Ballettfamilie Kůra – Tanzbegeisterung in zwei Generationen

Miroslav Kůra (Foto: Archiv von Jana Kůrová)

In diesem Jahr feierte der tschechische Balletttänzer und Choreograf Miroslav Kůra seinen 90. Geburtstag. Sachkenner preisen ihn vor allem für seine Originalität, seine äußere Erscheinung sowie seine unglaubliche Fähigkeit, mit seiner Tanztechnik die Innigkeit der Figuren auszudrücken. Ihm zu Ehren organisierte seine Tochter, die ehemalige Primaballerina, Tanzlehrerin und Choreografin Jana Kůrová, einen Galaabend in der Prager Staatsoper. Im Folgenden ein Zweigenerationenporträt der Ballettfamilie.

Miroslav Kůra (Foto: Archiv von Jana Kůrová)
Miroslav Kůra wurde am 26. Mai 1924 im südmährischen Brno / Brünn geboren. Den ersten Kontakt mit dem Ballett vermittelte ihm sein älterer Bruder Gustav. In Brünn begann der elfjährige Miroslav die Ballettschule des international renommierten Tänzers und Choreographen Ivo Váňa Psota zu besuchen. Fünf Jahre später nahm er ein Engagement als Balletteleve an. Während des Zweiten Weltkriegs musste Kůra im Rahmen der Zwangsarbeit im deutschen Theater im polnischen Katowice und danach in Nürnberg tanzen. Dort kam es zur Begegnung mit dem zwei Jahre jüngeren Erich Walter, der sich später als Tänzer etablierte. Der spätere Ballettdirektor an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf sagte, sein Wunsch, Tänzer zu werden, sei durch Miroslav Kůra inspiriert worden.

Jana Kůrová (Foto: Archiv Radio Prag)
Nach dem Krieg pendelte Kůra eine Zeitlang zwischen verschiedenen Städten in der Tschechoslowakei. Nach seinem Wehrdienst in Bratislava von 1946 bis 1947, wo er auf der Bühne des slowakischen Nationaltheaters brillierte, ging er nach Prag. Damals erlebte das Ballettensemble am Nationaltheater eine künstlerische Blütezeit. Dem Choreographen und seit 1948 auch Ballettdirektor Saša Machov gelang es binnen kurzer Zeit, eine Kompanie von Weltniveau aufzubauen. Unter den Solisten befand sich auch Miroslav Kůra, der gemeinsam mit Machov unter anderem die Rolle des Merkucio in Sergej Prokofjevs „Romeo und Julia“ einstudierte. Seine Weltpremiere hatte das Ballett 1938 am Nationaltheater Brünn, damals noch nach den Regeln der neoklassischen Ästhetik. Diese Prager Aufführung von 1950 soll nach Meinung von Experten Kůras Verständnis der gesamten Inszenierung verändert haben. Das bestätigt auch seine Tochter Jana Kůrová. Als Kind hatte sie gemeinsam mit ihrer Mutter, der erfolgreichen Primaballerina Jarmila Manšingrová, die Prager Premiere von „Romeo und Julia“ besucht:

Miroslav Kůra und Jarmila Manšingrová (Foto: Archiv von Jana Kůrová)
“Es war gewissermaßen ein Wendepunkt in der Karriere meines Vaters. Meine Eltern bevorzugten das klassische Repertoire und waren die ersten, die in der damaligen Tschechoslowakei die Ballette ´Schwanensee´ und ´Giselle´ in der herkömmlichen Choreographie einstudierten. Die Aufführung von ´Romeo und Julia´ am Prager Nationaltheater war allerdings völlig anders. Hiermit schuf mein Vater eine Choreographie, die sehr modern war. Vielleicht zu modern für die damalige Zeit. Die Inszenierung überdauerte 20 Jahre. Großen Erfolg feierte sie zum Beispiel bei Gastauftritten in Italien. Dort rannten Leute auf der Straße den tschechischen Solisten nach, um Autogramme zu ergattern.“

