Abreißen oder nicht? Streit um Erhalt der historischen Vyšehrad-Eisenbahnbrücke in Prag

Blick vom Vyšehrad auf Prag und die Moldau

Seit über 120 Jahren schon führt die Eisenbahnbrücke unterhalb des Prager Vyšehrad über die Moldau. Sie ist aber nicht nur in die Jahre gekommen, sondern der Stahl mittlerweile auch so stark angefressen, dass die Eisenbahnverwaltung den Bau abreißen lassen möchte. Denkmalschützer und engagierte Bürger sind allerdings entsetzt – ihrer Meinung nach lässt sich die Brücke erhalten. Die Entscheidung liegt bei den Politikern, vor allem beim Verkehrsminister.

Eisenbahnbrücke über die Moldau | Foto: René Volfík,  iROZHLAS.cz

Täglich fahren bis zu 288 Züge über die Eisenbahnbrücke am Prager Vyšehrad. Auch zum Beispiel der sogenannte Alex in beziehungsweise aus Richtung München muss über den historischen Stahlbau, der denkmalgeschützt ist. Weil das Material aber korrodiert, warnt die Eisenbahnverwaltung (Správa železnic) vor dem sich beschleunigenden Verfall der Brücke:

„Die Stahlkonstruktion ist aufgrund der steigenden Belastung durch den Bahnverkehr an den Rand ihrer Lebensdauer geraten. Ein weiterer Aspekt ist die Art des Stahls, aus dem die Brücke gebaut wurde. Dieses hat sich mittlerweile als sehr ungeeignet für eine solche Konstruktion herausgestellt“, schildert der Sprecher der Eisenbahnverwaltung, Dušan Gavenda.

Das Staatsunternehmen, das für den Erhalt der Bahninfrastruktur verantwortlich ist, hat zu dem Bauwerk mehrere Gutachten anfertigen lassen. Deswegen wird die Tragfähigkeit auch dauerhaft mit Sensoren überwacht. Da aber nicht vom einen auf den anderen Tag eine Alternative bereitsteht, wurde der Verkehr auf der Brücke eingeschränkt. So fahren seit Mitte Februar keine Güterzüge mehr über das Viadukt, und die Höchstgeschwindigkeit wurde auf 40 Stundenkilometer reduziert. Mit Jahresbeginn 2024 sollen dann weitere Beschränkungen in Kraft treten.

Eisenbahnbrücke | Foto: Radio Prague International

Die Eisenbahnverwaltung ruft zudem dazu auf, möglichst schnell über eine Lösung zu entscheiden. Diese könne aus ihrer Sicht nur ein Teilabriss der historischen Brücke sein. Jiří Svoboda ist Generaldirektor des Unternehmens:

„Man muss sagen, dass sich die Brücke schon seit 20 Jahren im Modus des Ausdienens befindet. Heute sind bereits mehr als 75 Prozent der Brücke degradiert. Selbst wenn man eine Reparatur versuchen würde, lägen die Kosten jenseits derer für eine neue Brücke.“

Initiative gegen den Abriss

Die Eisenbahnbrücke in ihrer jetzigen Form mit zwei Gleisen wurde 1901 errichtet. Den eingleisigen Vorläufer von 1872 musste man schon bald ersetzen, weil der Bahnverkehr enorm zugenommen hatte. Die 261 Meter lange Überbrückung der Moldau steht seit 2004 unter Denkmalschutz. Allerdings wurde seitdem die Pflege des Bauwerks vernachlässigt, so kam etwa kein neuer Korrosionsschutzanstrich hinzu. Im Frühjahr 2018 erschien dann eine erste Studie, die einen Abriss empfahl. Im November desselben Jahres kam das Klockner-Institut an der Technischen Hochschule in Prag in einer Analyse für das Denkmalschutzamt zum Schluss, dass die Brücke praktisch nicht mehr zu retten sei.

