„Crisis“ – Hanuš Burger zwischen Deutschen und Tschechen, zwischen Theater und Film (I)

„Crisis“

Hanuš (Hans) Burger war Dramaturg, Regisseur und Bühnenbildner – und er dreht den einzigen Dokumentarfilm über den Aufstieg der Sudetendeutschen Partei in der Tschechoslowakei. Der Prager stammt aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, absolviert jedoch eine Lehre zum Bühnenbildner. Danach beginnt eine Karriere, die ihn bis nach Amerika sowie durch sämtliche Konfliktregionen Mitteleuropas führen sollte. Radio Prag wirft einen Blick auf das interessante Leben eines intellektuellen Querkopfs.

1909 kommt Hanuš Burger in Prag auf die Welt. Sein Vater ist Lederwarenhändler, die Mutter stammt aus Neveklov in Mittelböhmen und ist Tochter eines Uhrmachers. Zuhause wird Deutsch und Tschechisch gesprochen, das Deutsch des Vaters dominiert jedoch. Als der Erste Weltkrieg 1918 zu Ende geht und die unabhängige Tschechoslowakische Republik ausgerufen wird, ist der Vater überhaupt nicht begeistert. Der junge Burger ist zu dieser Zeit neun Jahre alt. In seinen Memoiren schreibt er später über seinen Vater:

„Mein Vater war bis dahin immer gegen Habsburg gewesen. Jetzt, da es einen eigenen unabhängigen tschechoslowakischen Staat gab, war er dagegen. Er entdeckte sein Deutschtum und landete wieder in der Opposition, oder vielmehr in der Isolation. Aber er war konsequent: er packte 1920 seine Familie zusammen und siedelte nach Deutschland über.“

Illustrationsfoto
Die Familie zieht um nach Frankfurt am Main. Burger genießt im kargen Nachkriegsdeutschland eine klassische Bildung: Er macht Abitur, lernt Singen, Klavierspielen und Zeichnen. Seine Zukunft steht fest, er soll das väterliche Ledergeschäft übernehmen. Sein Vater schickt ihn nach Wien, wo er bei einem Bekannten in die Lehre gehen und den Handel lernen soll. Burger aber findet so gar keinen Gefallen an den Geschäften seines Vaters:

„Ich konnte nicht begreifen, wie mein Chef am Vormittag einem Kunden eine gewisse Ledersorte für 18 Cents pro Quadratfuß anbieten konnte, während ich doch wusste, dass er selbst nur 12 Cents dafür gezahlt hatte, und sie überdies am gleichen Nachmittag, ohne mit der Wimper zu zucken, einem anderen Kunden für 20 Cents verkaufte.“

Die Rebellion gegen die Berufspläne seines Vaters ist nur teilweise erfolgreich. Der Alte schickt seinen Sohn nach Prag, wo er wenigstens das Handwerk eines Schuhmachers erlernen soll. Doch auch in der Schuhfabrik hält es Burger nicht lange aus, nach einem Monat in Prag nimmt er seinen Mut zusammen und bewirbt sich beim Direktor des Deutschen Theaters in Prag um eine Stelle als Bühnenbildner. Er bekommt zwar keine Stelle, der Direktor empfiehlt ihn aber an eine Bühnenbildnerklasse nach München. Burger nimmt an, kehrt nach Deutschland zurück und stößt damit seinen Vater vor den Kopf. Die Auseinandersetzungen mit seinen Eltern prägen ihn bis zuletzt, wie seine Tochter, Jana Burgerová, zu berichten weiß:

Thalia-Theater in Hamburg (Foto: Judaica-Samml/Judaica-Sammlung Richter)
„Er hat sehr viel über die Auseinandersetzungen mit seinen Eltern gesprochen. Sie hatten ja ganz andere berufliche Vorstellungen für ihn und sich sehr dagegen gewehrt, dass er beim Theater und später beim Film war. Aber sie haben es doch irgendwann einmal akzeptiert.“

