Chemiefabriken unter Wasser - Die Hochwasserkatastrophe und ihre (noch?) unsichtbaren Auswirkungen

Spolana, Foto:CTK

Kann man eigentlich noch davon sprechen, dass die über weite Teile Europas hereingebrochene Flutkatastrophe in den letzten anderthalb Wochen das Thema Nummer 1 gewesen ist? Oder muss man nicht vielmehr sagen: Sie war beinahe das einzige Thema, eines, das in den verschiedensten Gestalten immer wiederkehrte und fast alle Aspekte der Berichterstattung und des öffentlichen Diskurses bestimmte - so wie auch die Auswirkungen des Hochwassers selbst kaum einen Bereich des privaten oder öffentlichen Lebens unberührt ließen? Über die verschiedenen Facetten der jüngsten Ereignisse, und vor allem über dessen mögliche Langzeitfolgen, hören Sie nun einen Bericht von Gerald Schubert:

Spolana, Foto:CTK
Zunächst waren da die unmittelbaren Schäden, angerichtet durch die Wassermassen selbst, die - nicht nur in Tschechien - an vielen Stellen über die Ufer traten, Bauwerke zerstörten, Menschen um ihr gesamtes Hab und Gut und manche sogar um ihr Leben brachten. Das Gesamtausmaß aller weiteren Folgen ist noch gar nicht abzuschätzen: Weite Teile der Infrastruktur, vor allem im Bereich Verkehr, sind in Mitleidenschaft gezogen, Kulturdenkmäler sind in Gefahr, und der ohnehin bereits angeschlagenen Wirtschaft droht durch Einbußen im Tourismus ein weiterer schwerer Schlag versetzt zu werden. Ganze Staatshaushalte stehen vor massiven Umschichtungen, und vor allem am nunmehrigen Verlauf des deutschen Budestagswahlkampfes kann man ablesen, wie sehr die Katastrophe auch der politischen Diskussion bereits ihren Stempel aufgedrückt hat.

Zu den besonders schwer einzuschätzenden Gefahren für die Zukunft gehören zweifellos jene, die durch die Überflutung diverser Chemiefabriken entstanden sind, und deren unmittelbares Bedrohungspotential teilweise ebenso unklar ist wie die Möglichkeit etwaiger Langzeitfolgen. Jenseits der spektakulären Bilder von reißenden Wassermassen, gesprengten Schiffen, überfluteten Stadtteilen und teilweise völlig zerstörten Dörfern rücken nun andere Aspekte immer mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Gemeint sind solche Gefahren, die sich dem ersten menschlichen Blick entziehen. Gefahren, die sich nicht in archaischen Bildern entfesselter Naturgewalten manifestieren, sondern gerade dort, wo sich der Ausdruck menschlicher Naturbeherrschung, also die Technik selbst, dem Zugriff seiner Schöpfer entzieht und zur Bedrohung wird.

In solchen Situationen sind Erklärungen gefragt. Genau diese aber waren in den letzten Tagen von zum Teil widersprüchlichen Angaben geprägt. Im Mittelpunkt des Interesses - und auch im Kreuzfeuer der Kritik - stand dabei in erster Linie das Werk Spolana im mittelböhmischen Neratovice. Aber auch das Areal der in Lovosice ansässigen Lovochemie, die ebenso wie die Firma Spolana zum Unipetrol-Konzern gehört, stand zur Gänze unter Wasser. Und noch zwei weitere Konzerntöchter waren vom Hochwasser betroffen: Die Unternehmen Kaucuk und Ceska rafinerska.

Blicken wir aber nun nach Neratovice, auf das Gelände der Firma Spolana. Schon am 14. August wurde bekannt, dass bereits 80 - 90 % des Werks unter Wasser stehen. Zunächst wurde auf zwei Gefahrenbereiche hingewiesen: Es könne zur Ausbreitung von Quecksilber kommen, und es drohe zudem die Gefahr, dass das Wasser auf dioxinverseuchte Teile des Areals vordringt. Die Werksleitung versuchte zwar, mit dem Hinweis auf die geringe Strömung ein sicheres Bild der Lage zu zeichnen, Umweltschützer jedoch ließen dieses Argument nicht gelten.

Ich habe tags darauf den Kampagnenleiter von Greenpeace in der Tschechischen Republik, Herrn Jan Haverkamp, um eine erste Zusammenfassung seiner Eindrücke gebeten:

- Herr Haverkamp, angeblich ist das Areal der Fabrik fast zur Gänze unter Wasser, vor allem auch eine ehemalige Elektrolyseanlage und ein quecksilberverseuchtes Gebiet. Wie schätzen Sie zur Zeit die unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung ein, und auch die langfristigen Gefahren für die Umwelt?

"Wir wissen, dass Spolana jetzt zum größten Teil untergelaufen ist, das heißt inklusive dem quecksilberverunreinigten Gebiet. Das bedeutet, dass sich ein Teil des Quecksilbers ausspülen wird, das sich in den letzten 30 Jahren über Bakterieneinwirkung in Organoquecksilberverbindungen umgesetzt hat. Beim Dioxinteil ist noch schwieriger zu sagen, was da im Moment los ist. Wir wissen, dass auch in dem Bereich Wasser steht, wir wissen allerdings nicht, ob die Gebäude überspült sind."

