Das Sandtor: Die barocke Befestigungsanlage Prags und ihre Relikte

Das Sandtor (Písecká brána) ist heute ein beliebtes Kulturzentrum inklusive Café im sechsten Prager Stadtbezirk

Zu der Zeit, als Prag im Norden von den barocken Marienschanzen geschützt wurde, entstand auch ein bedeutendes Wahrzeichen der damaligen Epoche. Es befindet sich in der Nähe des Lustschlösschens der Königin Anna, eingekeilt zwischen der Bastei der heiligen Ludmila und der Bastei des heiligen Georg auf dem Hradschin. Die Rede ist vom Sandtor (tschechisch: Písecká, auch Písečná oder Bruská brána). Eigentlich sollte es Karlstor heißen, benannt nach Karl VI., unter dessen Herrschaft das Tor erbaut wurde. Doch zu einer offiziellen Benennung ist es eigentlich nie gekommen. Das Tor wurde am 9. Mai 1721 feierlich eröffnet, also vor 300 Jahren.

Prags Stadtbild wird durch die Stellung als Metropole enorm geprägt

Außenseite des Sandtors,  Ansicht vom Charlotte-Garrigue-Masaryk-Park | Foto: Dana Martinová

Das Sandtor steht in der Straße K Brusce. Es ist das einzige erhaltene Befestigungstor aus der Barockzeit in Prag, wenn man die drei Tore der zweiten Burg in der Stadt, dem Vyšehrad, nicht hinzuzählt. Sein Name ist abgeleitet von der längst verschwundenen Ansiedlung Na Písku (deutsch: auf dem Sand), die sich im Mittelalter nahe der Moldau befand. Die einstige Stadtbefestigung aus der Barockzeit, oder besser gesagt ihre mehr oder weniger gut erhaltenen Überreste, entdeckt man jedoch noch an anderen Stellen Prags. Man sollte sie aber nicht mit den Relikten des gotischen Befestigungssystems verwechseln, das den historischen Kern Prags begrenzte. Allerdings sind beide Anlagen interessant, vervollständigen sie doch anschaulich die stadtplanerische Entwicklung der Stadt. Dies meint zumindest der Archäologe Jan Hasil:

Jan Hasil | Foto: Adriana Krobová,  Tschechischer Rundfunk

„Wenn wir die Dauer der Besiedlung des Prager Beckens beziehungsweise Prags mit anderen europäischen Metropolen vergleichen, lässt sich konstatieren, dass es hier eine sehr lange, möglicherweise sogar die überhaupt längste Kontinuität gab. Tatsächlich geht sie schon auf die Anfänge der historisch belegten Herrschaft der Přemysliden zurück, also der ersten böhmischen Regenten um die Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert. Prag war eine Residenzstadt, von hier aus wurde das ganze Land regiert. Ganz im Unterschied zum Beispiel zum Territorium des heutigen Deutschlands, wo die Zentren der Macht auf viele Stützpunkte, die sogenannten Pfalzen, verteilt waren. Und diese Machtzentren wurden vom Herrscher aufgesucht, je nachdem wie sich die politische Lage entwickelte. Prags Stadtbild hat sich natürlich während der gesamten Zeit als Metropole beträchtlich verändert. Und wir Archäologen können diese Verwandlungen sehr gut an der Stadtbefestigung beobachten.“

Die Straße Auf der Bastei des heiligen Georg  (Na baště sv. Jiří) in Prag 6,  unweit des Sandtors | Foto: Dana Martinová

Für seine Größe und die prächtigen Bauten wurde Prag schon im frühen Mittelalter bewundert. Aus heutiger Sicht aber wirkt die damalige Ausdehnung der Stadt am linken Moldauufer eher bescheiden. Der nach militärischen und politischen Gesichtspunkten stärkste befestigte Bau war natürlich die Prager Burg. Mit mächtigen meterdicken Holzerdemauern, die drei bis vier Meter hoch waren, und einem vorgelagerten Graben war aber auch die Vorburg auf der heutigen Kleinseite befestigt – genauso wie die an die Burg grenzende Siedlung auf dem heutigen Hradschin. Hinzu kam in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts die zweite Prager Feste, der Vyšehrad. In dieser Gestalt präsentierte sich die Stadt im Wesentlichen bis zum 12. Jahrhundert. Zum Vergleich: Die Entstehung einer zusammenhängenden Siedlung in der heutigen Prager Altstadt lässt sich erst für die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts eindeutig belegen. Und der Bau der dortigen Mauern ist datiert auf die Jahre 1249 bis 1253, als König Wenzel I. herrschte.

