Auf den Spuren der literarischen Avantgarde: Ein neuer Stadtführer über Prag

Foto: Academia-Verlag

„Praha avantgardní – Avantgardistisches Prag“ – so heißt ein literarischer Stadtführer für die tschechische Hauptstadt, der soeben erschienen ist. Die Autoren begeben sich auf die Spuren von Schriftstellern und Künstlern in der Ersten Republik. Dazu gehören Jaroslav Seifert, Vladislav Vančura oder Vítězslav Nezval, aber auch viele weitaus weniger bekannte Vertreter der Avantgarde.

„Ach, die schönen Abende
wenn die Stadt einer Rose gleicht, einem Schachbrett, einer Violine
oder einem weinenden Mädchen
wir spielten Domino,
schwarz gepunktete Steine, mit den dünnen Mädchen in der Bar,
und betrachteten ihre Knie,
die knochig waren
wie zwei Schädel mit den silbrigen Kronen ihrer Strumpfbänder
im verzweiflungsvollen Reich der Liebe.“

Jaroslav Seifert (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Jaroslav Seifert, der spätere Nobelpreisträger, hat diese Zeilen in den 1920ern verfasst. Er war ein Vertreter des Poetismus, einer genuin tschechoslowakischen Strömung der Avantgarde, die das Leben und die Kunst feierte. Andere Avantgarde-Künstler wollten den politischen Umsturz. Gemein war den verschiedenen Strömungen die Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen. Und – sie alle machten sich ihre Stadt zu eigen. Vor allem im Zentrum, in der Národní třída reihte sich ein Treffpunkt an den nächsten. Einer der Verfasser des Stadtführers ist Karel Piorecký:

„Am Ort des heutigen Albatros-Gebäudes befand sich das Kaffeehaus Union. Gleich gegenüber war das Café Louvré und unweit davon das Palais Metro und das gleichnamige Kaffeehaus, das ebenfalls sehr oft von Avantgarde-Künstlern und Literaten besucht wurde.“

Foto: Archiv Radio Prag
Von diesen drei Kaffeehäusern existiert nur noch das Café Louvré, das Anfang der 1990er wiedereröffnet wurde und nun ein Touristenmagnet ist. Im Palais Metro finden sich dagegen heute eine Fastfood-Kette, ein Schuhgeschäft und ein Auktionshaus. Ein Treffpunkt für Avantgarde-Künstler war auch die „Národní Kavárna“, das Café National, ein paar Meter weiter, das ebenfalls vor einigen Jahren neu eröffnet hat. Karel Piorecký:

„Der dortige Ober in den 1920er Jahren hatte mit der Küche eine Parole vereinbart. Wenn er ‚Devětsil Aquarium‘ rief, dann bedeutete dies, dass die Herren von Devětsil zehn Gläser Wasser bestellt hatten.“

Karel Piorecký (Foto: Archiv der Akademie der Wissenschaften)
Devětsil, zu deutsch Pestwurz – so hieß die bedeutendste avantgardistische Gruppe der damaligen Zeit. Gegründet wurde sie 1920 in Prag, und Vertreter waren neben Jaroslav Seifert zum Beispiel Karel Teige, Toyen und Vítězslav Nezval. Zum erweiterten Kreis gehörten auch deutsche Schriftsteller wie F.C. Weiskopf oder Egon Erwin Kisch. Die deutsche Szene war jedoch traditionell „Am Graben“, Na Přikopě, zu Hause. Die Narodní třída war tschechisch dominiert, weiß die zweite Autorin des Stadtführers, Kateřina Piorecká:

„Die Nationalstraße wurde zu einem tschechischen Korso. Dort trafen sich die Leute, ohne sich überhaupt für ein Treffen zu verabreden. Auch Verleger und Zeitungsredaktionen hatten dort ihren Sitz. Und die Kaffeehäuser auf der Nationalstraße wurden zu Arbeitsplätzen der Redakteure.“

Foto: Academia-Verlag
Die Autoren des Stadtführers befassen sich aber nicht nur mit den geistigen Zentren der Stadt. Auf über 500 Seiten führen sie den Leser auch an „Orte des Wahnsinns“, wie sie es nennen. Dazu zählen etwa die psychiatrische Klinik in Bohnice oder das Pankrác-Gefängnis.

Der Stadtführer „Avantgardní Praha“ von Karel Piorecký und Kateřina Piorecká ist auf Tschechisch im Academia-Verlag erschienen. Er ist illustriert und enthält Karten sowie Vorschläge für literarische Stadtspaziergänge.

Autor: Annette Kraus
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