Der Lehrer und Grünen-Politiker Pavel Štorch war einer jener, die dieses Todesurteil nicht hinnehmen wollten:

„Ich habe nach allen vergleichbaren Eisenbahnbrücken in Europa und der Welt recherchiert. Dabei fand ich heraus, dass es nur wenige gibt, sie aber saniert werden. Als ich dann weiter nach Experten geforscht habe, die den Betrieb auf solchen Brücken ermöglichen, bin ich auf Professor Brühwiler in Lausanne gestoßen.“

Štorch nahm Kontakt auf zu dem Experten aus der Schweiz. Auf diese Weise kam es zu einer weiteren Studie…

„Ich wurde 2019 vom Klockner-Institut hier in Prag beauftragt, eine Expertise zur Brücke zu machen. Es ging insbesondere um die Frage, ob sie im Hinblick auf den künftigen Verkehr erhalten werden kann. Meine Folgerung war klar: Ja, das ist möglich. Und die Brücke braucht dringend einen Eingriff, um sie zu erhalten, weil sie wirklich in einem sehr schlechten Zustand ist“, erläuterte Eugen Brühwiler, Professor für Bauwerkserhaltung an der ETH Lausanne in der Schweiz, gegenüber Radio Prag International.

Bei der Bahn ließ man sich von dieser Möglichkeit jedoch nicht überzeugen. Das Denkmalschutzamt und der Prager Magistrat sprachen sich aber für den Erhalt des Bauwerks aus. Um aus der Patt-Situation herauszukommen, schrieb die Eisenbahnverwaltung einen Architekturwettbewerb aus, der auch die Umgestaltung der Ufer auf beiden Seiten der Moldau miteinschloss. Die eingesetzte Jury kürte im Dezember vergangenen Jahres den Beitrag des Architekturbüros 2T Engineering zum Sieger. In diesem ist ein Brückenneubau projektiert, der den Betrieb von drei Gleisen ermöglicht und zugleich die Silhouette des alten Baus nachempfindet. Aber ansonsten schlagen die Architekten ein modernes Design vor. Die Eisenbahnverwaltung betont des Weiteren, dass auch der Denkmalschutz berücksichtigt sei:

„Die bestehende Brücke wird nicht nur durch die Stahlkonstruktionen zwischen den drei Pfeilern gebildet, sondern auch durch die Pfeiler selbst, also den steinernen Unterbau. Dieser besteht im Prinzip aus sechs Teil-Brücken, die ein Ganzes bilden. Und dieses Gesamtbauwerk ist seit 2004 denkmalgeschützt. Die Auflagen lauten, dass wir einen bedeutenden Teil der Brücke erhalten. Und der vorliegende Entwurf sieht vor, den gesamten Unterbau zu nutzen, aber die Stahlkonstruktion wegen ihres schlechten Zustandes auszutauschen“, so der Leiter des Bereiches zur Bauvorbereitung bei der Eisenbahnverwaltung, Pavel Paidar, in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks.

Visualisierung der neuen Brücke | Foto: Správa železnic

Auf den siegreichen Entwurf eines Brückenneubaus und diese Interpretation des Denkmalschutzes folgte jedoch ein Aufschrei in der Öffentlichkeit. Der Präsident des tschechischen Komitees beim Internationalen Rat für Denkmalpflege, Václav Girsa, schrieb einen offenen Brief an Verkehrsminister Martin Kupka (Bürgerdemokraten). In diesem warnte er, dass Prag sein Ansehen aufs Spiel setze. 80 teils renommierte tschechische Architekten verfassten ebenfalls ein Schreiben, in dem sie sich für den Erhalt der Vyšehrad-Eisenbahnbrücke aussprachen. Zudem kritisierten sie, dass es in der Ausschreibung nur um die (Zitat) „Akzeptanz einer unwiederbringlichen Entfernung des denkmalgeschützten Objekts“ gegangen sei.

Gegen die Neubau-Pläne sind auch die beiden betroffenen Stadtbezirke, Prag 2 und 5. Zu ihrer Unterstützung gründete der erwähnte Grünen-Politiker Pavel Štorch zusammen mit anderen die Initiative „Nebourat“ (Nicht abreißen). Er weist auf die kunsthistorische Bedeutung des Baus hin.

„Alle vergleichbaren Brücken ähnlicher Größe in Tschechien sind in den vergangenen 20 Jahren abgerissen worden. Das ist also die letzte, die noch steht. Und ich bin überzeugt, dass die Brücke zu einem Aushängeschild Prags werden dürfte, wenn wir den jetzigen kritischen Moment überwinden. Sie wird dann wohl nie abgerissen“, so Štorch.

Die Initiative „Nebourat“ hat zudem eine Petition gestartet zum Erhalt des Baudenkmals. Knapp 14.000 Menschen haben mittlerweile unterschrieben, darunter auch Prominente wie der Schriftsteller Jaroslav Rudiš, der Filmregisseur Jan Hřebejk, der Herzchirurg Jan Pirk oder die Schauspielerin Aňa Geislerová.