Zdeněk Nejedlý (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Im Jahr 1951, in dem die politischen Prozesse ihren Höhepunkt erreichten, fand im Mai das traditionelle internationale Musikfestival Prager Frühling statt. Eingeladen war auch das sowjetische Ballettpaar Ninel Petrova und Askold Makarov. Miroslav Kůra tanzte eine Szene aus „Romeo und Julia“ und erntete mehr Applaus als die Gäste aus der Sowjetunion. Das Publikum erklatschte sich eine Zugabe. Jana Kůrová:

„Der anwesende Schulminister Zdeněk Nejedlý war schon während der Vorstellung aufgebracht und schrie ´Ruhe´. Die Zugabe verstand er als eine antisowjetische Provokation. Gleich am nächsten Tag erhielt mein Vater das Auftrittsverbot am Prager Nationaltheater. An dem Tag stand Tschaikowskis ´Schwanensee´ auf dem Spielplan, aber er durfte nicht mehr auf die Bühne. Vom Raum hinter den Kulissen gab er einem anderen Solisten Anweisungen. Danach musste er das Nationaltheater sofort verlassen. Man hat ihn in die ostslowakische Stadt Košice geschickt.“

Die Theater in Košice und Bratislava, ein Studium an der sowjetischen Akademie für Ballettkunst in Petersburg, und dann wieder Prag und Brno - das waren in den folgenden Jahren die Stationen von Miroslav Kůra. 1958 half er bei der Vorbereitung des multimedialen Programms für die Weltausstellung EXPO ´58 in Brüssel, das weltweit unter dem Namen Laterna Magica berühmt wurde.

In den Jahren 1954 bis 1964 präsentierte er sich in den erfolgreichsten Rollen seines Repertoires und behauptete seine Position als tschechischer Tänzer Nummer Eins. In Prag und Brno war Kůra auch als Choreograph beziehungsweise Chefchoreograph tätig. Zwischendurch leitete er das Ballettensemble im makedonischen Skopje und schuf Choreografien in Spanien, Italien, Deutschland, Belgien, Japan, Kolumbien und weiteren Ländern.

Jana Kůrová (Foto: Archiv von Jana Kůrová)
Anders gesagt, der Ballettmeister war ständig unterwegs. Über die Ballettproduktionen ihres Vaters hat die Tochter eine ganze Zeitlang nur wenig gewusst:

“Als Kind habe ich ihn leider nicht als berühmten Tänzer erlebt. In der Zeit also, als man ihm bei Vorstellungen mit ´Kůra, Kůra´ zujubelte. Das kenne ich nur vom Hörensagen. Später habe ich ihn dann als Choreographen erlebt. Meine Eltern waren in der Ballettbranche tätig und es gab wenig Zeit, über Details der künstlerischen Laufbahn meines Vaters als Tänzer zu sprechen. Mehr dazu habe ich erst viel später erfahren.“

Miroslav Kůra (Foto: Archiv des Nationaltheaters Prag)
Zum Beispiel über die herrschende Arbeitsatmosphäre in den renommierten Theaterhäusern hierzulande, die aus der Sicht des Tänzers offensichtlich nicht immer idyllisch war. Nach jeder Vorstellung habe er zwar viele Blumen bekommen, doch die Verhältnisse im Theater selbst seien seltsam gewesen, erzählt Jana Kůrová von den Erinnerungen ihres Vaters. Trotzdem habe er immer an seinem Credo festgehalten:

“Ihm war immer wichtig, das Tanztheater mit einer Handlung zu verknüpfen, das schlug sich in der Wahl der Bewegungs- und Ausdrucksmittel sowie in der Regieführung nieder. Nie ging es ihm bei der Choreographie um ein persönliches Werk, das zur Schau gestellt werden sollte. Die Choreographie sollte maßgeschneidert sein für die Tänzer, die er persönlich für die jeweilige Vorstellung auswählte. Das Wichtigste war für ihn die Gesamtpräsentation einer Ballettaufführung.“

Jana Kůrová und Miroslav Kůra (Foto: Archiv des Nationaltheaters Prag)
Nicht nur der professionelle Erfolg von Miroslav Kůra sondern auch seine Ehefrau Jarmila Manšingrová hatten einen Anteil daran, dass ihre Tochter Jana zum sprichwörtlichen Apfel wurde, der nicht weit vom Stamm gefallen ist. Doch Jana Kůrová dachte zunächst nicht daran, den Weg ihrer Eltern zu gehen:

