Ausstellung "Die Mitte Europas um das Jahr 1000"

Helm des Hl. Wenzel

Verehrte Hörerinnen und Hörer, vor etwas weniger als einem Monat ging in Prag unter dem Titel "Die Mitte Europas um das Jahr 1000" eine viel beachtete Ausstellung zu Ende. Mehr darüber erfahren Sie nun im folgenden von unserem freien Mitarbeiter Robert Schuster.

Wie es sich in Europa im neunten oder zehnten Jahrhundert, also in der Zeit des frühen Mittelalters lebte, darüber gibt es heute nur äußerst fragmentarische Belege, die meistens auf verschiedenen archäologischen Funden basieren. Nicht alle Regionen des alten Kontinents sind aber, was diese frühe Epoche angeht, gleich stark erforscht. Das trifft auch für Mitteleuropa zu, wo es für Historiker und Archäologen jahrzehntelang fast nicht möglich war grenzüberschreitend zu wirken und die gewonnenen Erkenntnisse auszutauschen. Als erstes Ergebnis der neuen Möglichkeiten, die sich vor 10 Jahren eröffnet haben, kann deshalb die Ausstellung "Die Mitte Europas um das Jahr 1000" bezeichnet werden, an der Forscher aus fünf mitteleuropäischen Ländern beteiligt waren. Die Ausstellung war zunächst in Budapest, Berlin und Mannheim zu sehen. Seit Mitte März war sie auf der Prager Burg aufgebaut und sie wurde mittlerweile in ihre nächste Station, die slowakische Hauptstadt Bratislava überführt. Die letzte Station auf ihrer Reise durch Mitteleuropa ist die polnische Stadt Posen.

Radio Prag fragte im folgenden einen ihrer Mitinitiatoren auf tschechischer Seite, Petr Sommer vom Archäologischen Institut der Akademie der Wissenschaften, wie eigentlich die Idee für die Ausstellung entstand und welche Ziele sie verfolgte:

Viel beachtet wurde ja die Ausstellung vor allem in Fachkreisen, wie war aber das Echo der breiten Öffentlichkeit? Archäologe Sommer zieht gerade in Zusammenhang mit der Breitenwirkung der Veranstaltung eine sehr positive Bilanz und zeigt sich über das Interesse der Besucher sehr erfreut, wie er gegenüber Radio Prag erläutert.

Modell eines mittelalterlichen Dorfes (Nitransky Hradok)
In der Epoche des frühen Mittelalters kamen gerade auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik die in Europa einander konkurrierenden Einflüsse der lateinischen und der byzantinischen Kultur besonders stark zum Vorschein und prallten oft aneinander. Während z.B. Böhmen vom deutschen Reich aus christianisiert wurde und somit mehr oder weniger stets zum lateinischen, also westlichen Kulturkreis gehörte, war in Mähren der christliche Glaube von Byzanz aus verbreitet worden. Gerade dieser Umstand veranlasste kürzlich zwei junge Historiker, die ebenfalls an der Ausarbeitung des tschechischen Beitrags zu dieser mitteleuropäischen Ausstellung beteiligt waren dazu, Kritik zu äußern. Ihrer Meinung nach war nämlich die ganze Exposition viel zu einseitig auf den Westen ausgerichtet. So soll etwa der Einfluss jener von den späteren heiligen Kyrill und Method ausgearbeiteten altslawischen Liturgie verdrängt worden seien, ebenso wie z.B. die intensiven Kontakte zwischen den damaligen Bewohnern der böhmischen Länder und den übrigen westslawischen und ostslawischen Völkern fast gar nicht erwähnt worden sein. Es liege also die Vermutung nahe, so die beiden Historiker, dass die Ausstellung gerade im Kontext mit dem angestrebten Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union auch eine verdeckte tagespolitische Bedeutung hat, nämlich einseitig die Bindung der Tschechen ans westliche Europa zu dokumentieren.

Diese Aussage der beiden ruft jedoch beim Archäologen Petr Sommer von der Akademie der Wissenschaften Unverständnis und Verwunderung hervor:

Pergamentblätter von Kijew
Was die diesbezüglichen Kenntnisse der tschechischen Besucher über die geschichtlichen und politischen Zusammenhänge in dieser fernen Zeit angeht, meint der Historiker Petr Sommer, dass diese auf relativ hohem Niveau sind. Das hängt seiner Meinung nach vor allem damit zusammen, dass in den tschechischen Geschichtsbüchern z.B. die ganze Periode der Christianisierung Böhmens und Mährens nicht als etwas längst vergangenes ausgelassen wird. Als Beweis führt er z.B. die Darstellung des Wirkens der beiden späteren heiligen Kyrill und Method an, jenen beiden Brüdern aus des Thessaloniki, die im 9. Jahrhundert, dank ihrer Bibelübersetzung ins Altslawische nicht nur das s.g. Großmährische Reich christianisiert haben, sondern vor allem nachhaltig die dortige Kultur geprägt haben. Archäologe Sommer vergleicht das mit dem Wissensstand anderer europäischer Völker über ihre älteste Geschichte, wie er im folgenden erläutert:

Kreuz von Mikulcice (8. - 9. Jh.)
Abgesehen von der erwähnten Ausstellung stellt sich dorch aber noch eine andere völlig grundlegende Frage: Lassen sich eigentlich auf dem Feld der frühen Geschichte auch heute noch völlig neue Felder entdecken, die bisher absolut unerschlossen waren? Der Archäologe Petr Sommer von der Akademie der Wissenschaften meint dazu abschließend:

Liebe Hörerinnen und Hörer, damit sind wir auch wieder am Ende unserer heutigen Sendung angelangt. Vom Mikrophon verabschiedet sich von Ihnen recht herzlich Robert Schuster.

(Foto: www.evropa1000.cz)