Auf leisen Pfoten – die Rückkehr der Wildkatze nach Tschechien

Europäische Wildkatze (Foto: Wildkatzen, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Sie sind sehr scheu und brauchen viel Platz in der freien Wildbahn: Wildkatzen haben sich seit einiger Zeit aber wieder in Tschechien angesiedelt. Das behaupten jedenfalls Umweltschützer anhand von Aufnahmen zahlreicher Wildkameras. Nun soll der Bestand der gestreiften Jäger untersucht werden. Dazu wurde ein grenzüberschreitendes Projekt zusammen mit der Slowakei gestartet.

Foto: Archiv des Nationalparks Böhmerwald

Im 17. Jahrhundert gab es sie noch fast überall auf böhmischem Boden. Doch der Lebensraum der Wildkatze schrumpfte immer weiter zusammen, je intensiver Landwirtschaft betrieben wurde. Und der Mensch machte Jagd auf sie, weil ihr Fell beliebt war. Deswegen galt sie hierzulande seit 1952 als ausgestorben. Aber jetzt ist die Wildkatze zurückgekehrt.

Allerdings wissen selbst die Fachleute wenig über die scheuen Jäger. Das soll ein Projekt ändern, an dem Umweltschützer von Hnutí Duha (Friends of the Earth) in Olomouc / Olmütz, Biologen von der tschechischen Akademie der Wissenschaften sowie der slowakische Nationalzoo Bojnice beteiligt sind. Martin Duľa von Hnutí Duha koordiniert das Projekt. Er ist zudem Zoologe an der Mendel-Universität in Brno / Brünn:

Martin Duľa (Foto: Archiv der Mendel-Universität in Brünn)

„Das Vorkommen von Wildkatzen ist für den Böhmerwald bestätigt, für das Duppauer Gebirge sowie im tschechisch-slowakischen Grenzgebiet, konkret im Javorník-Gebirge und den Weißen Karpaten.“

Schnappschüsse von Fotofallen

Dabei ist es noch nicht einmal zehn Jahre her, dass die tag- und nachtaktiven Tiere wieder ins Land zurückgekehrt sind.

„Nachdem die Wildkatze hier verschwunden war, gab es erst 2011 wieder im Böhmerwald erste Zeichen für eine Rückkehr. Dafür waren zwei Faktoren hauptverantwortlich. Populationen auf der anderen Seite der Grenze sind auf natürlichem Weg gewachsen und haben mehr Raum beansprucht. Zudem hat uns die moderne Technik geholfen, ohne sie hätten wir den Trend nicht verfolgen können. Es sind die Wildkameras beziehungsweise Fotofallen, die Bilder von den Wildkatzen geschossen haben. Im Vergleich zu den großen Raubtieren wie dem Luchs, Wolf und Bären erscheint ihre Rückkehr vielleicht nicht so aufregend. Da sie aber sehr versteckt leben und etwas geheimnisvoll sind, würde ich es aber schon als etwas Außergewöhnliches bezeichnen. Die Wildkatze bereichert sicher unsere Fauna und die Biodiversität, und das brauchen wir in der heutigen Zeit“, so Martin Duľa.

Foto: Luc Viatour, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Obwohl Tierschützer also froh sind über das erneute Auftauchen der Wildkatze, fehlen ihnen wichtige Informationen. Deswegen wird das erwähnte Projekt gestartet, zwei Jahre lang soll es im Grenzgebiet zur Slowakei laufen. Schließlich möchte man alles dafür tun, dass sich die hiesigen Populationen der scheuen Tiere auf Dauer stabilisieren. Jarmila Krojerová von der tschechischen Akademie der Wissenschaften forscht zur Biologie von Wirbeltieren:

„Bisher haben wir nur unzusammenhängende Informationen, die wir durch die Wildkameras für größere Raubtiere hierzulande bekommen haben. Denn bisher gab es noch kein Projekt, das sich direkt mit der Wildkatze beschäftigt hat. Wir wollen also herausbekommen, wie viele Wildkatzen sich bei uns überhaupt angesiedelt haben und wie es den Populationen geht. Ebenso interessiert uns die genetische Bandbreite der Populationen. Und wir wollen wissen, wie groß das Problem der Hybridisierung mit der Hauskatze ist.“

In Deutschland zum Beispiel wurde zur Vermischung der Wildkatze mit der Hauskatze bereits geforscht. Dort fand man heraus, dass etwa 3,5 Prozent der Populationen aus solchen Hybrid-Tieren bestehen. Um an die notwendigen Daten heranzukommen, stellen die Wissenschaftler sogenannte Lockstöcke auf. Das planen auch die tschechischen und slowakischen Forscher.

