Alle Jahre wieder: Prager Kino Aero schwört an Heiligabend auf „Das Leben des Brian“
Für viele Menschen ist Weihnachten erst perfekt, wenn sie auch die richtigen Filme zum Fest sehen. Das mögen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und die „Sissi“-Reihe sein oder Actionklassiker wie „Stirb langsam“ und „Kevin – Allein zu Haus“. In Prag geht eine Reihe treuer Fans am späteren Abend des 24. Dezember ins Kino Aero, um bei Eierlikör und Plätzchen „Das Leben des Brian“ zu schauen. Und anstatt von „Stille Nacht“ in der Kirche wird dort im Kinosaal gemeinsam „Always Look on the Bright Side of Life“ angestimmt.
Es ist ein Klassiker der Kinematografie – und eine etwas andere Erzählung der Weihnachtsgeschichte. Brian kommt in Bethlehem zur gleichen Zeit wie Jesus zur Welt, leistet Widerstand gegen die römischen Besatzer und wird später gegen seinen Willen als Messias verehrt. Das britische Komikerkollektiv Monty Python habe 1979 einen unglaublich lustigen Film gedreht, findet Jiří Flígl, Direktor des Prager Kinos Aero:
„Es besteht wirklich schon einige Dekaden lang die Tradition, dass bei uns an Heiligabend ‚Das Leben des Brian‘ gezeigt wird – und das bei freiem Eintritt. Das ist eine richtig tolle Veranstaltung, die zwar ein bisschen häretisch ist, aber doch voller Geselligkeit.“
Flígl ist für das Programm im Kino Aero zuständig. Das Studiokino im Prager Stadtteil Žižkov hebt sich vom Mainstream ab und setzt laut Selbstdarstellung auf eine individuelle Dramaturgie. Als Neuheiten laufen meist Indie-Produktionen, und zum Portfolio gehören auch zahlreiche Klassiker – so wie etwa „Das Leben des Brian“, der seinen festen Termin am 24. Dezember um 21.30 Uhr hat. In welchem Jahr genau diese Tradition begründet wurde, sei heute nicht mehr ganz klar, sagt Flígl:
„Sie entstand aber sicher in einem der ersten Jahre dessen, was wir die neuzeitliche Geschichte des Aero nennen. Diese begann 1998, als Pavel Rajčan und Petr Vítek die Leitung übernahmen. Sie haben daraus jenes Kultkino gemacht, das es heute ist. Bis dahin war es nur eines von vielen Prager Kinos, das eher seine nähere Umgebung bediente. Damals kamen die Menschen noch nicht aus ganz Prag hierher – dies begann erst mit der Dramaturgie, die diese beiden Männer im Aero eingeführt haben.“
Die Filme und TV-Serien von Monty Python seien in Tschechien natürlich gut bekannt gewesen und hätten schon damals Kultstatus genossen, schildert Flígl. Und so sei nicht nur die Idee entstanden, den Film des sechsköpfigen Ensembles aus Großbritannien ins Programm aufzunehmen...
„Außerdem wurden in Zusammenarbeit mit weiteren Einrichtungen und Einzelpersonen auch einige Mitglieder von Monty Python eingeladen. Terry Jones und Terry Gilliam waren nicht nur einmal, sondern mehrmals in Prag. In unserem befreundeten Kino Světozor gibt es ein Geschäft mit Namen Terryho ponožky (zu Deutsch: Terrys Socken, Anm. d. Red.). Dies geht auf die feierliche Eröffnung mit Terry Gilliam zurück, wobei er sich eine Socke auszog und sie an einer Schaufensterpuppe hinterließ.“
Geselligkeit und ein bisschen Häresie
„Das Leben des Brian“ gerade an Heiligabend vorzuführen, hat schon auch einen provokativen Anklang. Die ernsthaften Diskussionen, ob es sich dabei um eine Verunglimpfung des christlichen Glaubens handelt, gehörten aber der Vergangenheit an, betont Jiří Flígl. Er verweist auf die TV-Debatte, die die Mitglieder von Monty Python persönlich mit Kirchenvertretern geführt haben, als der Film in die Kinos kam. Und weiter sagt der Kinodirektor:
„Ich persönlich denke, es ist eher traurig, wenn das heute noch jemanden aufbringt. Der Film weist ja darauf hin: Wer sich über diesen Humor aufregt, der hat eher ein Problem mit seinem eigenen Glauben und dem Glauben an das, was die Institution dahinter vertritt. Der Streifen macht sich auf keinen Fall lustig über gläubige Menschen. Vielmehr macht er sich einen Spaß aus den ganzen Absurditäten, die die Monty-Python-Gruppe drum herum anhäuft.“
Dennoch, in Deutschland ist es etwa untersagt, „Das Leben des Brian“ an Karfreitag öffentlich zu zeigen. Allerdings betrifft dies noch über 700 weitere Filme, darunter „Heidi“ oder „Police Academy“, die die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft auf den Index für diesen sogenannten stillen Feiertag gesetzt hat. Wegen der Vorführung an Heiligabend vernehme man im Kino Aero hingegen keinerlei Kritik, unterstreicht Flígl. Sowieso gehe es in dem Monty-Python-Klassiker gar nicht um die Geschichte von Jesus Christus...
