Das Bezirksarchiv in Liberec

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Herzlich willkommen zur heutigen Ausgabe vom Regionaljournal. Alte und beinahe zerfallene Dokumente haben einen besonderen Reiz. Bei ihrem Anblick atmet uns die Geschichte entgegen, man stellt sich Jahrhunderte alte Menschen vor, die sie geschrieben oder gelesen haben. Wertvolle Dokumente bewahrt auch das staatliche Bezirksarchiv in der nordböhmischen Stadt Liberec/Reichenberg auf, das wir heute unter anderem besuchen werden. Es begrüßen Sie hierzu Olaf Barth und Dagmar Keberlova.

Das Bezirksarchiv in Liberec verwaltet wie jedes andere Archiv die wichtigsten Dokumente der Region. In das Archiv werden Dokumente aus verschiedenen staatlichen Institutionen, Schulen, Verbänden aufgenommen. Nicht zuletzt werden auch Nachlässe berühmter Persönlichkeiten archiviert und dies alles passiert kontinuierlich, damit auch die Gegenwart für die Zukunft dokumentiert bleibt. An den alten Dokumenten macht sich allerdings der Zahn der Zeit bemerkbar und so sind die ältesten oft in sehr schlechtem Zustand. Das Bezirksarchiv in Liberec versucht seit 1994 die am meisten bedrohten Dokumente zu retten. Warum der Großteil der Dokumente aus der Zeit stammt, in der der Stadt das Stadt- und das Zunftrecht verliehen wurde, dies war die erste Frage an die Leiterin des Stadtarchivs in Liberec, Hana Chocholouskova:

"Diese Privilegien wurden immer schon für sehr wichtig gehalten. Diese Dokumente waren oft in den Städten und Gemeinden ausgestellt und aufgrund dessen auch durch verschiedene äußere Einflüsse wie Sonnenlicht beschädigt. Oder diese Dokumente wurden schlecht gelagert und mit nicht dazugehörigen Anmerkungen versehen. All dies muss von den Urkunden, die oft auf Pergamentpapier festgehalten sind, beseitigt werden."

So ließen die Angestellten im Vorjahr 17 historische Dokumente konservieren, um sie auch weiterhin zu erhalten. Unter diesen Urkunden waren Privilegien für Städte wie Frydlant von Albrecht von Wallenstein aus dem Jahre 1628 oder für Cesky Dub von Maria Theresia aus dem Jahr 1761. Des weiteren wurde aber auch ein wertvolles Arztdiplom von Vaclav Samanek aus Liberec gerettet, der die damalige tschechische Minderheit aus dieser Gegend um sich versammelte.

Die Gegend um Liberec war eine Region, in der bis 1945 vorwiegend Deutsche gelebt haben. Dementsprechend betreffen auch die meisten Dokumente die deutsche Bevölkerung. Die tschechische Minderheit hingegen lebte nur in der Umgebung von Cesky Dub. Uns hat interessiert, von wem dieses Archiv vorwiegend besucht wird. Hierzu die Antwort der Archivsleiterin Hana Chocholouskova:

"Unser Archiv besuchen auch die hier geborenen Deutschen, die nach Deutschland abgeschoben wurden. So recherchieren hier oft private Personen aus verschiedenen Anlässen. Interesse besteht auch seitens der Ämter, wenn ein Deutscher ohne Nachkommen stirbt und wir recherchieren dann nach seiner Familie, ob sie die damalige Tschechoslowakei verlassen musste, wo sie jetzt lebt oder ob sie angeheiratet hat."

Die Dokumente des Archivs sind der Öffentlichkeit zugänglich und können dort studiert werden. Die wertvollsten Urkunden werden im klimatisierten Tresor aufbewahrt, wo optimale Bedingungen für ihre Konservierung herrschen, also Temperaturen um 15 Grad und eine Luftfeuchtigkeit zwischen 50 und 60 Prozent. Welche Dokumente zu den meist geschätzten zählen, war unsere letzte Frage an Hana Chocholouskova:

"In unserem Archiv sind die ältesten Dokumente aus der Hälfte des 14. Jahrhunderts und stammen aus Gondorf an der Mosel, sind also gar nicht hiesiger Provenienz. Der Grund dafür ist, dass Johann Liebig ein Gut an der Mosel besaß und sein Familienarchiv mitbrachte."

Ansonsten besitzt das Archiv seiner Leiterin Chocholouskova zufolge erst seit Mitte des 15. Jahrhunderts kontinuierlich Dokumente, denn diese bewaldete Gegend wurde im Unterschied zu Süd- oder Mittelböhmen relativ spät besiedelt.

Für die Zukunft bleibt dem Archiv noch einiges an Restaurierungsarbeiten, fügt Chocholousova hinzu, und so werden Besucher wie Wissenschaftler künftig einiges zu bewundern haben.

