Der Hexenwahn in der Gegend von Jeseník im 17. Jahrhundert

Folterinstrumente

Rational nicht erklärbare Erscheinungen waren seit jeher der Nährboden für die Ängste der Menschen. Im 17. Jahrhundert bekam die Bevölkerung in dem heutigen Mährisch-Schlesien vieles davon zu spüren. Es geht um den Hexenwahn in der Gegend.

Quelle: The History of Witches and Wizards 1720/University of Texas,  public domain

Kriege, Seuchen, Pandemien, Missernten und Hungersnöte haben die frühe Neuzeit geprägt. Wissenschaftler sehen sie unter anderem als Folgen einer deutlichen Klimaverschlechterung in Mitteleuropa damals, die heute auch als Kleine Eiszeit bezeichnet wird. Die Menschen jedenfalls fragten sich nach den Ursachen der Katastrophen und fanden im Rückgriff auf das Mittelalter ihre Sündenböcke. Ihrer Überzeugung nach lebten damals Hexen und Zauberer mit übernatürlichen Fähigkeiten, die im Pakt mit dem Teufel Schadenzauberei praktizierten.

Auch Schlesien blieb vom Dreißigjährigen Krieg nicht verschont. Mit dessen Beginn im Jahr 1618 schlug die Stimmung der Bevölkerung in allgemeine Verzweiflung um. Ein Ausdruck dessen wurde der aggressive Hexenwahn. Dieses Phänomen aus dem Mittelalter führte 1622 in der Stadt Freiwaldau, heute Jeseník, zur ersten Anklage. Damit begann dort eine Welle der Hexenverfolgung, die sich später auf weitere nahe gelegene Regionen ausbreitete.

Vortrag von Michaela Neubauerová über die Hexenprozesse im Museum von Jeseník | Foto: Museum von Jeseník

Michaela Neubauerová ist Historikerin im Bezirksarchiv von Jeseník. Seit über 20 Jahren befasst sie sich schon mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte Schlesiens, das bis 1742 eines der sogenannten Nebenländer der Böhmischen Krone innerhalb der Habsburger Monarchie war. Neubauerová erläutert:

„Im 17. Jahrhundert fanden auch in Böhmen und Mähren Hexenprozesse statt. Dort wurden sie jedoch überwiegend gegen einzelne Personen geführt. Wesentlich anders war das in den besiedelten schlesischen Landstrichen am Fuße des Altvatergebirges. Zu den Regionen mit einer erschreckenden Bilanz bei der Hexenverfolgung gehörten außer Freiwaldau auch die Gegend von Mährisch Schönberg und Groß Ullersdorf.“

Quelle: W. Schild. Die Maleficia der Hexenleut/Martin Le France,  public domain

Laut der Historikerin sind die Gerichtsakten aus Freiwaldau nicht in dem Umfang erhalten wie jene aus Šumperk / Mährisch Schönberg und Velké Losiny / Groß Ullersdorf. Weiter sagt sie...

„Der größte Teil der erhalten gebliebenen Gerichtsdokumente mit dem Bezug auf Jeseník stammen aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Das Protokoll über den ersten bekannten Hexenprozess in Jeseník ist auf den 21. Juni 1622 datiert. Sein Opfer war Barbara Schmied, die Ehefrau des Gemeindehirten Christoph Schmied, der sie im Sommer desselben Jahres auf dem Totenbett als Hexe beschuldigte. Sie sollte ihm unter anderem vergifteten Käse verabreicht wie auch eine Krankheit angehext haben. Barbara Schmied wurde kurz darauf inhaftiert, verhört und zweimal der Folter unterzogen. Damals hieß das die Tortur. Erst bei der zweiten Tortur mit dem Ansengen von Beinen und Körper konnte ihr Wille gebrochen werden.“

3. Juli 1622: Barbara Schmied

Aus den Akten geht aber hervor, was Barbara Schmied bei den Vernehmungen ausgesagt haben soll:

