Der 1. Mai im Spiegelbild der Geschichte - er hat an Bedeutung verloren

1. Mai 2002: Anarchisten in Brno Brün (Foto: CTK)

Der 1. Mai wird seit nunmehr 112 Jahren als Internationaler Tag der Arbeit, oder wie man in früheren Zeiten zu sagen pflegte, als Kampf- und Feiertag der Arbeiter begangen. Ihn als solchen zu begehen und auf Kundgebungen öffentlich wirtschaftliche und politische Forderungen der arbeitenden Schichten kundzutun, dies war auf dem II. Kongress der Sozialistischen Internationale im Juli 1889 in Paris beschlossen worden. Die Festlegung auf den 1. Mai war eine Referenz an den 1. Mai 1886, als bei einem Generalstreik in Chicago bis zu 350.000 Arbeiter für die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit von zehneinhalb auf acht Stunden demonstriert haben. Als Folge dieses Generalstreiks war es zwei Tage später zu blutigen Zusammenstößen der Arbeiter mit der Polizei gekommen, bei denen sechs Demonstranten getötet wurden. Einen Tag darauf hatte der Bombenwurf eines unbekannten Provokateurs zu weiteren Opfern geführt. Lothar Martin suchte im Archiv des Tschechischen Rundfunks einige Stimmen zur Geschichte des 1. Maies und über die Feierlichkeiten zum Tag der Arbeit aus. Seine Partnerin am Mikrofon ist Markéta Maurová.

Der Aufruf, den 1. Mai 1890 weltweit als den Kampf- und Feiertag der Arbeiter zu begehen, fand in allen Ländern breiten Widerhall. Seine Vorbereitungen waren in vielen Staaten ein Signal zur neuen Entfaltung der Arbeiterbewegung. Das war auch in Nordwestböhmen der Fall, wo die Arbeiterbewegung in den Jahren davor durch Verfolgung in die Illegalität verdrängt worden war. Seit dem misslungenen Streik der nordböhmischen Bergleute im Jahre 1882, bei dem 51 Arbeiterführer verurteilt wurden, waren alle öffentlichen Arbeiterversammlungen verboten und die in langen Jahren aufgebaute starke sozialistische Organisation vernichtet worden. Die Begeisterung jedoch, mit der gerade die nordböhmische Bevölkerung den Aufruf zur Feier des 1. Mai aufnahm, zeigte, dass die Vernichtung der sozialistischen Bewegung nur eine scheinbare war.

Damals trafen sich in Sous mehr als 3000 Menschen. 1000 von ihnen konnte der Saal fassen, die weiteren standen fünf Stunden im Freien, denn so lange dauerte die Sitzung. Tschechische und deutsche Arbeiter trafen sich an diesem Tag. Die Arbeiterfunktionäre hielten ihre Referate in beiden Sprachen und nahmen in ihren Ausführungen zu der Notlage der Arbeiter, hauptsächlich zu der der Bergleute, Stellung. Immer wieder betonten sie die Notwendigkeit der Forderungen für den Acht-Stunden-Tag und das allgemeine Wahlrecht.

Soweit eine Reminiszenz zum 1. Mai 1890 im nordböhmischen Bergbaugebiet. Doch wie verlief eigentlich dieser Tag in der größten böhmischen Stadt, in Prag. Daran erinnerte sich vor 41 Jahren, im Mai 1961, der ehemalige Kommunist Josef Böhm. In seinen Erinnerungen spielt auch der bekannte Journalist und Schriftsteller Jan Neruda, der sich in kämpferischen Feuilletons zum revolutionären Auftreten der noch jungen Arbeiterklasse bekannt hat, eine gewichtige Rolle.

"Ich bin jetzt 86 Jahre alt. Es ist nunmehr 71 Jahre her, als man erstmals Vorbereitungen zur Durchführung von Kundgebungen und Feiern zum 1. Mai getroffen hat. Das war damals ein regelrechter Aufruhr in Prag. Alle hatten Angst davor, was an diesem Tag passieren könnte. Ich war damals 15 Jahre alt, Schustergeselle und habe das Ganze nicht verstanden. Aber ich hatte große Freude darüber, dass die Herrschaften begannen, sich vor dem 1. Mai zu fürchten. So wurde auch uns Gesellen verboten, an den Kundgebungen zum 1. Mai teilzunehmen. Es hieß, dass die Arbeiter plündern und stehlen werden, daher hätten wir unsere Werkstatt zu bewachen. Ich als jüngster Geselle musste auf das Schuhwerk aufpassen. Der beste unter unseren Kunden war Jan Neruda. Er gab 100 Goldstücke, während andere Kunden höchstens mit fünf Kreuzern bezahlten. Darüber hinaus schenkte er uns immer ein Pardubitzer Lebkuchen oder ein Brötchen und fragte: 'Wie geht es? Was machst Du?' Das war seine regelmäßige Ansprache. Er stand mir gegenüber: ein alter Mann mit langem Bart und einem Zwicker am Auge. Immer war er um unser Schicksal besorgt. Als ich ihm sagte, die Werkstatt am 1. Mai wegen der plündernden Arbeiter nicht verlassen zu dürfen, da lachte er und sprach, dass nichts dergleichen passieren werde und auch ich die Maifeierlichkeiten besuchen solle. Auch er gehe dahin. Zunächst hatte ich Angst, weil es hieß, dass an diesem Tag geschossen werde. Da aber auf den Straßen nichts dergleichen passiert war, bin ich abends auf die Schützeninsel gegangen, wo eine fröhliche Feier stattfand, was mich riesig überrascht hat. Die Insel war voller Leute. Für mein Ausbüchsen wurde mir jedoch tags darauf zu Hause der Hintern versohlt. Aber ich hatte den 1. Mai 1890 hautnah miterlebt."