König Wenzel I. | Quelle:  Karlsuniversität in Prag,  Wikimedia Commons,  gemeinfrei

„Damit nähern wir uns schon der Zeit, die als hochmittelalterliche Transformation bezeichnet wird. Sie war gleichbedeutend mit einer tiefen Umwandlung und der höchsten Blüte der damaligen Gesellschaft. So erhielten zum Beispiel die Städte eine Reihe von Gesetzen, die Wohlstand und Wachstum befördern sollten. Ebenso verschob sich die Bedeutung der Stadtbefestigung. Die hochmittelalterlichen Mauern sollten nicht mehr nur vor Feinden schützen, sondern auch die Rechtsstellung der Einwohner absichern. Die Mauern wurden zum Symbol für Sicherheit und Ordnung. Aber sie dienten auch als eine Art fiskalische Grenze, denn an ihren Toren mussten verschiedene Gebühren entrichtet werden wie Maut, Zoll, Verzehrsteuer und Ähnliches. Zu jener Zeit bestand Prag aus zwei selbständigen Städten: der Altstadt und der Kleinseite. Jede von ihnen hatte ihre eigene Selbstverwaltung, ein Rathaus und eine Mauer. Wo die alten Stadtmauern standen, ist trotz der dichten Bebauung auch heute noch gut zu erkennen, weil das Straßennetz ihnen angepasst wurde: Sie verliefen vom Moldauufer in Richtung Nationalstraße (Národní, Anm. d. Red.), über den Boulevard ‚Am Graben‘ (Na Příkopě, Anm. d, Red.) und die Revolutionsstraße (Revoluční, Anm. d. Red.) zurück zur Moldau.“

Dreißigjähriger Krieg zeigt Schwachstellen der hochgotischen Befestigung auf

Der am besten erhaltene Abschnitt der gotischen Befestigung der Prager Neustadt oberhalb der Straße Na Slupi. Zu sehen sind auch die darüber anschließenden barocken Mauern. | Foto: Dana Martinová

Die hochgotische Befestigung der Altstadt war zu ihrer Zeit ein großartiger Bau. Die Mauern mit Zinnen waren zehn bis zwölf Meter hoch, der Zwinger 15 bis 20 Meter breit. Hinzu kamen ein acht Meter tiefer Graben und ein Wall. Dann aber im Jahr 1348 präsentierte Karl IV. sein grandioses Projekt der Prager Neustadt, das Prag in die vordere Reihe der europäischen Städte erheben sollte. Bestandteil des neuen Stadtviertels war auch eigene Befestigung, und so verloren die Altstädter Mauern ihren Sinn.

Die Hungermauer auf den Hängen des Laurenzibergs. Sie sind Bestandteil des gotischen Befestigungswerks. | Foto: Dana Martinová

„König Karls Projekt der Neustädter Mauern bestand im Bau eines Walls, der von der neu befestigten Burg Vyšehrad von Süden nach Norden ungefähr auf der Achse der heutigen Stadtautobahn verlief. Der Wall überbrückte den Botič-Bach, ging durch das Karlov-Areal und entlang der heutigen Straße Mezibranská bis zum Nationalmuseum. Damals stand dort das Tor des heiligen Prokop. Der Wall endete in der Straße Těšnov nahe dem heutigen Busbahnhof Florenc. Heute ist der Mauerteil oberhalb der Straße Na Slupi noch am besten erhalten. Aber auch das linke Moldauufer erfuhr zu Zeiten Karls IV. eine Verwandlung. Noch heute kann man die sogenannte Hungermauer an den Hängen des Laurenziberg (Petřín, Anm. d. Red.) entdecken. Dies war wieder ein visionärer Schritt Königs Karl IV., denn der Laurenziberg war zuvor nicht befestigt gewesen. Da sich die Militärtechnik aber weiterentwickelt hatte, musste auch die Anhöhe über Prag gesichert werden. Die gotischen Stadtmauern dienten bis zum Dreißigjährigen Krieg. Dann traten jedoch ihre Unzulänglichkeiten offen zutage, beispielsweise 1648 bei der Belagerung Prags durch die Schweden. Damit kommen wir bereits zur barocken Stadtbefestigung, mit deren Bau im 17. Jahrhundert begonnen wurde. Es war die Antwort auf den enormen Aufschwung des Wehrwesens, einschließlich der markanten Erweiterung der Artillerie.“