„Hierzu haben wir allerdings nur einen Teil des Gerichtsprotokolls mit insgesamt 87 Textseiten zur Verfügung. Es fehlen der Anfang und das Ende. Einer anderen Quelle ist jedoch zu entnehmen, dass sie am 21. Juni 1622 verhört wurde und was sie bei der ersten und der zweiten Tortur aussagte. Zunächst bestritt sie, eine Hexe zu sein, und sagte, sie habe nichts von dem gemacht, was ihr vorgeworfen werde. Laut einem anderen Textabschnitt mit der Überschrift ‚Tortur‘ gestand sie jedoch dann, eine Hexe zu sein, die dies und jenes gemacht habe.“

Vortrag von Michaela Neubauerová über die Hexenprozesse im Museum von Jesenik | Foto: Museum von Jeseník

Die erste der drei Stufen der Tortur bestand im Übrigen darin, dass der Henker den Beschuldigten die Folterinstrumente vorstellte, um sie einzuschüchtern und ihnen sofort ein Geständnis abzuringen. Erst danach begann er damit, Schmerzen hinzuzufügen.

Barbara Schmied wurde am 3. Juli 1622 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Hinrichtungen durch den Feuertod wie diese fanden in Neiße / Nysa auf der heutigen polnischen Seite sowie in Freiwaldau statt.

Bei den Gerichtsverfahren wollten die Richter in der Regel die Namen der Mittäter erfahren. Die absolute Mehrheit von ihnen waren Frauen. Auch sie wurden dann verhaftet und angeklagt. Bekannt ist, dass durch die Aussagen von Barbara Schmied fünf weitere Frauen verhört und gefoltert wurden. Wie eine Welle kamen so immer mehr Frauen vor die Anklage. Und so stieg die Zahl der unschuldigen Personen, die letztlich zum Tod verurteilt wurden.

Vortrag von Michaela Neubauerová über die Hexenprozesse im Museum von Jeseník | Foto: Museum von Jeseník

Als strafmildernd galt, wenn die Opfer vor der Verbrennung am Galgen gehängt oder enthauptet wurden. Das heißt, nur die sterblichen Überreste kamen dann auf den Scheiterhaufen. Das Feuer sollte die vom Teufel besessene Seele reinigen, um ihr den Zugang zum Himmel zu ermöglichen.

Die Tortur

Von den Angeklagten wurde auch ein Geständnis über die Teilnahme am sogenannten Hexensabbat verlangt.

Folterinstrumente wie unter anderem eine Beinschraube | Foto: Jitka Mládková,  Radio Prague International

„In den Protokollen werden diese Treffen als Hexenzusammenkunft oder teuflische Zusammenkunft bezeichnet, zu der die Hexen auf dem Besen, der Mistgabel, auf einem Hund, Stuhl oderanderem Zubehör flogen. Bei einer solchen nächtlichen Zusammenkunft an einem geheimen Ort gab es dem Aberglauben nach ein Festmahl, Tanz oder auch Orgien. In diesem Zusammenhang mussten die Angeklagten über ihre, wie es hieß, ‚Flugsalben‘ aussagen, mit deren Hilfe das sogenannte ‚Ausfahren‘ zu ihrem Treffpunkt möglich gewesen sein soll. Beim Studium der Archivalien habe ich mich unter anderem auch für Pflanzen und Kräuter interessiert, die schon im Mittelalter verwendet wurden. Die Namen der Salben sind ebenfalls im Protokoll zum Strafverfahren gegen Barbara Schmied festgehalten. Es ist zugleich die erste dokumentierte Information über das Sammeln von Wildkräutern in unserer Region. Kräuter- und heilkundige Frauen waren seit jeher unersetzlich im täglichen Leben von Dorfgemeinschaften. Sie kannten die besten Sammelplätze und wanderten in die Hochlagen der umliegenden Berge, um zu bestimmter Zeit Kräuter zu sammeln. Für ihre Betätigung als Ratgeberinnen, Hebammen oder Apothekerinnen eigneten sie sich umfassende Kenntnisse über die Natur an.“

Beinschraube | Foto: Jitka Mládková,  Radio Prague International

Ungefähr um das Jahr 1645 entstand eine Landkarte, in der jene Orten verzeichnet waren, an denen angeblich der Hexenzauber im Gebiet von Freiwaldau praktiziert wurde. Was auch unbedingt in die Gerichtsprotokolle eingetragen werden musste, waren die genauen Ortsnamen, an denen sich die Angeklagten zum Hexensabbat getroffen haben sollen. Im schlesisch-mährischen Grenzland war dies der 1438 Meter hohe Peterstein mit seinem Gipfelfelsen, der heute Petrovy Kameny heißt. Der Ort wurde als Zentrum böser Kräfte angesehen.