Die nordböhmische Stadt Zatec/Saaz ist ebenso wie das benachbarte Louny durch eine lange Tradition mit dem Hopfenanbau verbunden. Beide Städte sind von weiten Hopfenfeldern umgeben, die hier so selbstverständlich ein Bestandteil der Landschaft sind wie in Südmähren die Weinberge. Über 700 Jahre schon lebt die Bevölkerung vom Anbau und der Verarbeitung von Hopfen. Hopfen bestimmte seit damals über den Wohlstand oder wiederum Armut der Menschen. Hopfen hat also in Zatec einen hohen Stellenwert und wird entsprechend geehrt. Ein Hopfenmuseum gibt es Zatec schon. Kürzlich kam die Stadt mit der interessanten Idee, einen Weltdom des Hopfens zu bauen. Um mehr von diesem Projekt zu erfahren, riefen wir den Stadtarchitekten Jiri Vanicek an und wollten von ihm wissen, wie er eigentlich auf diese Idee kam. Hierzu seine Antwort:

"Hopfen war in Zatec immer eine Art Götze und so dachten wir, dem Hopfen nicht ein Museum, das es bereits in Zatec gibt, sondern einen Dom zu bauen. Einen Dom nicht im Sinne einer Kathedrale, sondern als Symbol des Reichtums."

Der Weltdom des Hopfens soll innerhalb von drei Jahren in Zatec erwachsen. Er ist ein Teil der Konzeption der Stadt, die ihr Image als Zentrum des Anbaus und der Verarbeitung von Hopfen stärken soll. Den Worten des Architekten Vanicek zufolge wird es eine Art Show sein, die Touristen anlocken soll. Aber unter dem Namen Weltdom des Hopfens kann man sich vieles vorstellen. Deshalb fragten wir Jiri Vanicek, wie dieses Projekt konkret aussehen soll:

"In Zatec gibt es derzeit ein klassisches Museum, das dem Hopfenanbau gewidmet ist. In dem Museumsgebäude befindet sich eine traditionelle, touristisch wenig attraktive Ausstellung, auch wenn sie historisch sehr wichtig ist, da sie die Geschichte des Hopfenanbaus dokumentiert. Wir wollen dieses Objekt mit einem benachbarten Objekt der Hopfenlagerung so verbinden, dass sich diese beiden Objekte thematisch ergänzen. Eine klassische Ausstellung mit einer modernen, attraktiven Einrichtung."

So etwas wie eine Art Hopfen Disneyland, fügte der Stadtarchitekt Vanicek hinzu und konkretisierte, dass die zwei Gebäude mit einer Brücke verbunden werden. Ein Bestandteil des Doms wird neben touristischen Attraktionen auch eine Bierstube mit einem Bieraltar werden. Nicht fehlen sollen eine Sammlung von Bierrekorden und Kuriositäten. Geplant ist auch die Veranstaltung der ersten Weltbierolympiade. Die Enthüllung des Projektes soll anlässlich der tausendjährigen Feiern zur ersten schriftlichen Erwähnung der Stadt Zatec im Jahre 2004 stattfinden. Bis dahin also müssen sich alle Neugierigen gedulden. Gleichzeitig werden alle Interessierten, die Anregungen für das Projekt haben, vom Stadtarchitekten Vanicek aufgefordert, der Stadt ihre Ideen zukommen zu lassen.

Abschließend noch ein kurzer Tipp für alle, die demnächst in die mährische Stadt Olomouc/Olmütz aufbrechen wollen. In einer der letzten Ausgaben des Regionaljournals berichteten wir von der umfangreichen Rekonstruktion der berühmten Pestsäule in Olomouc, die in die UNESCO-Liste aufgenommen wurde. Eine einzigartige Gelegenheit, die renovierten Skulpturen zu besichtigen, besteht vom 28. Februar an, wenn die Skulpturen im Kunstmuseum der Stadt Olomouc ausgestellt werden. Der barocke Schmuck aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der die 35 Meter hohe Pestsäule schmückte, wurde im Rahmen der Renovierung der Säule abgenommen. Die Renovierung der Statuen ist bereits abgeschlossen und bevor die Statuen wieder an ihren ursprünglichen Platz zurückkehren, werden die Werke der Öffentlichkeit vorgestellt, so Jitka Brabcova vom Olmützer Rathaus. Die Ausstellung wird die Besucher auch mit Forschungsergebnissen sowie mit der Arbeit der Restauratoren bekannt machen. Ebenfalls wird ein Ölgemälde ausgestellt, auf dem zu sehen ist, wie die Pestsäule kurz nach ihrer Entstehung ausgesehen hatte.

Die Dreifaltigkeitssäule hat aufgrund ihrer Höhe, bildhauerischen Ausschmückung und originellen architektonischen Gestalt in Europa keine Konkurrenz. Gerade aus diesem Grund wurde sie auch auf die Liste der wichtigsten Weltdenkmäler aufgenommen. Die Rekonstruktion der Dreifaltigkeitssäule, die sich insgesamt auf 15 Millionen Kronen beläuft, dauert bereits 3 Jahre. Das komplette, rekonstruierte Werk wird man im August dieses Jahres besichtigen können.

So und hiermit verabschieden wir uns, liebe Hörerinnen und Hörer, von der heutigen Ausgabe des Regionaljournals, in der wir zusammen das nordböhmische Liberec und Zatec sowie das mährische Olomouc besucht haben. Vom Mikrophon verabschieden sich und auf ein Wiederhören in zwei Wochen freuen sich Olaf Barth und Dagmar Keberlova.

Autoren: Olaf Barth , Dagmar Keberlova
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