Jarmila Krojerová (Foto: Archiv der tschechischen Akademie der Wissenschaften)

„Man stellt Holzpflöcke auf, die mit Baldrian getränkt sind. Die Wildkatzen mögen den Geruch und reiben sich an den Pflöcken. Dabei hinterlassen sie Haare. Falls es sich um eine Wildkatze handelt, wird ein genetischer Fingerabdruck erstellt. Wir analysieren dabei die DNA im Zellkern, das nennt sich Mikrosatellitenanalyse. Damit können wir Verwandtschaften zwischen den einzelnen Tieren feststellen. Und mit einer Datenbank können wir letztlich die genetische Vielfalt der jeweiligen Populationen bestimmen“, erläutert Jarmila Krojerová.

Für einen weiteren Bereich des Wildkatzen-Projekts wurde eine Zusammenarbeit mit den slowakischen Nachbarn angeknüpft. Martin Duľa von Hnutí Duha.

„Der slowakische Nationalzoo Bojnice verfügt über eine lange Tradition beim Schutz und in der Auswilderung bedrohter Arten. Dazu gehört auch der Luchs, zu dem wir mit dem Zoo bereits zusammenarbeiten und forschen. Deswegen haben wir Bojnice wegen einer möglichen Zusammenarbeit angesprochen, um mehr über die Wildkatze zu erfahren und ihr bei der Rückkehr in die freie Wildbahn zu helfen. Gemeinsam mit dem Zoo planen wir zudem eine Pflegestation für verletzte Wildkatzen. Das wird dann erst die zweite ihrer Art in Europa sein.“

Unterschiede zur Hauskatze

Verbreitungsgebiet der Europäischen Wildkatze (Quelle: BhagyaMani, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Im Übrigen ist es für den Laien auf den ersten Blick gar nicht so leicht, die Wildkatze von einer getigerten Hauskatze zu unterscheiden. Wer aber genauer hinschaue, der erkenne doch einige Abweichungen, meint Martin Duľa:

„Die Wildkatze hat etwa einen dickeren Schwanz, er ist buschig, hat aber ein stumpfes und schwarz gefärbtes Ende. Außerdem hat sie drei bis vier deutliche Streifen auf dem Schwanz und einen deutlichen dunklen Strich auf dem Rücken. Dahingegen ist die Schraffierung nicht so deutlich, die Farben sind verwaschener als bei der Hauskatze.“

Felis silvestris, so der lateinische Name der Europäischen Wildkatze, ist ein Jäger. Und ihr schmeckt eigentlich alles, was auch die Hauskatze bei ihren Streifzügen durch die Natur so jagt…

Foto: Michael Gäbler, Wikimedia Commons, CC BY 3.0

„Ihre Speisekarte ist relativ breit. Sie bevorzugt aber kleine, bodennahe Nagetiere wie etwa Maulwürfe oder Mäuse. Ebenso verschmäht sie aber auch Vögel nicht. Das hängt dann von der Saison und der Vegetationsperiode ab“, so Martin Duľa.

Das Nahrungsangebot ist auch nicht das Problem, das den Tieren zu schaffen macht. Es sei vielmehr der Verlust ihres natürlichen Umfelds, wie der Tierschützer von Hnutí Duha ergänzt:

„Das Hauptproblem für die Wildkatze ist, dass ihre natürlichen Biotope fragmentiert wurden. Dabei reicht das Verbreitungsgebiet eigentlich von den Niederungen bis in Gebirgsgegenden. Am liebsten hat sie aber Laubwälder mit Felsen und umgestürzten Bäumen. Solche Gegenden finden sich vor allem in Nationalparks und Landschaftsschutzgebieten. Die Wildkatze mag keine landwirtschaftlichen Monokulturen und Nadelwälder, sondern solche Biotope, deren Schutz wichtig ist.“