„Die Auslandssender waren eine wichtige Verbindungsmöglichkeit im ‚Tal der Ahnungslosen‘“
Als Jugendlicher suchte er über das Radio den Kontakt zur freien Welt. Was als Faszination für das tschechische Nachbarland begann, wurde im August 1968 zu einer tiefen persönlichen Zäsur. Thomas Lösche erzählt über Hoffnung, das schmerzhafte Erleben des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Staaten und die bleibende Verantwortung als deutscher Nachbar.
Liebe Radio-Prag-Mitarbeitende,
schön, dass es ein Jubiläum gibt. Glückwunsch!
Um die Isolation in der DDR nicht so stark zu spüren und Grenzen zu überschreiten, habe ich als älteres Kind angefangen, Briefmarken zu sammeln. So konnte ich mich mit der Welt verbinden. Aber auch die deutschsprachigen Auslandssender waren eine wichtige Verbindungsmöglichkeit im „Tal der Ahnungslosen“ – wie man in der DDR das obere Elbtal nannte, da wir dort kein Westfernsehen empfangen konnten. Ich habe Radio Stockholm, Radio Moskau und sogar Radio Tirana gehört, obwohl Letzteres eigentlich nur „Müll“ sendete. Aber es war eben das Ausland. Da ich in der Nähe von Bad Schandau aufgewachsen bin, war ich auch ein „Grenzgänger“ – allerdings nicht wegen Kacheln oder Badarmaturen, sondern beim Wandern. Wann immer es möglich war, sind wir im Böhmischen wandern gegangen: zuerst ich mit meinen Eltern, später dann als Erwachsener.
ZUM THEMA
Ich habe 1968, im Alter von 15 Jahren, begonnen, Radio Prag zu hören. Damals war die Berichterstattung plötzlich ganz anders: offener, mit weniger Stereotypen und politisch sehr spannend. Bei unseren Wanderungen konnte ich immer ganz gut mitreden, wenn es möglich war, auf Deutsch mit Tschechen zu reden. Plötzlich konnten viele Deutsch, die Menschen tauten förmlich auf, und das Grau verschwand – genau, es war der Prager Frühling! Auch im Sender. Wie oft habe ich die Namen Dubček, Svoboda, Černík, Smrkovský und so weiter gehört und selbst ausgesprochen.
Am 1. Mai 1968 waren wir zum Beispiel in der Böhmischen Schweiz wandern. Mein Vater warnte unsere tschechischen Gesprächspartner damals mit dem Hinweis auf Ungarn 1956. „Nein“, sagte man uns, „wir haben jetzt 1968, die Russen werden es nicht wagen.“ Immer wieder hing ich abends mit dem Ohr am Apparat, wenn Radio Prag sendete. Ich war begeistert von den Veränderungen und darüber, wie unglaublich offen und kommunikativ unsere tschechischen Nachbarn plötzlich sein konnten.
Am 21. August 1968 waren wir als Familie in Johanngeorgenstadt im Urlaub. Gegenüber liegt ein kleiner tschechischer Ort, in dem es damals jedenfalls eine Fabrik gab. Auf Deutsch heißt der Ort Breitenbach. Heute ist da ein vietnamesischer Markt. Der Ort liegt am Fuße des Plattenberges (Blatenský vrch). Es gab dort aus alten Zeiten einen ungenutzten Grenzübergang. Am Schlagbaum hatten die Menschen aus Breitenbach am 21. August 1968 ein Plakat angebracht: „Okkupanten hinaus – das ist unsere Sache!“. Und auf dem schrägen Dach der Fabrik standen die oben genannten Namen der tschechoslowakischen Politiker. Natürlich zog es uns an diesem Tag hinunter an den Grenzfluss. Unsere Polizei sagte zu den vielen neugierigen DDR-Leuten: „Bitte weiter gehen, keine Gruppen bilden“. Plötzlich Schüsse. Die Leute schrien, rannten weg. Man Vater lag flach auf der Straße. NVA-Soldaten rannten auf den tschechischen Schlagbaum zu. Dort standen alte Männer und Frauen, Mütter mit ihren Kindern und ein Polizist. Die dachten natürlich auch, dass sie jetzt angegriffen werden. Aber die NVA-Soldaten hatten "nur" den Befehl, das Plakat vom tschechischen Schlagbaum zu demontieren und zu vernichten. Das war´s dann. Da habe ich mich erstmalig geschämt, ein Deutscher zu sein.
1938 / 1968 – wie peinlich. Für mich, ders ich mich in dieser Zeit so sehr mit seinen tschechischen Nachbarn über die humanistischen Veränderungen in der ČSSR gefreut hatte, brach eine Welt zusammen. Und später, als man wieder in Böhmen wandern konnte, war ich so erschüttert, wie deprimiert die Bevölkerung war: Alles war wieder grau und hoffnungslos, die Menschen wollten nicht mehr mit uns reden. Die DDR war ja indirekt doch auch mitbeteiligt am Einmarsch am 21.8. – schließlich war der russische Generalstab auf dem Großen Winterberg untergebracht. Ich hatte keine Lust mehr, Radio Prag zu hören. Es wurde uns zugemutet zu glauben, dass man die Sowjetunion als „Bruderhilfe“ herbeigerufen hatte, und es gab wieder nur die sozialistischen Floskeln. Ich habe echt gelitten. Ich war so stolz gewesen auf die mutigen Tschechen und ihren passiven Widerstand…
Wir haben gefeiert, als wir im Herbst 1989 Alexandr Dubček in Prag auf einem Balkon sahen und er zum Volk sprach. Es war wie eine Auferstehung.
Später nach der Wende fiel mir ein, dass man vielleicht einen Newsletter von Radio Prag abonnieren kann. Das habe ich dann auch getan.
Wenn es passt und ich in Deutschland eine Tschechin oder einen Tschechen treffe, entschuldige ich mich bei ihnen für den „Einmarsch“ am 21. August 1968 – und dafür, dass wir „DDRler“ uns als Deutsche nach 1938 erneut an einer solchen Schande beteiligt haben. Heute freue ich mich, gelegentlich wieder im Böhmischen wandern zu können. Ich genieße es, dass es so viele Eisenbahnverbindungen gibt, bedauere aber, dass es im Nationalpark leider zu wenige Grenzübergänge für Fußgänger gibt. Ich freue mich, dass ich vor einigen Jahren sogar einen Praktikanten aus Tschechien betreuen durfte; so konnte ich mein bisschen Tschechisch endlich einmal anwenden. Übrigens: Am 28. März 1969 habe ich in einer tschechischen Kneipe das legendäre Eishockey-Spiel zwischen der Tschechoslowakei und der UdSSR gesehen – zumindest soweit man den Bildschirm wegen des Rauchs und der wild herumfuchtelnden, ständig aufspringenden Menschen überhaupt erkennen konnte. „Meine“ Tschechen siegten damals mit 4:3. Es war ein heldenhafter Moment! Glücklicherweise kann man bei Radio Prag darüber auch noch heute einen Artikel mit Video finden.
Nochmals entschuldige ich mich als Deutscher beim tschechischen Volk und hoffe, dass es viele Projekte und Begegnungen gibt und geben wird, die der Versöhnung dienen.
Thomas Lösche, Magdeburg
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