Ein Turm der gotischen Hungermauer auf dem Laurenziberg | Foto: Dana Martinová

Die schlechten Erfahrungen aus dem Dreißigjährigen Krieg führten in der Mitte des 17. Jahrhunderts zu dem Entwurf, Prag einschließlich des Vyšehrad in eine moderne Barockfestung zu verwandeln. Diese Entscheidung von Kaiser Ferdinand III. beeinträchtige jedoch stark die urbane Entwicklung. Das neue Befestigungssystem im Zeichen der barocken Bastion-Doktrin zerstörte zwar nicht die Struktur der Stadt, veränderte aber ihr Aussehen und beeinträchtigte die Kontakte mit dem Umland. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts isolierte es nämlich Prag von den allmählich wachsenden Vororten.

Ein Barockjuwel: das Leopold-Tor auf dem Vyšehrad | Foto: Dana Martinová

„Der Ausbau des barocken Festungswerks in Prag dauerte etwa 75 Jahre lang, und es war in keinem Fall ein einfacher Prozess. Die hierbei genutzte Technologie war deutlich anspruchsvoller als alles Vorangegangene. Typisch für die barocke Befestigung sind Mauerziegel, durch Steinarmierungen verstärkt, fünfeckige Bastionen und hohe Erdaufschüttungen. Jede Bastion bekam nicht nur eine Nummer, sondern wurde auch nach Heiligen benannt. Die Nummerierung begann auf der Kleinseite bei der Straße Újezd, dort stand die Bastion Nr. I. Die höchsten Zahlen von XXXIII bis XXXX hatten die Bastionen auf dem Vyšehrad. Am Bau der Befestigung haben sich bedeutende Architekten wie Carlo Lurago, Domenico Orsi, Giovanni Battista Alliprandi sowie Christoph und Kilian Ignaz Dientzenhofer beteiligt. Die berühmten Baumeister waren die eine Seite der Münze, die andere waren die Sträflinge, die mit bloßen Händen die Befestigungsarbeiten durchführen mussten. Welch harte Bedingungen hier herrschten, belegen die sterblichen Überreste, die man bei archäologischen Forschungen am Befestigungswerk später gefunden hat. Hier arbeiteten nicht nur Verbrecher, sondern auch sogenannte Gewissensgefangene. Zum Bau des Sandtors wurden beispielsweise geheime Nichtkatholiken eingesetzt. Das war im Rahmen der letzten Welle der Rekatholisierung Böhmens. Sogar Frauen waren unter ihnen.“

Barocke Befestigung wird noch heute in der Stadtlandschaft respektiert

Das Tábor-Tor,  errichtet im Frühbarock,  ist die Eingangspforte zum Vyšehrad | Foto: Dana Martinová

Man hätte glauben können, dass der neue Bau einen guten militärischen Schutz bot, doch das Gegenteil war der Fall. Die Schwachstellen des ganzen Konzepts waren die nicht befestigten Höhen in der Umgebung wie der Vítkov oder der Weiße Berg. Sie besaßen eine Schlüsselstellung, denn sie eigneten sich gut für die Kanonen der Feinde und eine Bombardierung der Stadt. Die Befestigung war daher recht bald schon veraltet. Letztlich behinderte sie den weiteren Aufschwung Prags zum Beispiel durch den Bau von Eisenbahnverbindungen und Straßen. Den letzten Beweis für ihre Funktionsuntüchtigkeit lieferte der sogenannte Deutscher Krieg. Denn 1866 musste sich Prag kampflos den Preußen ergeben. Ab 1874 verschwanden die Mauern allmählich. Zum Glück wurde nicht alles demoliert...