Ähnlicher Fall in Chemnitz

Um die Argumente beider Richtungen einzufangen, hat Verkehrsminister Kupka vor zwei Wochen ein Kolloquium mit internationalen Experten veranstaltet. Ebenfalls beteiligt war Eugen Brühwiler. Er sagt:

„Wir haben insbesondere darüber diskutiert, ob und wie man die bestehende Brücke erhalten kann. Und wir haben gefolgert, dass sie erhalten werden kann, aber dringend instandgesetzt werden muss und einen neuen Korrosionsschutzanstrich braucht. Das ist machbar, wahrscheinlich auch zu vernünftigen Kosten.“

Jiří Pospíšil | Foto: René Volfík,  iROZHLAS.cz

Die Kosten sind einer der Faktoren, die über Erhalt oder Abriss entscheiden dürften. Die Eisenbahnverwaltung hält eine Restaurierung der Brücke für deutlich teurer als einen Neubau. Den veranschlagt sie mit rund zwei Milliarden Kronen (85 Millionen Euro). Aber der neue Prager Kulturbürgermeister Jiří Pospíšil (Spolu) zum Beispiel hat sich vor kurzem in einem Interview für die Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks auf folgende Weise geäußert:

„Wir sollten versuchen, die Brücke zu bewahren, wenn es nur irgend geht. Und das auch, wenn die Kosten um ein Viertel oder ein Drittel höher liegen als ein Neubau. Ich denke, moderne und entwickelte Gesellschaften sollten ihr Kulturerbe auch zum Preis höherer Kosten schützen. Falls diese Variante möglich ist, werde ich versuchen, in diesem Sinn für die Stadt Prag aufzutreten.“

Die Eisenbahnverwaltung argumentiert aber auch mit der künftigen Verkehrsentwicklung. So sollen 2035 täglich bis zu 400 Züge die Brücke passieren. Deswegen drängt man auf einen Ausbau auf drei Gleise. Den Gegnern des Abrisses der bestehenden Brücke schwebt hingegen ein Konzept vor aus vorübergehender Behelfsbrücke und künftigem Tunnelbau.

„Das ideale weitere Vorgehen beruht aus meiner Sicht darin, die wirtschaftlichste Variante der Experten zur Ausbesserung der bestehenden Konstruktion zu berücksichtigen und eine provisorische Brücke hinzuzubauen, die 20 bis 25 Jahre lang stehen würde. Bis dahin könnten dann die Tunnels unter der Moldau entstehen, die für die Hochgeschwindigkeitsstrecke aus der Richtung Pilsen geplant sind“, sagt Pavel Štorch.

Die Eisenbahnverwaltung hat mittlerweile die Ergebnisse des Kolloquiums zusammengefasst und Verkehrsminister Kupka am Montag vorgelegt. Demnach haben sieben der zehn Teilnehmer der Expertenzusammenkunft gesagt, dass eine Ausbesserung der bestehenden Brücke technisch und finanziell aufwendig sei, diese die Lebensdauer des Baus nur beschränkt verlängere und zugleich hohe Instandhaltungskosten anfielen. Auch wenn das Kolloquium allen Aussagen nach in fachlicher Atmosphäre abgelaufen sein soll, bleibt der Fall selbst zugspitzt. Fachmann Eugen Brühwiler sagt, in der Schweiz noch nie so etwas erlebt zu haben – aber in Deutschland:

„Es ging um das Bahnviadukt in Chemnitz. Ich war Hintergrund daran beteiligt, die Qualität der bestehenden Brückenkonstruktion – auch eine genietete Stahlbrücke – zu beurteilen. Zusammen mit einem deutschen Kollegen, Professor Werner Lorenz von der TU in Cottbus, habe ich den Bau vor Ort untersucht. Diese Brücke in Chemnitz wird momentan instandgesetzt und verstärkt. Das war nur möglich aufgrund des Drucks einer Bürgerinitiative, die sich damals gebildet hatte.“

Das Schicksal der Brücke in Prag hängt nun am Urteil des Verkehrsministers. Martin Kupka kündigte an, bis Ende des Jahres eine Entscheidung zu treffen.

Eisenbahnbrücke zwischen Výtoň und Smíchov | Foto: Barbora Němcová,  Radio Prague International
Autor: Till Janzer
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