"Beschlagnahmt!" - die Zensur in der Tschechoslowakei

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„Wissen ist Macht“ – so lautet ein bekannter Spruch, der auf die Gedanken des englischen Philosophen Francis Bacon von 1620 zurückgeht. Beispiele dafür, wie sich eine Minderheit das Recht vorbehält, über den Zugang der restlichen Gesellschaft zum Wissen zu entscheiden, findet man in der Geschichte mehr denn genug. Hierfür gab es seit eh und je ein bewährtes Instrument: die Zensur. Welche Rolle sie im Wandel der Zeiten zwischen 1918 und 1989 hierzulande gespielt hat, das ist Thema im heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte.

In der selbständigen Tschechoslowakei wurde 1920, also zwei Jahre nach der Gründung, die erste Verfassung verabschiedet. Sie verankerte die Pressefreiheit und bezeichnete die Zensur als unzulässig. Bald sollte sich aber zeigen, dass der junge demokratische Staat nicht ganz die Kontrolle über gedruckte Informationen aufgeben wollte. Der Grund dafür war der politische Extremismus. Dušan Tomášek ist Historiker und Publizist.

Alois Rašín  (Foto: Wikimedia Commons Free Domain)
„Bis 1923 gab es keine Zensur. Nach dem Attentat auf Finanzminister Alois Rašín wurde aber das sogenannte Gesetz zum Schutz der Republik verabschiedet und mit ihm auch eine sogenannte nachfolgende Zensur ermöglicht. Das war ein bisschen kurios, denn es wurden Sachen beschlagnahmt, die schon veröffentlicht waren. Polizisten liefen rum und beschlagnahmten an den Zeitungsständen das, was dort noch übrig war. Dass es nun wieder Zensur gab, das verheimlichte man nicht. Große Aufmerksamkeit widmeten die Behörden den 1925 und 1927 gegründeten faschistischen Parteien und der kommunistischen Partei, die 1920 entstand. Es kam vor, dass einige Artikel in ihren Parteizeitungen im letzten Moment in der Druckerei noch gelöscht wurden. Im kommunistischen Blatt Rudé právo stand dann in der Regel an Stelle des gelöschten Textes der Satz: ´Hier war die Ziege des Zensors auf der Weide.´ Was allerdings im Parlament gesagt wurde, das durfte uneingeschränkt in der Presse zitiert werden.“

Politische Flugblätter  (Illustrationsfoto: Bundesarchiv,  Bild 102-00886 / CC-BY-SA)
Aufgrund des erwähnten Gesetzes konnte zum Beispiel auch die Herausgabe eines Periodikums ausgesetzt werden. Im Fall einer Tageszeitung war das bis zu einem Monat möglich, andernfalls auch für ein halbes Jahr. Mit der Zuspitzung der Lage in Europa traten weitere Maßnahmen in Kraft. Ab 1933 betraf dies zum Beispiel politische Flugblätter. Öffentlich verteilt werden durften sie nur mit offizieller Genehmigung, extremistische Drucksachen wurden auch einfach beschlagnahmt. Das Innenministerium erhielt das Recht, den Vertrieb einiger ausländischer Zeitungen, Periodika und Bücher zu unterbinden. Über die Kompetenzen der Zensur verfügten bis September 1938 die Staatsanwaltschaft und die Presseabteilung der Regierung.

Bücherverbrennung  (Foto: Bundesarchiv,  Bild 102-14597 / CC-BY-SA)
Zwei Tage nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch die deutsche Wehrmacht am 15. März 1939 wurde im Regierungsamt ein neuer Pressedienst gegründet. Seine Mitarbeiter wurden direkt in die Zeitungsredaktionen entsandt. Die Medien mussten sich strikt an die Richtlinien halten, die den Chefredakteuren als Verantwortlichen zugestellt wurden. Bald wurden auch Verzeichnisse von - wie es hieß - „schädlicher und ungeeigneter Literatur und Musik“ erstellt. Das Sagen hatte der Chef der sogenannten Kulturabteilung, August von Hoope, früher Herausgeber des tschechoslowakischen Regierungsblattes „Prager Presse“. In den rund sechs Jahren während des sogenannten Protektorats Böhmen und Mähren nahm die Zensur ein nie dagewesenes Ausmaß an. Allein in den Jahren 1940/41 befanden sich auf dem Verzeichnis verbotener Autoren über 1300 Namen und über 1800 Buchtitel. In etwa 100 Verlagen, Buchhandlungen und Bibliotheken, die sich außerhalb von Prag befanden, wurden zwischen 1941 und 1942 ungefähr 1.850.000 Bücher konfisziert. Wenn ein Verlag einige der nach 1918 erschienenen Titel neu herausgeben wollte, musste jeder einzelne darauf überprüft werden, ob er nicht antideutsch beziehungsweise antinationalsozialistisch ist. Auf Anordnung August von Hoopes musste auch die arische Herkunft des Autors belegt werden. In einem der Fälle soll der Zensor folgende Anfrage gestellt haben: „Teilen Sie bitte mit, ob der erwähnte Autor Gaius Julius Caesar arischer Abstammung war.“ Infolge der Zensur gab es aber auch tragische Opfer. Dušan Tomášek:

