Stunden auf Sendung, dass heisst täglich rund 6 Stunden. Gesendet wurde in Tschechisch, Slowakisch, Deutsch, Englisch, Französisch und gelegentlich Russisch. Zudem gab es Sendungen in Esperanto. Die Sendungen waren für Hörer in Europa bestimmt, ausserdem gab es Blöcke für Empfänger in Amerika und dem Orient.

In der deutschen Redaktion von Radio Prag arbeiteten damals auch Emigranten aus dem Deutschen Reich. Der wohl bekannteste Mitarbeiter jener Zeit ist Thomas Mann, der nach seiner Emigration die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft erhalten hatte. Es ist daher nicht überraschend, dass in den Programmen der tschechoslowakischen Auslandssendungen wiederholt Friedensappelle zu hören waren. So wurden Weihnachten 1937 über den Žther Friedensbotschaften ausgetauscht. Der tschechische Schriftsteller Karel Capek sandte am Heiligen Abend an den indischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Rabindranath Thakur eine Friedensbotschaft.

Der indische Nobelpreisträger reagierte auf die Worte aus Prag mit einem Telegramm. Eine weitere Friedensbotschaft wurde an jenen Weihnachten zwischen Prag und den USA ausgetauscht. Der tschechische Erfinder Frantisek Krizik grösste auf diesem Weg Albert Einstein. Wegen eines Sturmes über dem Atlantik war die Antwort in Prag nicht zu verstehen, deshalb telegraphierte Einstein seine Botschaft nach Prag, wo sie dann im Rundfunk verlesen wurde:

"Der weihnachtliche Gruss, den ich aus Prag erhalten habe, richtet sich wirklich an alle diejenigen, denen in dieser Zeit der Verwirrungen der Erhalt der geistigen Werte am Herzen liegt. Sie alle wissen, dass die Tschechoslowakei unter schwierigsten Bedingungen die politischen Freiheiten und Menschenrechte verteidigt und beschätzt, ohne die sich das geistige Leben nicht entfalten könnte."

Die über Kontinente verschickten Friedensbotschaften konnten die Entwicklung in Europa nicht beeinflussen. Die Lage für die Tschechoslowakei wurde immer bedrohlicher, Hitler sprach immer offener von einer Heimkehr der Sudetendeutschen in das Deutsche Reich. Im Sommer und Herbst 1938 berichteten die Prager Auslandssendungen fast rund um die Uhr über die wachsenden Spannungen zwischen Prag und Berlin. Damals arbeitete der kürzlich verstorbene kanadische Historiker Gordon Skilling für die englische Redaktion. Zu jener Zeit arbeitete Skilling in Prag an seiner Doktorarbeit über die tschechisch-deutschen Beziehungen im 19. Jahrhundert.

"Ich hatte das Glück, dass ich vom Radiojurnal angestellt wurde, das in Englisch nach Nordamerika sendete. Das war zur Zeit der Münchner Krise. Damals habe ich Nachrichtenprogramme vorbereitet, die auf Grundlage von tschechischen Berichten und Zeitungen entstanden. Wir haben ziemlich regelmässig gesendet. Damals stand Prag im Zentrum des Weltinteresses und ich glaube es war das erste Mal, dass so viele Rundfunkjournalisten in eine Stadt kamen, um über ein politisches Ereignis zu berichten."

In jenen Tagen erweiterte Radio Prag seine Sendungen, es wurde fast rund um die Uhr gesendet, bis zu 100 Nachrichtensendungen in über 10 Sprachen waren aus Prag im Ausland zu hören. Weder die Prager Regierung, geschweige denn die Radiosendungen konnten die in München getroffenen Entscheidungen beeinflussen: die Tschechoslowakei wurde gezwungen, die überwiegend von Deutschen bewohnten Grenzgebiete an das Deutsche Reich abzutreten.

"Ich erinnere mich, wie nach dem Münchner Abkommen mein Chef im Rundfunk so wütend war, dass er seinen französischen Verdienstorden Legion d`honour in die Moldau warf - und ich glaube, er war nicht der einzige."

Auch nach dem Anschluss der überwiegend von Deutschen bewohnten Grenzgebiete, sendete Radio Prag weiter - bis zum 15. März 1939

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen nach Böhmen und Mähren hörte die Tschechoslowakei für sechs Jahre auf zu existieren - und mir ihr Radio Prag. Während des Krieges wurden lediglich propagandistische Sendungen für Auslandstschechen gesendet.

Aus dem Gebäude des tschechischen Rundfunks in der Vinohradska 12 wurde am 6. Mai 1945 dieser Aufruf an alliierte Truppen auf Englisch gesendet, mit der Bitte um Hilfe für die Aufständischen in Prag. Kurze Zeit später, nach der Befreiung des Landes, wurden in jenem Geb„ude wieder die regelmässigen Sendungen des tschechoslowakischen Rundfunks für das Ausland aufgenommen. Zu Beginn hatte man mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen: es fehlte an Technik, aber auch an Mitarbeitern mit den nötigen Fremdsprachenkenntnissen. Zun„chst wurde für die östlichen Nachbarländer gesendet, für die Verbündeten im Kampf gegen Nazi-Deutschland sendete man auf russisch, rumänisch, bulgarisch, serbisch und ungarisch, bis 1948 auch auf sorbisch. Daneben wurden wieder die Sendung in tschecisch und slowakisch für Auslandstschechen bzw. -slowaken aufgenommen, sowie die englischen und französischen Sendungen. Deutsch sendete man zunächst nur in die Schweiz, ab 1947 auch nach Osterreich, erst 1948 sprach man wieder Hörer in Deutschland an. 1947 begann Lotte Fürnberg für Radio Prag zu arbeiten. Die gebürtige Pragerin war zuvor aus ihrem Exil zurückgekehrt:

"Wir bekamen aus dem Monitor sehr lange Nachrichten, und haben uns ausgesucht, was uns gefallen hat, oder was wir für wichtig und interessant hielten und haben von da Nachrichten und Komentare gesendet. Wir hatten immer eine Viertel Stunde Zeit für die Sendungen jeden Abend."

In den Programmen wurde über die innenpolitische Entwicklung berichtet, man reagierte aber auch auf internationale Ereignisse und aktuelle Themem wie den Marshall-Plan oder die Entmilitarisierung und Entnazifizierung Deutschands. Zudem erfüllte Radio Prag in den Nachkriegswirren eine wichtige Aufgabe, dazu Lotte Fürnberg:

"Zum Beispiel haben wir auch Suchaktionen gemacht. Es waren ja sehr viele Familien auseinandergerissen durch den Krieg und da bekamen wir Namenslisten und haben Suchaktionen nach Menschen, die irgendwie verschleppt oder durch den Krieg für Verwandte verschollen waren,... die haben wir auch durchgeführt."

In den ersten Nachkriegsjahren war Radio Prag die Stimme eines demokratischen Landes, das seinen Platz zwischen OSt und West suchte. Dies änderte sich im Februar 1948. Die Machtergreifung der Kommunisten in Prag wirkte sich unmittelbar auch auf die Auslandssendungen aus. Vorbei war es mit Pressefreiheit und unabhängiger Berichterstattung. Fortan stand Radio Prag in den Diensten der neuen Ideologie.

Doch dazu mehr im nächsten Kapitel aus der tschechischen Geschichte in zwei Wochen. Auf Wiederhören für heute sagt Katrin Bock.