Nach einem Jahr in der Bühnenbildnerklasse kommt Schwung in Burgers Karriere. Er verlässt die Klasse mit guten Noten und wird Assistent des Spielleiters am Schauspielhaus Bremen, ein weiteres Jahr später geht er als Regisseur, Dramaturg und Bühnenbildner ans Thalia-Theater nach Hamburg. Im deutschen Norden kommt Burger mit der Politik in Kontakt. Neben seiner regulären Stellung am Theater beginnt er, gemeinsam mit anderen Schauspielern, Dramaturgen und Regisseuren, ein eigenes Stück auf die Bühne zu stellen. Sie machen aus dem Stück „Unser Schaden am Bein“ eine Art Volkstheater. Hans Burger übernimmt die Regie. Die Premiere ist ein voller Erfolg, wird aber auch begleitet von Protesten der Nazis, die ihre SA vor das Theater schickt. Am Tag danach hält Burgers Chef, der Theaterleiter, ihm eine Standpauke:

„Also, Sie wollten uns mal zeigen, wie man, ihrer Ansicht nach, Theater spielen und vor allem, was man spielen sollte, wie? […] Ich hab´s nur überflogen. Das ist gegen die Verfassung. Einfach dumme, freche Aufreizung zum Terror. Nun, da gibt’s ja genug Paragraphen und ein Republikschutzgesetz!“

Burger zieht Konsequenzen aus der Drohung und aus der Situation in Deutschland. Als er im Sommer 1932 ein Angebot des Deutschen Theaters in Prag bekommt, nimmt er an und kehrt in seine Heimatstadt zurück. Doch auch dort gerät er schnell in Verdacht, ein Kommunist zu sein, was ihm am Theater Schwierigkeiten einbringt. Trotzdem gelingt es ihm, im Spätherbst Cocteaus „Geliebte Stimme“ zu inszenieren. Daneben beginnt er erneut, zu experimentieren. Diesmal versammelt er Laienschauspieler um sich und versucht, das Arbeitertheater in Prag zu etablieren. Die Prager deutsche „Rote Fahne“ druckt von ihm eine Artikelreihe „Neue Wege des Arbeitertheaters“, in der er versucht, das Agit-Prop-Theater zu analysieren und zu reformieren. Gleichzeitig beginnt er, erste Experimente mit dem Film zu machen und nimmt Teil an der Diskussion über den Sozialistischen Realismus. Er will die Wahrheit über die Wirklichkeit zeigen und schreibt:

F.C. Weißkopf
„Wenn man einen Apfel auf einen Baum wirft und diesen Flug dabei filmt […], dann entsteht zwar ein wirkliches, ungelogenes reales Bild, aber die Wahrheit ist, dass die Äpfel vom Baum runterfallen. Wenn in einem Film ein Millionär seine arme Sekretärin heiratet, dann ist das so ein hinauffallender Apfel. Passieren kann es. Aber Hunderte von Filmen, Büchern, Theaterstücken behandelten dieses Thema vom Happy-End für das arme Mädchen und machten daraus eine `typische´ Entscheidung.“

Nach Hitlers Machtergreifung 1933 kommen immer mehr Flüchtlinge aus Deutschland in die Tschechoslowakei. Es sind Intellektuelle, Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden, die über die Schrecken der Nazi-Herrschaft berichten. Burger beginnt aktiv, in der kommunistischen Bewegung mitzuarbeiten, auch wenn er noch nicht in der Partei ist. So wird er zum Beispiel verantwortlicher Redakteur der „Volksillustrierten“, einer Bild-Wochenschrift, deren Mitarbeiter F.C. Weißkopf und Johnnie Heartfield sind, für die er aber nie schreibt. Er ist nur eine Art Strohmann. Die Partei tritt aber auch mit riskanteren Aufträgen an ihn heran und so reist er Mitte 1935 einmal als Kurier nach Berlin.

