Česmad: Transportpreise müssen rauf / Tschechien will mehr Kernenergie im Energiemix der Zukunft

Die Preise in Tschechien sind in diesem Jahr in noch nicht gekannte Höhen galoppiert. Beim Energieverbrauch und bei energetischen Rohstoffen macht sich das schnelle Drehen der Preisspirale schon schmerzhaft bemerkbar. Viele Firmen haben Probleme, die explodierenden Kosten zu decken. Insbesondere den tschechischen Spediteuren machen die drastisch gestiegenen Dieselpreise sehr zu schaffen.

Das tschechische Transportwesen steht an der Schwelle der größten Teuerung seit dem Jahr 1993. Der Grund dafür sind die in jüngster Zeit extrem gestiegenen Kraftstoffpreise, insbesondere aber der Preis für Diesel. Der ist seit dem vergangenen Jahr um mehr als sechs Kronen (ca. 25 Cent) nach oben geklettert und liegt derzeit bei rund 34 Kronen (1,34 Euro) je Liter. Aber es sind längst nicht die Spritpreise allein, die die Spediteure in eine Krise gestürzt haben, sagt der Generalsekretär der Vereinigung der tschechischen Spediteure Česmad Bohemia, Martin Špryňar:

„Die Krise hat schon im vergangenen Jahr begonnen. Sie ist nicht nur auf den Anstieg des Dieselpreises zurückzuführen, sondern sie hängt auch mit der Erhöhung der Mehrwertsteuer und dem ständig steigenden Wert der Tschechischen Krone zusammen. Es sind also mehrere Faktoren, durch die das Transportwesen in die Krise gelangt ist. Eine Senkung der Verbrauchssteuer kann demnach nur dazu beitragen, die Krise abzuschwächen. Dass der Dieselpreis in der letzten Zeit extrem gestiegen ist, davon kann sich jeder Autofahrer täglich an der Zapfsäule überzeugen.“

Die Senkung der Verbrauchssteuer, wie sie die Spediteure von der Regierung fordern, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie kann den Dieselpreis nur um gut zwei Kronen verringern, denn dann ist das von der EU geforderte Minimum erreicht. Deshalb hat der Vorstand der Vereinigung Česmad Bohemia, der rund 2000 Spediteure angehören, vergangenen Donnerstag festgelegt: Die gestiegenen Dieselkosten müssen auf den Transportpreis umgelegt werden, und zwar mit einer Preiserhöhung um zehn bis 15 Prozent. Andernfalls, so Česmad-Sprecher Martin Felix, sei die Existenz so mancher Transportfirma bedroht:

„Das ist sehr wahrscheinlich. Wem es nicht gelingt, die erhöhten Spritkosten im Transportpreis aufzufangen, der wird sein Unternehmen schließen müssen. Kleinere Firmen sind davon natürlich in besonderem Maße bedroht, da sie ihren Service, die Logistik und ähnliche Tätigkeiten stark zurückschrauben müssen.“

Der auf dem Weltmarkt gestiegene Rohölpreis, der seit Jahresbeginn um 35 Prozent geklettert ist, schlägt sich jedoch nicht nur auf die Kraftstoffpreise nieder. Kohle, Erdgas, Elektroenergie – alles ist teurer geworden. Auch in Tschechien muss immer mehr für Lebensmittel, Dienstleistungen und Verkehr gezahlt werden. In erster Linie aber hat die Industrie mit den erhöhten Energiepreisen zu kämpfen, betont der Chefökonom der Gesellschaft Cyrrus, Jan Procházka:

„Die Chemische Industrie und das Transportwesen sind davon zuallererst betroffen. Auch die Schwerindustrie hat damit ein Problem. Zum Beispiel die Hüttenindustrie, wo Transporte im Winter beheizt und im Sommer gekühlt werden müssen. Die Kardinalfrage für die gesamte Industrie ist daher: Können die Firmen ihre erhöhten Kosten auf den Preis umschlagen?“