Abendausgabe der Zeitung ´České slovo´
„Die Abendausgabe der Zeitung ´České slovo´ veröffentlichte eine kleine Glosse über ein Konzert im Prager Rudolfinum, in dem die Tschechische Philharmonie den Zyklus symphonischer Dichtungen ´Mein Vaterland´ von Bedřich Smetana spielte. Es war drei Monate vor dem Kriegsende, und die Glosse war im tschechisch-patriotischen Ton geschrieben. Dafür wurde ihr Autor, aber auch der Zensor, der die Veröffentlichung genehmigte, in der folgenden Nacht hingerichtet.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg dachten die meisten Menschen in der Tschechoslowakei, mit der Zensur sei es nun vorbei. Doch knapp drei Jahre später war sie wieder da. Diesmal in der Regie der Kommunisten, die durch einen Staatsstreich im Februar 1948 an die Macht gekommen waren. In den nachfolgenden vier Jahrzehnten machte das kommunistische Regime einige Wandlungen durch und nutzte unterschiedlich stark die Instrumente, um die Gesellschaft zu steuern beziehungsweise Opposition zu unterdrücken. Hana Řeháková, Koautorin des Buches „Die verbotene Geschichte“ und Kuratorin der gleichnamigen Ausstellung von 1998, zieht einen Vergleich:

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„Die Zensur im Protektorat Böhmen und Mähren tarnte sich mit keinen alternativen Namen und nannte sich Zensur. Anders war es unter den Kommunisten. Im Lauf der Zeit gab es HSTD, ÚPS; ÚTI, ČÚTI, SÚTI, FÚTI, also die Abkürzungen von Decknamen, hinter denen sich Zensurinstitutionen versteckten. Dabei haben die Kommunisten das Wort ´Zensur` niemals im Zusammenhang mit ihrer eigenen Politik verwendet.“

Nachdem sie die Macht ergriffen hatte, setzte die kommunistische Staatspartei sofort Maßnahmen zur Kontrolle der Informations- und Propagandakanäle durch. Man wollte aber mehr. Das Ziel war, nicht nur der Presse und dem Radio, sondern dem gesamten kulturellen Schaffen feste ideologische Schranken setzen. Nach einem Beschluss der Parteiführung, dem auch Konsultationen mit einem Mitarbeiter der Moskauer Zensurzentrale vorausgegangen waren, entschied das Regierungspräsidium 1953 heimlich über die Errichtung einer Zensurbehörde mit dem Namen „Die Hauptverwaltung zur Aufsicht über die Presse“, kurz HSTD.

Jarmila Cysařová
Am Anfang mangelte es jedoch an geschulten Zensoren, und so setzte man landesweit Mitarbeiter der Kreisausschüsse der Partei ein. Die Publizistin Jarmila Cysařová (1929) ist Autorin mehrerer Studien, in denen sie sich mit dem gegenseitigen Verhältnis von Staatsmacht und Tschechoslowakischem Fernsehen zwischen 1953 und 1989 befasst hat.

„In das Jahr der offiziellen Einführung der Zensur, das war damals die HSTD, fiel auch der Beginn des Fernsehens. Die Zahl der Zensoren stieg schnell an. Anfangs waren es landesweit um die 70, bald aber 250 und hinzu kamen noch freie Mitarbeiter. Zensiert wurde absolut alles. Es ging um die so genannte präventive Zensur, die in gewissem Sinne komisch war. Zum Beispiel im Fernsehen, das live ausstrahlte. Während der Sendung saß der Zensor neben dem Regisseur und las fortlaufend das Drehbuch. Jede Seite sollte er mit einem Stempel versehen. Setzte er kein Stempel drauf, gab es ein Malheur. Bemerkenswert ist, dass es am häufigsten in Unterhaltungsprogrammen zu einem Eingriff der Zensur kam.“