Teil der Bastion XIX,  wo auch die Kramář-Villa steht. Ansicht vom Letná-Park. | Foto: Dana Martinová

„Die bis heute am besten erhaltene Anlage des barocken Befestigungssystems von Prag ist eindeutig die Zitadelle Vyšehrad. Durch den damaligen Umbau verlor sie zwar ihre ursprüngliche frühmittelalterliche Gestalt fast gänzlich, aber als barocke Festung wirkt sie unglaublich authentisch, einschließlich der Kasematten und Tore. Von den Stadtmauern am rechten Ufer der Moldau ist wenig übriggeblieben. Einzig die Barockbastion XXXI im Karlov-Areal, auch ‚Zur Gottesmarter‘ genannt, ist erwähnenswert. Am linken Moldauufer ist die Bastionenfront am Laurenziberg am besten erhalten. Zudem finden wir dort die nicht zu übersehende Dominante des Letná-Panoramas, die Bastion der heiligen Maria Magdalena mit der Villa Kramář. Diese Bastion war ein Teil der ehemaligen Marienschanzen, benannt nach der heute nicht mehr existierenden Kapelle der Jungfrau Maria in der Nähe des Sandtors. Die Mauern verliefen von der Pulverbrücke über den Platz Pohořelec und den Laurenziberg bis zur Moldau, auf der anderen Seite dann bis zur Letná-Anhöhe. Man kann sagen, dass die Stadtlandschaft am linken Moldauufer den früheren Verlauf der Mauern bis heute respektiert.“

Die mächtigen Relikte der Marienschanzen säumen die Keplerstraße,  die die Stadtviertel Hradschin und Střešovice voneinander trennt | Foto: Dana Martinová

Den Augen eines scharfsinnigen Betrachters entgeht dieser Respekt vor der urbanen Entwicklung Prags sicher nicht. Er zeigt sich an jenen Orten, die kulturhistorisch wertvoll sind. Viele Befestigungselemente überdauerten etwa in Form von Terrassenmauern. Auch die Namen vieler Straßen weisen auf die Anlagen hin, beispielsweise Na Valech (Auf dem Wall), Pod Valy (Unter dem Wall), Mariánské hradby (Marienschanzen), Na baště sv. Ludmily (Auf der Bastei der heiligen Ludmila) oder Na baště sv. Jiří (Auf der Bastei des heiligen Georg). Die beiden letztgenannten befinden sich unweit des Sandtors.

Die imposante Spitalbastion säumt den Weg vom Strahov-Kloster hinauf zum Laurenziberg | Foto: Dana Martinová

„Das Sandtor wurde erst im Jahr 1721 fertiggestellt. Das zeigt die unglaublich lange Zeit, die für den Bau des Festungswerks gebraucht wurde. Auf dem linken Prager Moldauufer ist es das einzige erhaltene Tor, aber auch das kleinste. Das sogenannte Reichstor, auch bekannt als Strahov-Tor, war wesentlich monumentaler. Ebenso das Újezd-Tor, das die heutige Kleinseite vom Stadtteil Smíchov getrennt hat. Im Unterschied zu diesen beiden blieb das Sandtor nach 1900, als die Befestigungen um das Bauwerk herum reduziert, modifiziert oder ganz demoliert wurden, wegen glücklicher Fügungen stehen. Im 20. Jahrhundert verfiel das Tor zusehends. Erst im Jahr 2000 wurde mit seinem Umbau und einer historischen Bauforschung begonnen. 2014 wurde es dann komplett restauriert, und auch das Gelände vor und hinter dem Tor wurde verwandelt. Damit geht die Bemühung einher, der Öffentlichkeit endlich die archäologische Sehenswürdigkeit in ihrer Gesamtheit würdig zu präsentieren. Denn hinsichtlich der Fläche und vielleicht auch der Authentizität war die barocke Befestigung der größte historische Bau in Prag. Dies wurde der Öffentlichkeit bis vor kurzem mit Ausnahme des Vyšehrad in keiner Weise so dargestellt. Glücklicherweise ändert sich das derzeit, und das ist sicherlich ein positiver Trend.“

Oberhalb des Max van der Stoel-Parks ragt das Relikt der Bastion des hl. Franz von Borja heraus. Diese Fläche auf dem Hradschin wurde rekonstruiert,  als der darunter führende Blanka-Tunnelkomplex gebaut wurde. | Foto: Dana Martinová
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