Hinter die Fassade geschaut

Wir haben es gerade gehört: Die Energie spielt in unserem eng vernetzten, von Fortschritt und Konsum geprägten Dasein eine immer größere Rolle. Doch sie muss zuallererst gewonnen werden. Vor allem in Form von Elektroenergie. Und da setzt sich in der Europäischen Union immer mehr die Erkenntnis durch: Die Gewinnung von Elektrizität durch Heizkraftwerke ist veraltet und schadet vor allem der Umwelt. Durch die Verbrennung der Kohle wird giftiges Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen. Alternative Quellen wie die erneuerbaren Energien, zu denen Wind- und Wasserkraft sowie Biomasse zählen, können den Energiebedarf bei weitem nicht abdecken. Folglich ist die Atomkraft wieder im Gespräch. Nach Aussage von EU-Energiekommissar Andris Piebalgs kommt der Kernenergie eine große Bedeutung für die Entwicklung einer „kohlenstoffarmen Wirtschaft“ in Europa zu. Und deshalb hat der Europäische Rat im März 2007 auch der Gründung des so genannten Europäischen Kernenergieforums (ENEF) zugestimmt. Ein Forum, das eine offene und transparente Debatte über die Atomkraft führen soll.

Am Donnerstag und Freitag vergangener Woche fand die zweite Tagung des Forums in Prag statt. Tschechiens Minister für Industrie und Handel, Martin Říman, zu den Inhalten und Schwerpunkten des Forums:

Martin Říman
„Es betrifft die Kernenergie im weitesten Sinne. Auf dem Forum wird über die Forschung und Entwicklung in der Kernenergie gesprochen sowie darüber, wie die Erzeugung von Elektroenergie durch Atomreaktoren noch sicherer gemacht werden kann. Die Kernenergie feiert derzeit auf der ganzen Welt ihr Comeback, egal ob es einem passt oder nicht. Heute werden auf der Welt Dutzende von neuen Reaktoren errichtet und eine Vielzahl weiterer ist in der Projektierungsphase.“

Auf der konstituierenden Sitzung des Forums in Bratislava im November 2007 wurden drei Arbeitsgruppen zu den Themen Chancen, Risiken und Transparenz der Atomkraft eingerichtet, die nun in Prag ihre Berichte vorgestellt haben. Zu den Befürwortern der Kernenergie gehören die vier Visegrad-Staaten Tschechien, Polen, Ungarn und Slowakei sowie die drei baltischen Länder, die allesamt auf der Tagung in Prag vertreten waren. Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico begrüßte die Schaffung des Forums:

„Noch vor einigen Jahren hat man die Unterstützer der Atomkraft noch wie einen Zaubermeister suchen müssen. Die Regierung der Slowakischen Republik unterstützt die Kernenergie voll und ganz und schon in naher Zukunft werden wir auf diesem Gebiet sehr ambitionierte Ziele verfolgen.“

Foto: Europäische Kommission
Die Absicht, in den nächsten Jahren verstärkt auf die Atomkraft zu bauen, wurde ebenso vom litauischen Premierminister Gediminas Kirkilas bekräftigt: „Wir planen um das Jahr 2015 den Bau eines neuen Kernkraftwerks gemeinsam mit Estland, Lettland und Polen.“

Tschechiens Premierminister Mirek Topolánek formulierte es noch deutlicher, worin die Chancen und Vorteile der Nutzung von Kernenergie bestehen: „Unser Ziel ist es, mit Hilfe der Nutzung von kohlenstoffarmen Energiequellen wie der Kernenergie und den erneuerbaren Energien dem Klimawandel den Kampf anzusagen.“

Die Europäische Union sollte sich zum Ziel setzen, im Jahr 2030 insgesamt 60 Prozent der elektrischen Energie kohlenstoffarm herzustellen. Natürlich unter einer stärkeren Einbindung der Kernenergie, ergänzte Topolánek. Atomkraftgegner wie der tschechische Umweltminister Martin Bursík warnen jedoch vor den Gefahren, die dieser Energieform nach wie vor anhaften: „Insbesondere nicht gelöst sind bisher der Abschluss des Verbrennungszyklus und die Lagerung der abgebrannten Brennstäbe.“

Diese Warnungen werden ernst genommen. Erst jüngst hatte EU-Energiekommissar Piebalgs Politik und Wirtschaft aufgefordert,„die Zusammenarbeit zwischen den EU-Mitgliedsstaaten im Bereich der allgemeinen und technischen Sicherheit nuklearer Anlagen sowie der Behandlung nuklearer Abfälle zu verbessern.“ Es gelte, die öffentliche Akzeptanz der Kernenergie zu verbessern, so Piebalgs. Mit anderen Worten: Die Richtung ist vorgegeben – trotz Tschernobyl, ohne die Nutzung der Atomkraft werden die europäischen Länder die zukünftige Sicherung ihrer Energieversorgung nicht bestreiten können.