1. Mai 2002: Anarchisten in Brno Brün (Foto: CTK)
Auch im 20. Jahrhundert wurde der 1. Mai in Böhmen, Mähren und der Slowakei bzw. der späteren Tschechoslowakei würdig begangen. Dabei spielten die historischen Ereignisse ihrer Zeit eine wesentliche Rolle. Der 1. Mai 1918 stand zum Beispiel ganz im Zeichen der Auswirkungen des Ersten Weltkrieges. Darauf verwies auch Michal Korman, der seine Erinnerungen an diesen Tag wie folgt beschrieb: "Die Erinnerungen an den 1. Mai 1918 müssen wir mit der Frage verknüpfen, wie war die Situation vor dem 1. Mai 1918 sowohl bei uns in der Slowakei als auch in den tschechischen Ländern. Mit der Verkündung des Weltkrieges hatte in der Slowakei der Puls des gesamten politischen Lebens aufgehört zu schlagen. Die Nationalpartei der Slowakei hatte gleich zu Beginn des Krieges ihre Tätigkeit eingestellt und sie erst nach Kriegsende wieder erneuert."

Unter diesen Hintergründen wurde also 1918 der 1. Mai in der Slowakei begangen. Wie er organisiert und durchgeführt wurde, dazu noch einmal Michal Korman: "Das Zentrum der revolutionären Bewegung der slowakischen Arbeiterklasse war Liptovský Svetý Mikulás. Schon Ende des Jahres 1917 waren wir in allen Fabriken organisiert. Es wurde nur auf den Befehl gewartet - er kam am 22. April 1918. Die Führung der Arbeiterpartei aus Pest gab den Aufruf zur Durchführung eines Proteststreikes gegen den Krieg und für ein allgemeines Wahlgesetz."

Auch 18 Jahre später, im Mai des Jahres 1936, hatte der Kampf- und Feiertag der Arbeiter in der ersten tschechoslowakischen Republik seine wirtschaftspolitische Bedeutung. Dr. Frantisek Soukup schilderte sie aus seiner Sicht damals mit folgenden Worten: "Der 1. Mai 1936. Der 1. Mai war seit jeher das Symbol des Frühlings, der Wiederkehr der Sonne und der Erneuerung der Natur. Heute ist der 1. Mai auch das Symbol der höchsten Ideale der Menschheit: der Freiheit, Brüderlichkeit und des Friedens. Es war auf dem Weltkongress der Sozialisten in Paris - da wurde der 1. Mai zum Weltfeiertag der Arbeit ausgerufen. Am 1. Mai 1890 wurde unter dem Banner der internationalen Arbeiterbewegung für bürgerliche Gleichberechtigung, für die Verkürzung der Arbeitszeit und für den Weltfrieden demonstriert. Viele dieser Ziele wurden bereits erfüllt. Auch unsere nationale Freiheit, die Unabhängigkeit der Republik, ist die Frucht der großen Ideale des 1. Maies, die da wären: Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit."

Laut Soukup habe man am 1. Mai 1936 insbesondere für die Aufrechterhaltung des Friedens in Europa und in der Welt demonstriert. Eine vergebliche Beschwörung, wie sich drei Jahre später, als der Zweite Weltkrieg ausbrach, leider herausstellte. Doch wie begeht man den 1. Mai eigentlich heutzutage, in der Zeit nach dem Zerfall des kommunistischen Regimes 1989, in der Tschechischen Republik. Dazu gleich mehr.

1. Mai 2002: Anarchisten in Brno Brün (Foto: CTK)
Im Unterschied zur Zeit der kommunistischen Herrschaft, als es zur glorifizierten Gewohnheit gehörte, anhand vorgeschriebener Maiumzüge das totalitäre Regime und dessen Errungenschaften zu feiern, ist der 1. Mai in Prag im zurückliegenden Jahrzehnt schon fast traditionell mit dem kontroversen Aufeinandertreffen von Anhängern der ultrarechten und ultralinken Szene verknüpft. Im Jahr 1992 kam es dabei erstmals zur Auseinandersetzung von 200 Anarchisten mit rund 150 Skinheads. Die Polizei nahm mehrere Demonstranten beider Lager fest, und das vor allem wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Ähnlich verliefen die nachfolgenden Tage der Arbeit ab - mal weniger dramatisch oder aber besonders exzessiv wie 1995, als nach dem Umzug der Extremisten u.a. zwei McDonalds-Restaurants in der Innenstadt demoliert und Demonstranten wie Polizisten verletzt wurden. Die Anarchisten protestierten damals gegen rassistisch motivierte Äußerungen der Gewalt, die angebliche Arroganz der Politiker und die Böswilligkeit der Polizisten. Des weiteren gegen den schlechten Zustand der Umwelt sowie gegen den Beitritt Tschechiens zu EU und NATO.

Ziele, Inhalte und Akteure der Kundgebungen zum 1. Mai haben sich also stark gewandelt. Zudem hat der erste Tag des Wonnemonats als Kampf- und Feiertag der Arbeiter an Bedeutung verloren. Vielleicht erhält er schon bald, auch wegen der anhaltenden Arbeitslosigkeit, insbesondere in den Industrienationen, eine neue Orientierung. Wir werden es verfolgen. In diesem Sinne verabschieden sich vom Mikrofon - Markéta Maurová und Lothar Martin.