Foto: Felixco,  Inc.,  FreeDigitalPhotos.net
In den 1950er Jahren ließen sich viele Ähnlichkeiten des ausgeklügelten Kontrollsystems der Kommunisten mit dem der Nationalsozialisten finden. Beim ZK der KPTsch wurde ein Lektorenrat eingesetzt, der mit der Beurteilung der Redaktionspläne aller Verlage beschäftigt war. Die Werke „politisch unzuverlässiger“ Autoren waren verboten. 1952 wurde die Säuberung der öffentlichen Bibliotheken eingeleitet. Aus den Regalen und Depots musste vor allem die - wie es hieß - „trotzkistische, antisowjetische und rechtsorientierte sozialdemokratische Literatur“ verschwinden. In dieser Zeit wurden schätzungsweise 27,5 Millionen Bücher vernichtet. Hart betroffen von der Zensur war selbstverständlich auch die Presse.

Die Zensur wurde bis in die 1960er Jahre in allen Bereichen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens praktiziert. Trotzdem mehrten sich nach und nach die Anzeichen eines Systemwandels. Nach dem Schriftstellerkongress 1967 und einem Studentenprotest in Prag kam das Geschehen mit dem Jahresbeginn 1968 ins Rollen. Die kommunistische Parteiführung war gespalten in einen konservativen Flügel und einen Reformflügel, die sich seit Januar 1968 ein Tauziehen um die Macht lieferten. Der angestaute Frust in der Gesellschaft löste schließlich eine Reformwelle aus. In den bislang zensierten Medien manifestierte sich dies durch eine Lawine von Informationen, die auf enormes Interesse in der Bevölkerung stieß. Die Zeitungen wurden nun erstmals wieder massenhaft freiwillig gelesen, und ihre Auflagen stiegen sprunghaft an. Ende Juni 1968 wurde die Zensur offiziell aufgehoben. Die tschechoslowakischen Medien waren in dieser Zeit dem Kremlführer Leonid Breschnew ein Dorn im Auge. Davon zeugt auch ein Zitat aus dem sogenannten Weißen Buch, in dem eine Gruppe sowjetischer Journalisten die Entwicklung in der Tschechoslowakei beschrieb: (ZITAT)

„Eine ungewöhnlich günstige Situation für die konterrevolutionären Propagandisten ist im Fernsehen entstanden. Sein Direktor Jiří Pelikán, einer der bekannten Verfechter des Antisozialismus, hat sich vor der Parteiführung unverhohlen für die ´Unabhängigkeit´ der Massenmedien eingesetzt. Man kann also verstehen, dass ausgerechnet im Fernsehen täglich Sendungen laufen, die eine Atmosphäre politischer Nervosität sowie eine Welle des Nationalismus und der antisowjetischen Stimmung entfachen.“

Jiří Všetečka  (Foto: Archiv Radio Prag)
Der Prager Frühling, wie der schnelllebige Demokratisierungsprozess in der ČSSR benannt wurde, war aber von kurzer Dauer. Am 21. August 1968 wurde er von den Panzern der Warschauer Paktstaaten überrollt. Es begann eine flächendeckende Säuberung der Ämter und Institutionen von sogenannten „konterrevolutionären und antisozialistischen Elementen“. Zu den ersten, die gefeuert wurden, gehörten die Generaldirektoren des Fernsehens und des Rundfunks. Einen Monat nach dem Einmarsch der Bruderländer in die Tschechoslowakei wurde auch wieder die Zensur eingeführt - für weitere zwei Jahrzehnte. Wie schwer danach selbst die Herausgabe eines Fotobandes war, das erlebte der renommierte Fotograf Jiří Všetečka. Sein Buch aus den 1980er Jahren basierte auf Texten aus einem Werk des tschechischen Humanisten Johann Amos Comenius:

„Das war ein großes Problem. Man hat sogar Eingriffe in die Texte vorgenommen, weil Comenius nicht nur Philosoph, sondern auch Theologe gewesen ist. Deswegen stießen Sätze, in denen er Gott erwähnt, auf Missfallen. Einige Texte habe ich letztlich einfach weggelassen. Doch auch einige meiner Fotoaufnahmen durften im Buch nicht erscheinen. Trotzdem wurde der Band von etwa sechs Verlagen abgelehnt. Jedes Mal hat man mir gesagt, das Buch sei hervorragend und man wolle es herausgeben. Nach einem Monat aber war alles anders. Das Genehmigungsverfahren war unvorstellbar kompliziert. Äußern musste sich die Akademie der Wissenschaften, Hochschul-Experten und am Ende auch die Abteilung für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der Partei. Von ihr bekam ich letztlich die Zustimmung, weil ich dort jemanden kannte.“