Nicht nur die Inquisition

Michaela Neubauerová ist Autorin beziehungsweise Koautorin von Büchern und Artikeln über die Hexenverfolgung im Vorland des Altvatergebirges. Dabei konzentriert sie sich auf die Jahre 1622 bis 1679. Die Inhalte ihrer Bücher und Artikel, die sie als populär-wissenschaftliche Literatur definiert, stützen sich auf Originalquellen. Dass dies möglich war, verdankt die Historikerin unter anderem der Öffnung des Staatlichen Archivs im polnischen Wrocław, früher Breslau, in dem sie relevante Dokumente finden konnte. Das Studium der alten Archivalien sei für sie eine Herausforderung gewesen, gesteht Neubauerová:

Namen der Opfer der Hexenprozesse | Foto: Jitka Mládková,  Radio Prague International

„Es waren ungefähr 400 Seiten mit Texten in altem Deutsch. Zum Großteil ging es darin um die Korrespondenz des Landeshauptmanns Hodice mit Sitz in Neiße, der Hauptstadt des gleichnamigen schlesischen Fürstentums. Er tauschte sich in seinem Briefwechsel mit dem Bischof von Breslau über die Hexenprozesse aus. Die Region von Freiwaldau gehörte damals politisch zum schlesischen Fürstentum Neiße und wurde daher auch unter Hodices Leitung verwaltet. Die dort befindlichen Liegenschaften wurden allerdings vom Breslauer Bischof betreut. In seiner Position waren das kirchliche und weltliche Amt gekoppelt. Sein offizieller Titel war Fürstbischof.“

In diesem Zusammenhang verweist Michaela Neubauerová auf die lange Zeit vorherrschende Meinung, dass die Hexenprozesse in der Regie der Kirche, sprich der Inquisition, organisiert worden seien. Sie behauptet jedoch, dass der Einfluss der weltlichen Obrigkeit auf den Verlauf der Gerichtsverfahren in der frühen Neuzeit bereits groß gewesen sei.

250 Opfer in Mährisch-Schlesien

Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges hörten die Hexenprozesse allerdings nicht auf. Michaela Neubauerova zufolge kam es auch danach zu einer Vielzahl solcher Verfahren, wobei finanzielle Interessen ein nicht unwesentliches Element der Anklagen bildeten. Die Ära des Hexenwahns in der frühen Neuzeit bewertet sie so :

„Hier kamen die Opfer der Hexenprozesse in den Flammen um.“ | Foto: Miroslav Kobza,  Tschechischer Rundfunk

„In ihrer Zahl und Brutalität waren die Hexenprozesse in Mährisch-Schlesien außergewöhnlich. Aktuell wird geschätzt, dass es 250 Opfer gab. Das ist die Hälfte aller Opfer der Hexenverfolgung in Schlesien, die im Zeitraum dreier Jahrhunderte – ab dem 15. bis ins 18. Jahrhundert – verzeichnet wurden. Mit Unterstützung der Obrigkeiten verwandelte sich die Stimmung in dieser Region in eine Massenhysterie, in der praktisch jedermann unabhängig von seiner sozialen Stellung gerichtet werden konnte. Da die Menschen mit tatkräftiger Unterstützung der damaligen Gerichtsbarkeit im Sinn von Foltermethoden getötet wurden, kann man sie als Opfer von Justizmorden bezeichnen.“

In den Kellern des Heimatmuseums in Jeseník wurde 2011 eine Dauerausstellung eingerichtet, die den Besuchern einen Einblick in diese grausame Periode in der schlesischen Geschichte vermittelt. Mit einem Audioguide in vier Sprachen – darunter auch Deutsch – kann man unter anderem die Handkopien wichtiger Gerichtsprotokolle wie auch Nachbildungen zeitgenössischer Folterinstrumente sehen.

Zur Erinnerung an die Hexenprozesse im 17. Jahrhundert befindet sich in Jeseník ein Gedenkstein mit der Inschrift: „Hier kamen die Opfer der Hexenprozesse in den Flammen um.“