„Ab und an wird er zwar erwähnt. Aber der Film wirft den Gedanken auf, dass eine ganze Religion einst auf guten Ideen aufgebaut wurde. Durch die Institutionalisierung wurde sie zwar weiterentwickelt. Die Menschen begannen jedoch, dann auch die Politik hineinzuziehen sowie eigene Interessen, seien es die rein persönliche Bereicherung oder Karriereabsichten. Um dies alles geht es in dem Film. Er wertet also keinesfalls die grundlegenden Ideen ab, die gut sind. Aufregen sollten sich die Menschen eher über das, was aktuell in der Welt passiert, besonders in den USA – wenn bestimmte Leute eben diese Überzeugungen in den Mund nehmen und daraus Vorteile vor allem für sich selbst und den eigenen Erfolg ziehen.“
TV-Märchen sind keine Konkurrenz
Was Filme angeht, haben viele Menschen in Tschechien ein festgelegtes Programm an Heiligabend. Sobald Karpfen und Kartoffelsalat verspeist und die anschließende Bescherung absolviert sind, wird in Tausenden von Haushalten das neueste Weihnachtsmärchen geschaut. Seit Jahren präsentiert das öffentlich-rechtliche Tschechischen Fernsehen (ČT) zur Prime Time eine Neuproduktion. Und viele Zuschauer bleiben dann gleich für das Komödiendrama „Pelíšky“ von 1999 dran. Damit wird hierzulande eine ganz ähnliche Tradition gepflegt wie in Deutschland, wo „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ oder auch „Die Feuerzangenbowle“ in zahlreichen Familien untrennbar zu Weihnachten dazugehören.
Aber weder das Fernsehprogramm noch das Überangebot an Filmen auf Streamingplattformen sei für das Kino Aero eine Konkurrenz, hebt Jiří Flígl hervor:
„Menschen, die den 24. Dezember zu Hause vor dem Fernseher verbringen wollen, die tun das halt. Zu uns kommt hingegen eine bestimmte Gruppe an Leuten. Sie haben Spaß an der Idee, an Heiligabend ‚Das Leben des Brian‘ zu schauen anstelle von TV-Märchen oder anderen Klassikern, die man immer auch in anderen Kontexten oder an anderen Orten sehen kann. Und diese Leute kommen also im Idealfall direkt ins Aero – denn der Film könnte ja auch zu Hause laufen, sei es auf DVD oder Blue-ray.“
Dafür, dass die Geschichte von Brian alle Jahre wieder auf der Leinwand in Žižkov gezeigt werden kann, sind regelmäßige Verhandlungen mit den Verleihern nötig. Diese hätten über die Jahre durchaus gewechselt, berichtet Flígl. In den letzten Jahren lägen die Rechte jedoch stabil bei einer Firma, mit der gute Kontakte bestünden, ist der Direktor zufrieden:
„Wir sind das einzige Kino in Prag, das den Film zu diesem Termin zeigt. Parallel dazu läuft er auch im Bio Central in Hradec Králové. Das ist eines unserer befreundeten Kinos, für das wir die Lizenz gleich mitaushandeln.“
Sollte es irgendwann einmal Probleme mit den Rechten geben, dann wäre dies der einzige Grund für ein Ende der Weihnachtstradition im Kino Aero, ergänzt Flígl. Da dies aber nicht zu erwarten sei, gebe es auch keinerlei Überlegungen, zur Abwechslung vielleicht einmal einen anderen Film an Heiligabend zu zeigen.
Und das Publikum gibt dem Dramaturgen Recht. Der Saal, der insgesamt 320 Plätze bietet, sei in den letzten Jahren am 24. Dezember immer so gut wie voll, berichtet Flígl. Traditionell begrüße er das Publikum persönlich, und darum wisse er, dass einige treue Besucher tatsächlich jedes Jahr dabei sind. Ab und zu komme es allerdings auch vor, dass sich jemand auf die Frage melde, wer „Das Leben des Brian“ zum ersten Mal überhaupt sehe, sagt Flígl und fügt hinzu:
„Es handelt sich wirklich um eine alljährliche Tradition, und darum geht es ja auch bei Weihnachten. Unterschiedliche Menschen haben dafür unterschiedliche Rituale, und es ist völlig in Ordnung, dass es eine ganze Reihe an Traditionen gibt. Darum kann jeder diesen Abend so gestalten, wie es ihm zusagt. Uns sagt eben dieses Programm zu, und darum wollen wir damit auch weitermachen.“
Geschenk für das Publikum
Indem es den britischen Filmklassiker kostenlos zeigt, macht das Aero-Team seinem Publikum ein Weihnachtsgeschenk. Und das gilt auch umgekehrt…
„Es ist immer schön, dass einige treue Besucher auch uns einige Geschenke mitbringen. So haben manche etwa Weihnachtsplätzchen dabei. Zudem ist es Tradition, dass wir Eierlikör ausschenken, den unser Kollege Franta Topinka beisteuert. Dadurch ist das Ganze ein Erlebnis, das zusammenschweißt und den Geist dieser Feiertage ehrt – wenn auch außerhalb jener Doktrin, die ihnen bestimmte Konfessionen zuordnen.“
Ein alternatives und ein konfessionelles Programm an Heiligabend – das schließt sich allerdings nicht unbedingt aus. Denn der Kinodirektor weiß auch zu berichten, dass manche Zuschauer direkt nach der Vorstellung von „Das Leben des Brian“ zur Mitternachtsmesse in die Kirche gehen. Ob gläubig oder atheistisch – alle Kinobesucher einige an Heiligabend die gute Laune, wenn gemeinsam zu den Gags von Monty Python gelacht werde, fasst Jiří Flígl zusammen:
„Ich nutze dafür gerne das Wort Verbundenheit. Sie ist genau das, worum es bei dieser Vorführung geht. Und wenn am Ende das ganze Kino das Abschlusslied singt, ist das eines der besten Dinge, die man an Weihnachten erleben kann.“
Verbunden
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