Nicht nur das Werksgelände von Spolana ist nun unzugänglich geworden. Ebenso unzugänglich sind für die meisten von uns auch die Begriffe, mit denen eine mögliche Bedrohung durch entwichene Chemikalien umrissen wird. Gerade hier wäre also eine möglichst offene Informationspolitik aller Verantwortlichen gefragt. Diese aber vermisst Jan Haverkamp, der sich nun bereits seit zwei Jahren mit der Firma und möglichen Umweltrisiken befasst:

"Das Problem ist wieder, dass Spolana das herunterspielt und nicht mit den Fakten auf den Tisch kommt. Das wirklich größte Problem, das wir mit Spolana haben, ist, dass man immer noch nicht, nach diesen zwei Jahren, in denen wir schon diese Auseinandersetzung mit Spolana haben, begriffen hat, dass Offenheit mehr bringt als ständiges Herunterspielen."

Verteidigt wurde die Firma Spolana hingegen nicht nur von den eigenen Pressesprechern, sondern etwa auch vom Landeshauptmann der Region Mittelböhmen, Petr Bendl:

"Spolana war in den letzten zwei oder drei Monaten unter so großem medialen Druck, eine Kontrolle nach der anderen fand dort statt, so dass es zu keiner Unterschätzung der Gefahr kam. Kurz - wenn jedoch ein Jahrhunderthochwasser kommt, dann kann es passieren, dass es zum Entweichen bestimmter Stoffe kommt. In gewisser Weise ist es sogar ein Wunder, dass dies nur auf dieser Stufe geschehen ist. Hoffen wir also, dass uns nichts schlimmeres mehr passiert."

Mag sein, dass diese Aussage beim ersten Hinhören selbstwidersprüchlich klingt. Dennoch verweist sie auf eine grundlegende Erfahrung, mit der man immer dann konfrontiert wird, wenn Sicherheitsvorkehrungen wieder einmal nicht ausreichend waren: Nämlich die, dass es keine absolute Sicherheit gibt, und Katastrophen letztlich nie hundertprozentig zu verhindern sind.

Spolana, Foto:CTK
Wie umfangreich oder eben nachlässig die Umweltschutzmaßnahmen im konkreten Fall auch gewesen sein mögen - die erste akute Bedrohung ging dann von einer Seite aus, von der bislang keine Rede gewesen war: Der Katastrophenalarm, der noch am 15. August in Neratovice ausgelöst wurde, war weder durch Quecksilber noch durch Dioxin verschuldet worden, sondern durch das zunächst unerwartete Entweichen von giftigem Chlorgas. Über Ursache und Ausmaß des Zwischenfalls waren zunächst keine klaren Informationen verfügbar. Mittlerweile wurde jedoch bekannt, dass einige Gemeinden im Umkreis von Neratovice eine Petition gegen die Firmenleitung von Spolana vorbereiten, weil diese die Öffentlichkeit nicht früh genug gewarnt hätte. Auch Umweltminister Ambrozek kritisierte die Informationspolitik der Firma, und die Polizei hat mittlerweile ebenfalls entsprechende Ermittlungen eingeleitet. Spolana-Sprecher Jan Martinek verlautbarte indes, man werde keiner Untersuchung im Wege stehen, und auch eigene Untersuchungen anstellen, die - Zitat - "auf unabhängige Weise die korrekte Vorgehensweise des Unternehmens zur Zeit der Überschwemmungen bestätigen würden".

Vergangenen Dienstag stand dann vor allem der grenzüberschreitende Aspekt des Problems im Mittelpunkt des Interesses. Umweltminister Libor Ambrozek und sein deutscher Amtskollege Jürgen Trittin haben das Werksgelände von Spolana besucht und auch andere betroffene Fabriken aus der Luft besichtigt. Auf der anschließenden Pressekonferenz betonten beide dann in erster Linie die aktuelle Bedeutung der bisherigen guten Zusammenarbeit. So meinte etwa Minister Trittin:

"Wir haben in den letzten Jahren auf dem ganzen Gebiet der Luftreinhaltepolitik, der Zusammenarbeit im Dreiländereck - dem sogenannten schmutzigen Dreieck, das heute ein sauberes Dreieck ist - und im Bereich der Wasserreinhaltepolitik gemeinsame Erfahrungen gemacht, und dies bewährt sich auch in schwierigen Tagen."

Angesichts der aktuellen Bedrohung müsse die Zusammenarbeit aber freilich noch intensiviert werden. Dazu Libor Ambrozek:

"Ich habe mit Minister Trittin gegenseitigen Informationsaustausch vereinbart. Zudem haben wir für die nächsten Tage gemeinsame Probeentnahmen im Rahmen der Internationalen Kommission zum Schutz der Elbe vereinbart, und auch weitere gemeinsame Schritte, vor allem bei der Ausarbeitung eines Hochwasser-Aktionsplans, damit es uns gelingt, die Elbe gemeinsam zu schützen."

Wenn also auch von tschechischer und deutscher Seite Bemühungen unternommen werden, um das Problem auf internationaler Ebene langfristig in den Griff zu bekommen, so ist die nächste Zukunft noch unklar. Minister Ambrozek forderte die Firmenleitung von Spolana jedenfalls auf, gegenüber den zuständigen Behörden und der Öffentlichkeit maximale Kommunikationsbereitschaft an den Tag zu legen. Nach der Pressekonferenz habe ich dann Tomas Tetiva, einen Mediensprecher von Greenpeace, um einen kurzen Kommentar gebeten. Seine Einschätzung konnte dabei freilich nur ebenso vorläufig sein, wie die Lage selbst:

"Ich glaube auf jeden Fall, dass es gut ist, dass sich der tschechische Umweltminister und auch der deutsche Umweltminister nun dafür interessieren. Wenn der Appell Ambrozeks wirklich zu positiven Veränderungen führt, ist das natürlich gut, aber momentan können wir nur abwarten, wie sich die Situation weiter entwickelt."