Konrad Henlein
Nach dem Anschluss Österreichs aber beginnt er ein ganz besonderes Projekt: Ein Dokumentarfilm über den Aufstieg der Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins. Die Idee dazu hat der amerikanische Journalist Herbert Kline. Beide reisen oft in die deutschen Grenzgebiete der Tschechoslowakei, filmen Aufmärsche und Reden der Sudetendeutschen Partei, aber auch Reden von deutschen Gegnern der Nazis. Ein deutscher Antifaschist:

„200.000 deutsche Wähler, Arbeiter und andere freiheitsliebende deutsche Bürger der tschechoslowakischen Republik haben erkannt, dass der freundliche Nazismus ein gemeiner Betrug ist. Die zweite Erklärung daher, die wir in der heutigen Kundgebung abgeben, lautet: Wir lehnen die faschistische Totalität ab und geben unserer Überzeugung Ausdruck, dass für den Arbeiter nationale Freiheit ohne politische Freiheit wertlos ist.“

„Crisis“
Noch heute sind die Aufnahmen eindrucksvoll, vor allem, weil es der einzige Dokumentarfilm aus dieser Zeit und über diese Zeit ist. Burger filmt auch, kurz vor dem Anschluss, eine Rede von Funktionären der Sudetendeutschen Partei:

„Das wir uns in die demokratische Verfassung fügen, das wir unser blinden Glauben an unseren von Gott gesandten Führer aufgeben, dass ist es, was die Tschechen uns vorschreiben wollen. Das wir unsere nationalsozialistische Weltanschauung aufgeben und warten, was sie uns gnädigerweise gewähren wollen. Aber wir brauchen ihre Gnade nicht, weil wir erreichen, was wir erreichen wollen. Wir sind einig in unserem Willen.“

Herbert Kline
Sie sollten Recht behalten. Burger und Kline schaffen es nicht mehr, ihren Film vor dem Anschluss des Sudetenlandes an Deutschland fertig zu stellen. Die letzten Aufnahmen im Grenzgebiet machen sie im Mai 1938. Die Filmteile werden außer Landes geschmuggelt, getarnt als Film „Böhmens Haine und Seen“. In Paris entsteht die musikalische Begleitung, der Kommentar wird erst in New York eingesprochen. Hans Burger flüchtet im Dezember 1938 über Paris, wo seine Eltern leben, nach Amerika. Im März 1939 läuft „Crisis“ dann in den amerikanischen Kinos, während Hitler fast zeitgleich in Prag einmarschiert. Der Film hat, sicherlich durch die Ereignisse in Europa befeuert, Erfolg und wird sogar durch den National Board of Review zum besten Film des Jahres erklärt.

Burgers Eltern und Geschwister schaffen ebenfalls die Flucht aus Europa nach Amerika, aber dennoch hinterlassen Besatzung und Krieg tiefe Spuren in ihm. Seine Tochter erinnert sich:

„Ich habe ihn als sehr sehr nachdenklich kennen gelernt. Mit seinen Augen schaute er in die Ferne. Das war sehr zentral. Heute denke ich, dass er ganz viel an seine Verwandten dachte, die im KZ umgekommen waren. Also ich vermute, dass er ganz viel damit beschäftigt war.“

Burger beginnt in Amerika, Theater und Dramaturgie zu unterrichten und unternimmt erste Schritte im Fernsehen, ein Medium, das ihn ungemein fasziniert. Aber einer möglichen Karriere kommt der Kriegsausbruch in die Quere. Und Burger will die Nazis aktiv bekämpfen und meldet sich zur tschechoslowakischen Exilarmee. Dort weist man ihn als Kommunist aber ab. Auch die amerikanische Armee will ihn nicht als Freiwilligen annehmen, er ist ihnen als so genannter „vorzeitiger Antifaschist“ suspekt. Erst als er im Sommer 1942 regulär eingezogen wird, beginnt sein Kriegseinsatz.


Nächste Woche können Sie in unserem Kultursalon im zweiten Teil mehr über Burgers Kriegsjahre als amerikanischer Propagandasoldat, seine Karriere bei der UNO und seine Rückkehr in die Tschechoslowakei 1950 erfahren.