„Ich wuchs in Brno auf und hatte andere Interessen. Meinen Eltern machte das aber nichts aus, sie haben mich zu nichts gezwungen. Zweimal die Woche habe ich zwar eine Ballettschule besucht, doch es war ein Hobby und keineswegs eine bewusste Vorbereitung auf einen künftigen Beruf. Ich habe mich leidenschaftlich für die bildende Kunst interessiert, aber irgendwann fiel doch die Wahl auf das Ballett. Eigentlich habe ich nie darüber nachgedacht, wie es dazu kam.“

Jana Kůrová (Foto: Archiv von Jana Kůrová)
Auf die Entscheidung dürfte sich ausgewirkt haben, dass die Familie Kůra nach Prag übersiedelte und Tochter Jana begann, das Tanzkonservatorium zu besuchen. Das sechsjährige Studium hat sie aber unterbrochen:

„Ich fuhr nach Moskau, wo ich faktisch die Ausbildung als Balletttänzerin absolvierte. Danach ging alles sehr schnell. Nach meiner Rückkehr nach Prag bekam ich gleich ein Engagement im Nationaltheater. Das Abitur legte ich nachträglich nur in den allgemeinbildenden Fächern ab.“

Jana Kůrová war damals erst 16 Jahre alt. Mit 19 erhielt sie bereits einen Vertrag als Primaballerina. Sie erinnert sich an den ihren Berufsstart:

Jarmila Manšingrová (Foto: Archiv von Jana Kůrová)
„Meine Mutter war offiziell auch meine Tanzlehrerin und mit meinem Vater arbeitete ich zusammen an Choreographien. Zu Beginn meiner beruflichen Karriere sprachen meine Eltern nicht mit mir über die Atmosphäre, die im Theater herrschte. Ich kam als ahnungsloser Mensch voller Enthusiasmus und machte mich erst nach und nach mit all den Manieren ´hinter den Kulissen´ vertraut. Diese Erfahrungen führten mich zu der Entscheidung, Mut zu fassen und den anderen zu zeigen, dass ich gut bin. Aus diesem Grund meldete ich mich zur Teilnahme an internationalen Ballettwettbewerben. Es war aber gar nicht so einfach, eine Ausreisegenehmigung zu erhalten. Diese Hürde habe ich letztlich bewältigt. Hierzulande war es aber sowieso allen piep egal, ob ich einen Wettbewerb gewann oder nicht.“

Es waren keinesfalls wenige Ehrungen, mit denen Kůrová bedacht wurde. Stellvertretend einige wenige Beispiele: 1976 der erste Preis in Lausanne, 1978 die Silbermedaille in Tokio, 1979 die Auszeichnung als beste Tänzerin im Ballettwettbewerb in Jackson, US-Bundesstaat Mississippi. 1980 absolvierte sie gemeinsam mit dem National Ballet Canada eine Tournee durch die USA. 1995 beendete Jana Kůrová dann mit ihrer Aufnahme in die „Hall of Fame“ des weltweit prestigeträchtigen Ballettwettbewerbs von Jackson ihre Karriere als aktive Tänzerin.

Prager Nationaltheater (Foto: Barbora Kmentová)
Das Prager Nationaltheater verließ sie allerdings bereits 1991, nachdem ihr Vertrag nicht verlängert wurde. Ungefähr vier Jahre tourte sie unter anderem als Gasttänzerin durch die USA, später war sie wiederholt Jurymitglied bei internationalen Wettbewerben und ein Jahr unterrichtete sie an der National University of Arts in Seoul, Südkorea. Vor neun Jahren hat sie die Stiftung „Internationales Ballett Prag“ gegründet, mit deren Hilfe sie jedes Jahr international bekannte Ballettstars nach Prag holt. Daneben fördert sie auch hierzulande junge talentierte Tänzer.


Dieser Beitrag wurde am 14. Juni 2014 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.